Auf der Suche nach der Deutschen Gastronomie: XV. Hotel Vier Jahreszeiten am Yachthafen in Bensersiel

Tag 6: Bremen – Bensersiel, 140 Kilometer, 2 Stunden Fahrtzeit, Übernachtung im Hotel Vier Jahreszeiten am Yachthafen in Bensersiel, Lunch im Butt in Jever


Caro will wenigstens einmal das Meer sehen, und das ist in dieser wattigen Gegend recht kompliziert. („Warum geht den Ostfriesen nie der Strom aus? Sie können sich ja jederzeit ein paar Kilo Watt hohlen!“ Lacher!) In Bensersiel, so suggerieren die trügerisch-verführerischen Bilder, gibt es Sandstrand und Wasser, außerdem einen kleinen Hafen, wo die Fähren nach Langeoog abfahren. Also flugs auf Basis der Papierform (oder besser Bildschirmform müsste es heutzutage ja heißen) das Hotel Vier Jahreszeiten am Yachthafen in Bensersiel gebucht, ein Zimmer mit „Meerblick“ und Balkon gar nicht mal so teuer. Bensersiel, das ist ein mächtiger Deich mit Tor, davor der Fährhafen nach Langeoog mit zwei Schifflein, die abwechselnd hin und her schippern, ein paar Lastkähne, die ganze Lebensmittel- oder Möbellaster auf die Insel bringen, Yachten sehen wir keine, aber ein paar weiter hinten im Wasser dümpelnde Jollen, ein Stücklein aufgeschütteter Sandstrand mit Campingplatz und Spaßbadeanstalt (die braucht’s auch, auch hier ist das Meer wattig), ein Großparkplatz für die Fähr- und Kurgäste der fast autofreien Insel, hinter dem mächtigen Deich dann die stark befahrene Küstenstraße (weil die einzige Durchgangsstraße weit und breit), hässliche siebziger Jahre Hotelbauten, ein paar Ein- und Mehrfamilienhäuser in Backstein, fast alle mit dem Schild „Ferienwohnung zu vermieten“ bzw. „Ferienwohnung vermietet“, Touristenkneipen, meist hässlich, lieblos und teuer anzuschauen, mit so netten Namen wie „Seewolf“, „Beim Griechen“, „Y8-Haus“, „Stürhus“, „Peter Pan“, „No.1 Bistro“, „Bella Napoli“ und so weiter und so fort, die Speisekarten verheißen nichts Gutes, mitten drin dieses Hotel Vier Jahreszeiten am Yachthafen, von allen hässlichen Bauten des Örtchens zählt es gewiss zu den hässlicheren, Anfahren muss man hinter dem Haus, bei den Mülltonnen des örtlichen Supermarktes, wo sich die Ferienwohnungs-Feriengäste mit schnell zubereitbarem, wohlfeilem, sättigendem Zeugs und viel Alk eindecken, um nicht in die Touristenkneipen zu müssen, kann man das Gepäck entladen, den Wagen parkt man ein paar Häuser weiter in einer von der Enge her atemberaubenden Tiefgarage, die Hotelhalle ist verwaist, ebenso das Restaurant, nur eine tapfere und freundliche Rezeptionistin hält die einsame Stellung und gibt uns unsere Zimmerschlüssel. Zimmer? Also von der Definition her eher eine „Junior Suite“ mit Bad, WC, Schlafzimmer und Balkon und ein Stockwerk darüber, über eine schwindelerregende Hühnerleiter zu erreichen unter dem Dach, ein echtes, weitgehend sinnloses und dazu noch lebensgefährliches Wohnzimmerlein mit schrägen Wänden und kleinen Dachluken. Nun gut, dafür ist die alte Dusche verschimmelt, die Handtücher sind ebenfalls alt, allerdings nicht verschimmelt, sondern dünn, ausgefranst und kratzig. Dafür sind die Betten zu weich … eigentlich ist dieses Ensemble eine Steilvorlage für jeden reisenden schreibenden chronischen Nörgler – aber das bin ich ja nicht, also höre ich an dieser Stelle auf. Sagen wir so, wenn mir jemand die Frau ausspannte, mir meinem Job wegnähme, mich um Teil meines Vermögens prellte und mich dann noch auf die Nase boxte: dem würde ich von Herzen und nachdrücklich das Hotel Vier Jahreszeiten am Yachthafen in Bensersiel empfehlen. Einerlei. Caro packt sich dick ein, zieht Gummistiefel an (Caro in Gummistiefeln – ein Anblick für die Götter, jeder Richter, der sie so sähe, lachte sich bestimmt zu Tode) und macht sich daran, sich auf in Richtung wattige Küste zu machen, nach einem kurzen Geplänkel akzeptiert sie, dass mich das Meer und das Watt und der Sand und die Brise mal können und das sie getrost alleine losstapfen möge, sie wird mich die kommenden Nächte bitter dafür strafen, aber sei’s drum, soll sie doch alleine durch ihren Matsch waten, ohne mich. Ich fahre derweil mit dem Lift nach unten, hinter das Hotel – im Hotel gibt es keinerlei Chance, ein Getränk zu kriegen, weder ein geöffnetes Restaurant, noch eine Bar, noch ein Service in der Halle, noch nicht einmal ein Getränkeautomat, geschweige denn, ein Zimmerservice  – vorbei an den Mülltonnen in den örtlichen Supermarkt, wo die Leute ihren Alk kaufen, ich gedenke, mich ihnen anzuschließen, meine