Essen in USA (15/19): Comfort Inn und Fricker‘s

Wir fahren weiter Richtung Westen. Bei Milan wechseln wir auf die 250 nach Norden bis nach Sandusky. Wir blicken auf den Erie See, er ist wie eh und je, See halt, eine Ergriffenheit bleibt aus, und Schwalbe fliegt auch keine. Vor Sandusky liegen mehrere Inseln, eine davon ist Cedar Point, darauf ist ein großer Vergnügungspark im besten imperialen Stil. Als Sechszehnjähriger war ich hier, mit Laurice, damals gab es hier die größte Holz-Achterbahn der Welt, ohne Superlative geht nix in Amiland. Bevor ich sentimental werde, fahren wir weiter, außerdem will Caro unbedingt wissen, wer Laurice ist oder war. Wir machen noch einen Schlenker auf dem Damm über die Sandusky Bay rüber nach Port Clinton und dann wieder nach Süden den Sandusky River runter. An diesem Tag haben wir keine Lust mehr, weiterzufahren, nach Racine sind es noch 6 bis 8 Stunden, also kaufen wir zwei Flaschen vollkommen überteuerten Champagner, dazu ein paar Knabbersachen und mieten wir uns in einem halbwegs vertrauenserweckenden nächstbesten Hotel bei Fremont ein, es nennt sich Comfort Inn & Suites, auch irgend so eine Kette. Das Haus liegt right in the middle of nowhere in einem Industriegebiet, aber einerlei. Es ist sauber, die Rezeptionistin ist freundlich, Halle, Frühstücksraum und Zimmer sehen aus wie hunderttausend andere amerikanische Mittelklasse-Hotels, aber wir haben ein Zimmer mit großer Whirlpoolbadewanne mitten im Raum, dazu gibt es ein ordentliches Hallenbad ebenfalls mit einem Whirlpool, und vis-à-vis liegt eine Kneipe, die einen recht guten Eindruck macht. Den Rest des Nachmittages verbringen wir zuerst schwimmend und plantschend in den Pools, dann ziehen wir uns auf unser Zimmer zurück und suhlen uns dekadent mit Champagner und Knabbereien in unserem Whirlpool. Das ist alles soweit ganz nett und OK und für gut US$ 100 auch nicht überteuert. Nur das Frühstück am nächsten Morgen ist wieder sowas von typisch, dass es weh tut. Keinerlei Geschirr, ausschließlich Pappteller, Plastiknäpfe, Plastikbesteck, Pappbecher, warmgehaltene Eierpampe, industrielles Wabbelbrot und industrielle süße Teilchen, Cerealien in der Portions-Verpackung, kein frisches Obst, kein Käse, keine Wurst, eigentlich nur industrieller Scheiß, hingestellt ohne weiteren Service in einer schlechteren Wartehalle. Imperiales Mittelklasse-Hotelfrühstück ist wirklich nichts für mich.

