Auf der Suche nach der Deutschen Gastronomie: XXI. Ochsen in Mundelsheim

Tag 10: Oberwesel – Augsburg, 400 Kilometer, 5 Stunden Fahrtzeit, Lunch im Ochsen in Mundelsheim

So schön Auf Schönburg ist, so schön ist es auch, von dieser Gesellschaft wegzukommen. Der russische Hausmeister fährt unser Gepäck mit seinem Wägelchen zu unserem Wagen auf dem Parkplatz unten vor der Burg, dann ist kein Halten mehr, auf der B9 das Rheintal weiter nach Süden, hinter Bingen fahren wir auf die A61 auf, gegen Mittag quält uns hinter Heilbronn der Hunger, wir verlassen kurz die Autobahn und fahren auf der Random-Suche nach einem Wirtshaus durch elende Schwaben-Dörfer, viel Leerstand, viel Verfall, zuweilen trotzige Bautätigkeit, all die alten Löwen, Schwanen, Lämmer, Hirschen, Linden und wie die Deutschen Wirtshäuser hier einmal hießen zwischenzeitlich geschlossen oder umfunktioniert zur Spielhalle, im besten Falle noch ein italienisches Restaurant oder ein asiatischer Schnellimbiss oder ein osmanischer Schabefleischbrater. Geschlossene Bäcker, geschlossene Metzger, geschlossene Krämer, geschlossene Drogerien, geschlossene Haushaltswarengeschäfte, aber alle paar Kilometer ein Aldi, ein Edeka und ein Rossmann neu gebaut einträchtig auf der grünen Wiese, davor jeweils ein romantisch-kommunikativer Großparkplatz. Zusehends hungrig finden wir in Mundelsheim schließlich den Gasthof Ochsen, ein eher unscheinbarer, alter, verwinkelter, roter Gebäudekomplex mitten im Dorf. Nichts, aber rein gar nichts deutet hier auf gehobene Gastronomie hin, äußerlich würde ich den komplex eher unter ‚beginnender Verfall‘ einordnen … aber so kann man sich irren. Innen drinnen erwarten uns gepflegte schwäbische Gaststuben vom Feinsten, Holzdielenboden, holzvertäfelte Wände, Butzen-Fenster, weiße Vorhänge, weiße Leinentischwäsche, Blumenschmuck, kaum Deko-Zierrat, alles sehr gediegen, fast schon nobel. Das Restaurant ist am Sonntagmittag rappel-voll, keine Stadtfräcke, Großkopferte und Futter-Toursiten, sondern die heimische Dorfbevölkerung im Sonntags-Gewand spachtelt hier was das Zeugs hält. Eigentlich wollen wir nur rasch eine Kleinigkeit essen und kein großes Menue zu uns nehmen, obwohl die Speisekarte denkwürdig klingt. Da gibt es zum einen konventionellen Schwaben-Standard wie Maultaschensuppe, Ochsensülze, Schnitzel, Cordon Bleu, Rostbraten mit hausgemachten Spätzle und Mövenpick-Eis zum Dessert, aber das mit 7,50 EURO für eine Suppe und 25 EURO für ein Cordon Bleu zu durchaus stolzen Preisen für die tiefe Provinz. Zum anderen aber stehen auf der Karte Gerichte wie Apulische Burrata mit Auberginenkaviar und Pfifferlingen oder Roh marinierte Jakobsmuscheln mit Limonen Vinaigrette an Granny Smith und Fetakäse dazu Fliegenfischkaviar und Trüffelhonig oder Auf der Haut gebratener Loup de mer an mediterranem Gemüse, Auberginenkaviar und Paellea-Safran-Fumet dazu gratinierte Polenta oder Asiatisch gebratenes Hühnchen mit knackigen Zuckerschoten, Frühlingslauch und Soja Sprossen an Reisnudeln mit Tamarinde, frischem Koriander und gerösteten Erdnüssen. Nach vielen guten Worten platziert uns die freundliche Bedienung im Nebenraum am letzten freien Katzentisch, und nach noch mehr guten Worten und nach Rücksprache mit der Küche können wir auch einfach nur zwei Portionen abgeschmälzte Maultaschen mit Kartoffelsalat bekommen – in den meisten anderen rappelvollen Lokalen mitten im Sonntagmittag-Stoßgeschäft hätte man uns wahrscheinlich gesagt, wir mögen uns gefälligst an die Tageskarte halten, Extrawünsche seien grad gar nicht machbar, aber nicht so im Ochsen in Mundelsheim, und das rechne ich Christian Kölbl und seinem Team hoch, sehr hoch an. Was dann kommt sind tadellose Maultaschen, Nudelteig fest, Füllung ausgesprochen wohlschmeckend, frisch abgegekocht, darüber ein kurzes Bratensößchen mit sautierten Zwiebelstücklein darinnen (hätte es für mich nicht gebraucht, etwas Brühe und abgeschmälzte Zwiebeln wären mir persönlich lieber gewesen), dazu ein herrlich schlorziger schwäbischer Kartoffelsalat, genau das Richtige für einen kleinen Imbiss auf der Durchreise. Was wir jedoch an den Nachbartischen so an Speisen erspähen, macht eindeutig Lust auf mehr. Leider bietet der Ochse  keine Fremdenzimmer, aber wenn wir das nächste Mal in der Gegend sind, steht er ganz oben auf unserer Restaurant-Wunsch-Liste. Man wird davon allhier lesen.

P.S.: Dankbar bin ich Christian Kölbl übrigens auch, dass er „Ochsen“ nicht  mit „X“ schreibt, was für eine blödsinnige, alberne, modisch-weitverbreitete Angewohnheit.


Restaurant – Gasthof Ochsen
Christian Kölbl
Heinrich – Maulick – Straße 2
D – 74395 Mundelsheim
Tel.: +49 (71 43) 5 02 04
Fax: +49 (71 43) 85 18 58
Email:    info@ochsen-in-mundelsheim.de
Online: www.ochsen-in-mundelsheim.de

Hauptgerichte von 18,90 € (Schweineschnitzel mit Salat) bis 35,90 € (Rinderfilet, Riesengarnele, Mango, Wassermelone, grünen Bohnen, Süßkartoffel-Pommes), Drei-Gänge-Menue von 27,80 € bis 61,60 €

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