Wahl fällt auf einen 2018er Spätburgunder aus Tauberfranken vom Becksteiner, gar nicht mal so schlecht und dazu recht wohlfeil, zwei Flaschen sollten reichen – nein, Caro kommt ja auch noch irgendwann durchgefroren aus dem Watt, besser vier. Neben mir ein Pärchen – ich schätze um die 50, Ruhrpott, Sekretärin und Handwerksmeister, Jogginghosen, Köter auf dem Arm, die passen perfekt hier her – streitet sich wie Holzhacker, der Kaffee hier sei 80 Cent teurer als „auf Aldi“, für 80 Cent werde er nicht extra „auf Aldi“ fahren, sagt der Mann, wenn man die Tiefkühl-Burger nähme statt des frischen Rinderhacks – „Die sind hier ja teurer als der Scharun in Bottrop!“ – hätte man den höheren Kaffeepreis dicke wieder drin, und auch ein leckeres Abendessen. Die Frau willigt widerwillig ein und ergänzt, sie brauche noch fünf Schachteln Malboro – was kosten die doch gleich, frage ich mich. Das Pärchen beendet seinen  Disput damit, dass sie eine Flasche von billigsten Vodka und eine Flasche billigen Kirschlikör in den Wagen legen. Schönen Abend wünsche ich beiden im Geiste, und Selbstmord könnte oft die besser Alternative sein. Ich schleppe meine Drogenbeute zusammen mit ein paar Flaschen Wasser (gibt’s auch nicht im Hotel) und Chips (gibt’s erst recht nicht im Hotel) vorbei an den Mülltonnen durch die Hintertüre zurück in unser Zimmer, mache es mir auf dem kleinen Balkon gemütlich, für ein Tischlein und zwei Stühlchen ist er gerade groß genug und öffne eine der Weinflaschen. Ich habe die Wahl bei Setzen, nach rechts auf den Großparkplatz der Inseltouristen zu blicken oder nach links auf Campingplatz und Spaßbad, ich entscheide mich für letzteres. Dabei sehe ich nur was, alldieweil unser Zimmer im dritten Stock liegt, von den Stockwerken unter uns und am Morgen auch vom Frühstücksraum / Restaurant blickt man lediglich … auf den Deich und die viel befahrene Durchgangsstraße, Ende Gelände. Ich sitze also gebührend erhöht über Durchgangsstraße und Deich – was nicht heißt, dass ich den Krach und den Gestank der Durchgangsstraße nicht volle Möhre mitbekäme, direkt hoch auf mein Balkönchen. Familien wandern – „Hütchen, Schühchen, Täschchen passend / Ihre Männer unterfassend /  / Die sie heimlich heimwärts ziehn / Dass sie nicht in Kneipen fliehn!“, um an dieser Stelle mit aller Entschiedenheit Franz Josef Degenhardt zu zitieren – auf dem Deich und goutieren die von Watt geschwängerte Meeresluft, auf der Straße knattern zweirädrige Straßenterroristen, Autos fahren ungebührlich langsam in der Hoffnung, einen Blick auf das Meer erhaschen zu können, ohne den Wagen zu verlassen und auf den Deich zu kraxeln, aber Fehlanzeige, die beiden orangen Fähren nach Langeoog kommen und gehen in ruhiger, unaufgeregter, konkurrenzloser Eintracht, ein Edeka-Laster fährt auf eine Lastkahn, wohl um die Läden auf der Insel zu bestücken, wie lange es die Langeooger wohl aushalten würden, wenn ein gewaltiger Sturm für Tage, Wochen, Monate jede Schifffahrt unmöglich machen würde, frage ich mich, und was wäre das dann für ein Sterben, … böse Gedanken, aber in solcher Umgebung wollen um’s Verrecken keine schönen Gedanken aufkommen. Irgendwann kommt eine wie erwartet ziemlich duchgefrohrene Caro, sie ist sehr angetan vom hiesigen maritimen Habitat und fast nicht mehr böse auf mich, statt dessen verschwindet sie für eine gefühlte Stunde unter der heißen Dusche. Später sitzen wir gemeinsam auf dem Balkon, dick eingemummelt, beobachten den völlig unspektakulären Sonnenuntergang und das hiesige Wesen und Treiben, machen die Flaschen Wein nieder, knabbern Junk-Food-Chips und tauschen Gedanken aus, viel schwärzer als die Nacht. Diese Gegend ist nicht gut für die Psyche, zumindest nicht für die Psyche der – ich zitiere Schiller – „denkenden, bessern Theile des Volks“ (Friedrich Schiller: „Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet.“ Vorgelesen bei einer öffentlichen Sitzung der kurfürstlichen deutschen Gesellschaft zu Mannheim im Jahr 1784.). Am nächsten Morgen frühstücken wir früh, schnell und schlecht, blicken dabei auf Straße und Deich und verabschieden uns zügig Richtung Süden.


Hotel Vier Jahreszeiten am Yachthafen
Inh. Wilke Saathoff
Hauptstraße 19
D-26427 Bensersiel
Tel.: +49 (49 34) 16 07, +49 (49 71) 9 27 55 60
Fax: +49 (49 71) 9 27 55 62
Email: hotel@vierjahreszeiten-bensersiel.de
Online: www.vierjahreszeiten-bensersiel.de

DZ Ü/F 109 € bis 169 €

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