Gegen Abend beginnt uns dann doch, der Hunger zu quälen. Wir ziehen uns an und gehen über die Straße in einen Laden namens Fricker’s, ein quadratischer, rot angemalter Betonklotz mit rot-weißen Jalousien mitten auf einem großen Parkplatz mitten in der Pampa, im Prinzip könnte das auch eine Reifenwerkstatt oder ein Bestattungsunternehmen sein, diese gesichtslose Bauweise ist multifunktional, praktisch, austauschbar, aber schön, interessant, ansprechend geht gewiss anders. Der Parkplatz ist ebenfalls praktisch und unbedingt notwendig, ohne Auto ist es fast unmöglich, zu diesem Laden am Stadtrand zu kommen, öffentlicher Nahverkehr ist weit und breit nicht zu sehen (wozu auch, wenn alle ein Auto haben), und Wohnsiedlungen gibt es in der Umgebung auch keine. Es ist halt mal wieder ein typisch amerikanisches Kneipenkonzept mit funktionaler Architektur auf der grünen Wiese (bzw. auf der zubetonierten und –asphaltierten Wiese). Was ich mich nur immer frage ist, wie es die Amis mit dem Alk machen: einerseits braucht man ein Auto, um saufen zu gehen, andererseits gelten Null Promille im Straßenverkehr und die Kontrollen sind streng und die Strafen drakonisch. Und dass alle nur Coke trinken, stimmt zumindest im Fricker’s bestimmt nicht. Denn das Fricker’s ist eine richtige Kneipe, wenn schon nicht Dorf-, so doch Land-Kneipe, und das durchaus in positivem Sinne, so man denn Kneipen mag. Man betritt einen recht großen Raum, als erstes fällt auf, dass es kaum Tageslicht gibt, nur dämmriges, vielfach buntes Kunstlicht, dann ein mächtiger U-förmiger Tresen in der Mitte des Raumes, bestückt mit reichlich Alkoholflaschen, an seiner hinteren Seite eine imposante Batterie von 20 verschiedenen, großen, distinktiv geformten und auffällig bemalten Bierzapfhähnen (Bier kommt allerdings aus keinem der Hähne, nur 20 verschiedene Ami-Plörren), einfache Tische und Stühle, natürlich keine Tischwäsche, statt dessen auf vielen Tischen ein aufgeklebter quietschegelber, lustig dreischauender Vogel in Sportkleidung, das Maskottchen des Fricker’s, dazu liegen überall Keno Tippscheine rum, die Bedienungen sind durch die Bank weg jung, weiblich, gut bebust, hübsch, kurze Hosen, schwarzes Hemdchen mit Fricker’s Schriftzug und dazu „Staff“ darauf, durch die großzügigen Ausschnitte an Armen und Dekolleté sieht man (Mann) die schwarzen BHs darunter recht gut, wenn sex tatsächlich sells, dann brummt dieser Laden nur so, in Deutschland würde hier wahrscheinlich die unheilige Alice reinfahren wegen Sexismus pur, von wegen prüde USA, bis auf die Schnapsgläser die tatsächlich aus billigem Pressglas sind, gibt es nur Plastikgetränkebecher, Plastikteller, Plastiknäpfe, Plastikplatten, das ist ziemlich widerlich, an den Wänden Bilder und auf alt gemachte Neon-Reklamen, dazu überall große Bildschirme, sogar von der Decke hängend, die ohne Ton unterschiedliche professionelle Sportdeppen bei ihren unproduktiven, unnützen und hochdotierten Verrichtungen zeigen, der ganze Laden ist bei aller scheinbaren Lässigkeit CD-mäßig komplett und ziemlich gut durchgestylt, überall finden sich der „Fricker’s“ Schriftzug und der gelbe Vogel, „Fun – Food – Sports – Spirits“ ist der Claim des Etablissements, und „bonless fried wings“ (markenrechtlich geschützt als „Frickin’ Chicken® Wings“) sind das signature dish … knochenfreie frittierte Flügel, wir wollen uns gar nicht vorstellen, was genau das ist und wie im Detail und woraus das gemacht wird. Diese Masse an Corporate Design wäre zu viel Aufwand für ein einzelnes Lokal, tatsächlich ist das Fricker’s eine Franchise-Kette, aber eine kleine, lokale, im Familienbesitz, mit 24 Filialen, meist in Ohio, für 1,25 Millionen US-Dollar kann man Franchise-Nehmer werden, davon müssen eine viertel Million flüssige Mittel sein und Privathäuser werden nicht als Sicherheit akzeptiert; ich hätte nicht gedacht, dass es so teuer ist, Kneipier zu werden. Dem Publikum dürfte das egal sein, das ist reichlich und bunt gemischt, Familien mit übergewichtigen Kindern, die mit Billigung der Eltern, meist auch mit den Eltern Berge von Junk Food in sich hineinschaufeln, und das mit Tischmanieren, da würde es jeder Wildsau noch grausen, Männerrunden jeden Alters und jeder sozialen Schicht – von Latzhosen- bis Schlipsträgern – beim Feierabend-Bier oder beim Kampf-Saufen, Einzelgänger, die bei Bier und Schnaps den Sportprogrammen folgen, flirtende junge Pärchen (welch romantischer Ort), ältere Paare, die einfach nur was Essen, an einem der Ecktische sitzt ein nobler, aber geschmacklos gekleideter mittel-alter Mann mit großem beigem Cowboy-Hut, der ein wenig an Bob Dylans „Lily, Rosemary and the Jack of Hearts“ erinnert, da heißt es „Big Jim was no one’s fool, he owned the town’s only diamond mine“. Auf den ersten Blick könnte man glauben, hier könnte man sofort einen us-amerikanischen Mikro-Zensus erheben, so bunt gemischt wie das Publikum ist, offensichtlich aus allen Alters- und Bevölkerungsschichten. Erst auf den zweiten Blick wird einem dann aber klar, dass hier ausschließlich Weiße verkehren, die aber nur 60% des