Der Boonker in Rijeka: Tolle Location, nette Leute, mieses Futter

Summa summarum eine wirklich nett gelegene Innenstadt-Location am Wasser, in der man jederzeit entspannt und ungezwungen einen Feierabend-Whisky oder -Kaffee, einen Wein oder ein Bier nehmen und dabei  auf’s Wasser, das städtische Treiben und manierliche junge Leute schauen kann, aber Finger weg von den Cocktails und den Speisen.

 

Es geschieht selten, dass meine Jungs und ich bei der Einschätzung von Restaurants und Hotels unterschiedlicher Meinung sind, und der Boonker in Rijeka ist einer dieser seltenen Fälle, und es ist wohl ein Generationen-Problem, wahrscheinlich bin ich einfach zu alt für den Boonker. Wie der Name bereits vermuten lässt ist der Boonker tatsächlich ein alter Bunker aus dem 2. Weltkrieg, direkt in der Stadt am Kai gelegen, geformt wie ein umgedrehter Bootsrumpf, keine Fenster, nur ein paar Schießscharten und eine kleine Tür, mausgrau angestrichen. Innen ist’s düster, eng, bedrückend, aber man geht nicht in den Boonker, um sich reinzusetzen. Vor dem Gebäude ist eine sehr großzügige, ansprechende, zum Teil überdachte Terrasse mit Bar, Lounge-Möbeln, Ess- und Bartischen und in der ersten Reihe geniale große Säcke zum wahrlichen bequemen, legeren Drauflümmeln. Und dieses ganze Ensemble liegt mitten in der Innenstadt von Rijeka direkt am Kai, keine 5 Meter vom Wasser entfernt, davor lediglich noch eine kleine Promenade. Man blickt auf ein paar Segelboote – die Yachten liegen weiter hinten – und zwei ausgemusterte Passagierschiffe am gegenüberliegenden Kai, die heute als Restaurant, Disco und Hotelschiff ihren Dienst tun. Hinter dem Boonker Hafenbetrieb, zuweilen fährt eine Lock vorbei – mitten durch die Stadt – oder ein paar Schlepper mit Containern, zwischen Boonker und Stadt pulsiert eine der innerstädtischen Hauptverkehrsstraßen.

Das Publikum ist überwiegend jung, gepflegt, manierlich, gut gekleidet. Die Kellner tragen karierte Hemden und Schirmmützen aus grauem Filz, der Maître d’hôtel ist offensichtlich eine junge Dame im hautengen Kleinen Schwarzen, die – scheinbar entspannt im Hier und Jetzt, tatsächlich aber mit Argusaugen – über das Treiben wacht. Die Speisekarte gibt es nur auf Kroatisch, eigentlich ein gutes Zeichen, dass der Boonker keine Touristen-Abzock-Kaschemme ist, sondern auf wiederkehrendes einheimisches Stammpublikum setzt. Es gibt ganz viele Pizzen mit Phantasie-Namen wie „Coco Chanel“ oder „Sigmund Freud“, Nudeln, Bruschette, Fingerfood, etwas Fisch und  Fleisch, sollte ich die Speisekarte charakterisieren, so würde ich sie „mediterran-italienisch“ nennen. Was die Qualität der Speisekarte anbelangt, so meinen meine Jungs „ganz ok“, ich meine „nicht akzeptabel“ (aber ich bin ja auch ein alter Sack, aber hier schreibt der alte Sack, nicht meine Jungs, also hier die Alte-Sack-Meinung.)

Die Bruschette sind Scheiben ungetoasteten Baguettes, belegt mit frischen, aber feuchten Tomatenstückchen und allerlei Zeugs (wie billigem Dosenthunfisch, Schrimps, Anchovis, Pršut) und sodann mit fettem Käse kurz überbacken; bis die Dinger am Tisch sind, sind die Baguettescheiben von den Tomaten durchweicht und bilden eine kalte, glibbrige Masse. Das Fingerfood – Schrimpsspieße mit Zuchinischeiben im Sesammantel, Hühnchenspieße, panierter und frittierter Käse, kleine gebackene Teigbecherchen gefüllt mit Tomaten, Fisch, Schinken und viel Billig-Käse – ist augenscheinlich tatsächlich selber gemacht und stammt nicht aus der Convenience-Wundertüte mit Chicken Wings und Mini-Pizzen wie so oft in Deutschland. Die verkochten Spaghetti Carbonara schwammen in einer milchigen – noch nicht einmal sahnigen, geschweige denn eigelbigen – Soße gemeinsam mit kaum angebratenem, geschweige denn knusprigem, dafür aber unendlich fettem Speck, von Carbonara, sprich schwarzem Pfeffer war gar nichts zu sehen. Die Pizzen schließlich sind in den Größen „riesig“ und „noch größer als riesig“ erhältlich, der Teig tatsächlich ordentlich, die Belage wiederum billigster Provenienz, Dosengemüse, davon aber viel, und darüber Berge von fettem Käse. Die Salate frisch und ordentlich geputzt, aber statt Dressing stehen auf den Tischen offene Kännchen mit schlechtem Olivenöl, einer fragwürdigen, sich als Aceto balsamico ausgebenden bräunlichen, dicklichen Flüssigkeit und offene Salznäpfchen, auch hier wieder frischer Pfeffer Fehlanzeige.

Wirklich drollig die Getränkekarte. Neben Bieren, ein paar wohlfeilen, vorwiegend einheimischen Weinflaschen, ein paar teuren französischen Champagnern (mit denen man gewiss junge Damen beim Balzen beeindrucken kann) und einer beeindruckend langen Liste von Schnäpsen und Likören zu durchaus wohlfeilen Preisen gibt es eine lange Liste von Cocktails, vom klassischen Martini über Fragwürdigkeiten wie Sex on the Beach & Co. bis hin zu einer Liste von „Strong alcoholic drinks“, die von Gesetzes wegen wahrscheinlich mit Aspirin und Kotztüte serviert werden sollten. Schaut man dann allerdings der jungen, durchaus bemühten und adretten Dame hinter der Bar bei der Arbeit zu, so wird sehr schnell klar, dass sie niemals auch nur ansatzweise eine Ausbildung zur Barfrau gemacht hat, sondern einfach nur wild und tumb Flüssigkeiten gemäß einer Liste neben der Theke zusammengießt und sodann zumeist wild schüttelt und in ein Glas gießt; der Shaker wird danach nicht etwa gespült, sondern gleich für den nächsten Drink verwendet. Es ist wirklich aufschlussreich und lustig, hier an der Bar zu sitzen und sich seinen Teil zu denken …

 

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