imperialen Menschenbestandes ausmachen, die 18% Hispanier, 13% Schwarze und 6% Asiaten fehlen hier gänzlich, ganz zu schweigen von dem 1% der nicht getöteten Ureinwohner, selbst die Bedienungen sind rein weiß. Lässt man diese ethnische Mikro-Situation außeracht – ich maße mir jetzt nicht an, hier irgendein Urteil zu fällen oder einen Stab zu brechen, vielleicht leben in der Gegend nur Weiße, vielleicht mögen Asiaten keine knochenlosen Flügel, aber vielleicht werden hier Schwarze tatsächlich nicht gern gesehen und diskriminiert, keine Ahnung – und die Dauer-Sport-Berieselung einmal außeracht, so ist das eine richtig gemütliche Kneipe, wir sitzen kaum, schon sind wir mit den Theken-Nachbarn im Gespräch, wie wir hießen, woher wir kämen – „Ah, Germany, my grandfather was in Wiesbaden after World War Two for several years, Old Ironsides …“ –, was wir hier täten, das Übliche halt, was man in Kneipen so quatscht, eigentlich vertane Atemluft, aber was soll’s, man ist ja freundlich und Gast dazu, das Bier ist schlechtere Limo, aber eiskalt, die Drinks haben eine ordentliche Größe und erschwingliche Preise, die Bedienungen sind langsam, bemüht, freundlich, aber – wie gesagt – für Männer durchweg hübsch anzuschauen, Caro versucht das Ganze einfach zu übersehen und drüberzustehen (was ihr nicht ganz gelingt), dazu trällern im Hintergrund Pink und die Dire Straits, kein Mainstream-Gedudel. Die Speisekarte ist dann auch speziell, speziell zumindest was die Zusammenstellung des Angebotes anbelangt. Spezialität des Hauses sind wie gesagt frittierte Hühnchenflügel in verschiedenen Arten, mit oder ohne Knochen, paniert oder natur, Ranch oder BBQ oder asiatisch oder Cajun gewürzt, dazu ein gutes Dutzend Tunken von Teriyaki oder Honig-Senf über Bourbon-Melasse oder Knoblauch-Parmesan bis hin zu Sweet Chili oder Frickin’® Killer. Dann gibt es die üblichen Burger und Sandwiches, Variationen von Pizzen und toten Kühen, Quesadillas und Wraps, ein paar Salate, Vorspeisen, Suppen und Desserts, nichts davon, was man nicht schon tausend Mal auf anderen Karten gesehen hätte. Wir starten also mit der Hausspezialität Chicken Wings, Caro mit Knochen und Cajun Würzung, dazu Pommes, Brot und Salat. Der Salat besteht aus geschnittenem Eisbergsalat und ein paar Tomatenwürfeln ohne Dressing, das Brot sind zwei kurz angewärmte, industrielle, labbrige, süßliche Rolls, die Pommes sind lauwarme, fette, wabblige Irgendwasse aus Irgendwas; allein diese drei Menue-Bestandteile würden in Deutschland reichen, dreimal den Geschäftsführer kommen zu lassen. Die Chicken Wings sind dann halt Chicken Wings, mäßige Chicken Wings, nicht knusprig, aber zart, wahrscheinlich aus der Mikro, nicht wirklich scharf, sondern penetrant süßlich gewürzt, und mit Knochen. Ich habe einen Teller voller „”Boneless” Frickin’ Chicken® Wings – All the fun of Our World Famous Frickin’ Chicken® Wings without the Bone!” mit Asiatischer Würzung und Teriyaki Tunke. Entgegen meinen Befürchtungen ist das kein Formfleisch, sondern offenbar tatsächlich Hühnchenflügel ohne Knochen, wie auch immer die das machen. Die Haut ist saftig, Würzentunken-schwanger und leicht knusprig, das Fleisch darunter zart, aber alles wieder süßlich-undefinierbar gewürzt, Teriyaki ist das jedenfalls nicht. Danach der Burger ist eine kalt-trocken-wabblige Katastrophe, die nach zwei Bissen zurückgeht, Caro hat ein tadelloses Porterhouse Steak, die Käsenudeln, die sie dazu bestellt hat, um die Pommes tunlichst zu vermeiden, toppen die Fritten um ein Vielfaches an Fettigkeit und schlechtem Geschmack, dafür sind sie höllisch-blubbernd Mikrowellen-heiß. Originell sind die ungesalzenen Fritten mit Puderzucker und Schokoladensauce als Dessert, deutlich besser jedenfalls als der Mirkowellen-erwärmte industrielle Smores (Smores ist ein typisch imperiales Lagerfeuer-Gericht, bestehend aus einem Marshmallow und Schokolade, die über dem Lagerfeuer schmelzend weich geröstet werden und dann kurz vor dem Dahinschmelzen mit zwei dunklen Keksen eingefangen und gegessen werden; Smores gibt es auch industriell vorgefertigt zu kaufen, sie sehen dann fast aus wie kleine Buchteln). Sind wir ehrlich: wir sind offensichtlich die Einzigen, denen es im Fricker’s nicht schmeckt, die ganze weiße imperiale Bande um uns herum jedenfalls spachtelt, was das Zeugs hält und als gäbe es kein Morgen. Vielleicht sind wir tatsächlich nicht geschaffen für die Amerikanische Volksküche, zumindest nicht für den offensichtlich vorherrschenden Küchenstil des Mikrowellen-Erwärmens industriell vorgefertigter Lebensmittel-Derivate.


Comfort Inn & Suites Fremont
840 Sean Street
Fremont, OH 43420
USA
Tel.: +1 (4 19) 3 55 93 00
Fax: +1 (4 19) 3 55 05 56
Online: https://www.choicehotels.com/de-de/ohio/fremont/comfort-inn-hotels/oh224?source=gyxt

DZ (Ü/F) US$ 102 bis 159

Fricker’s
865 Sean Street
Fremont, OH 43420
USA
Tel.: +1 (4 19) 3 33 94 64
Online: www.frickers.com

Hauptspeisen von US$ 4,49 (Hamburger) bis US$ 16,99 (Spareribs), Drei-Gänge-Menue von US$ 10,88 bis US$ 32,47

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