Auf der Suche nach der Deutschen Gastronomie: XI. Opitz in Hamburg

Tag 4: Celle – Hamburg, 130 Kilometer, 2,5 Stunden Fahrtzeit, Übernachtung im Atlantic Kempinski, Mittagsimbiss in Gretchens Villa, Abendessen im Opitz


Am Abend laufen wir die 10 Minuten an der Außenalster entlang in’s Opitz, eine heimische Speisewirtschaft mit dem netten Claim „Hamburger Küche ohne Gedöns“, obwohl die Wirtin Karin Grimme gebürtige Fränkin ist, aber heute hört und sieht man ihr das längst nicht mehr an. Das Opitz ist der natürliche Nachfahre des legendären Restaurants Klopstock in der Eppendorfer Landstraße, wo man seit den Achtzigern bis Mitte der Zehner unverfälschte, gehobene, bürgerliche, traditionelle Hamburger Küche serviert bekam; danach war da ein Laden namens Punker drinnen, mit Topinambur, Emulsion und viel Gedöns, da bin ich nicht mehr hingegangen, aber der hat auch keine dreißig oder vierzig Jahre durchgehalten, den Punker gibt’s auch schon nicht mehr. Aber das Opitz, das gibt es unverändert. Hier oben in das gehobenere Wohngebiet an der Außenalster verirren sich nur wenige Touristen, hier ist der Hamburger als solcher – originär und zugereiste Wohnbevölkerung – weitgehend unter sich, dann und wann auch mal örtliche Promis bekannt aus Funk und Fernsehen, Lokalpolitiker, Jodeldohlen, Sportnichtsnutze, Millionenerben und ähnliches Gesindel, sehr viele der Gäste sind aber offensichtlich ehrliche, weitgehend unbescholtene, redlich arbeitende Bürger. Das Lokal liegt im Souterrain eines stattlichen Jahrhundertwendehaus am Mundsburger Damm, die paar Stufen machen es für Gehbehinderte schwer erreichbar. Vor dem Lokal eine kleine Sommer-Terrasse, innen drinnen sieht es aus wie in Urgroßmutters guter Stube 1920 und wahrscheinlich auch noch 1950. Warme Beige-Töne, altertümliche, verschnörkelt verzierte, an Petroleumlampen erinnernde Deckenleuchten, Sitzbänke mit gestreiften Bezügen, massive Stühle, weiße Häkeldeckchen und Messing-Kerzenständer auf den blanken, alten Tischen, an den Wänden kein Deko-Kitsch, sondern Photographien des alten Hamburgs in akkurat ausgerichteten Bilderrahmen, alles ist irgendwie altbacken, museal, und doch authentisch, nicht künstlich designt nachgebaut, sondern ehrlich über die Zeit entstanden, so zumindest der Eindruck, den das Ensemble auf den Betrachter verströmt. Das ist keine Retorten-Gastronomie wie etwa ein Architekten-Vapiano, das verkrampft auf Italienisch macht, das ist eine echte hanseatische gute Stube. Hanseatisch ist auch das Publikum. Am Nachbartisch sitzt eine Gruppe von Frauen, im Alter von vielleicht 25 bis 60 Jahren, die Belegschaft einer Apotheke, wie wir mit der Zeit heraushören, bei einer gemeinsamen Geburtstags-Essenseinladung der Apothekerin. Das Gesprächsthema der Damen dreht sich allerdings nicht um Pillen, Pulver und Pflegeprodukte … sondern um die richtige und erfolgbringende Nutzung von … Tinder. Nie die richtige Adresse angeben, erstes Treffen nur an öffentlichen Plätzen, Freundin vorher benachrichtigen, wer gleich zu Anfang „danach“ fragt, ist selten der Richtige, immer Kondome zur Sicherheit dabei haben, falls es funkt, … solche und andere Weisheiten tauschen die Damen am Nachbartisch aus und untergraben die Klischees der per se anständigen Frau und der kühlen Hamburger Deern massiv. Es sei ihnen gegönnt, wir widmen uns der Speisekarte mit Erbseneintopf, Hamburger Krabbensuppe, Kopfsalat in Rahm, Scholle Finkenwerder Art, Rinderroulade mit Rotkohl, Panfisch mit Senfsauce, selbst gemachtem Sauerfleisch mit Senfgurken, Bauernfrühstück, Labskaus aus gepökeltem Fleisch mit Spiegelei, Matjesfilet, Roter Bete und Salzgurke, Krabbenbrot mit Spiegelei, selbst eingelegten Bratheringen, Eierpfannkuchen mit Zimt und Zucker und Roter Grütze mit flüssiger Sahne. Dazu werden jahreszeitlich wechselnde Gerichte wie Grünkohl (natürlich), Spargel, Gans oder Wild angeboten. Es gibt auf dieser Karte keine Kniefälle vor dem kulinarischen Zeitgeist, hier wird ur-konservativ gekocht, ohne Burger, Flammkuchen und Asia-Pfanne, und ohne dry aged, sous vide und vegan, eher stechen hier dann schon Fleischberge heraus, etwa „Kalte Fleischplatte mit Sauerfleisch, Sülze, Roastbeef, Remouladensauce, Kasseler, Sahnemeerrettich und Bratkartoffeln“, sowas hält ein deutsches Mannsbild bei Laune und in Kampfstärke; Lari-Fari-Gerichte wie „Nudeln in Käse-Sahne-Sauce mit gebratener Hähnchenbrust“ oder „Blattspinat in Rahm mit Käse überbacken“ sind hier die absolute Ausnahme. Ein Satz auf der Speisekarte lässt mich ohnehin unkritisch dahinsschnelzen: „Zu allen Hauptgerichten  servieren wir Ihnen Bratkartoffeln soviel Sie möchten.“ Ich bin absoluter Brfatkartoffekl-Junkie, und die Bratkartoffeln im Opitz sind meist (sofern die Küche genügend Zeit hat) sehr gut, nicht unbedingt perfekt, aber sehr, sehr gut, von daher mag die Objektivität meiner Beurteilung hier etwas gelitten haben. Das Jever vom Fass ist dazu süffig und reichlich, die Karte an offenen Weinen kurz, aber prägnant, klug, sehr ordentlich und dazu noch wohlfeil, keine Boutille erreicht die 30 EURO-Grenze. Und die Bedienung ist flott, freundlich und weder einem Snack noch einem Späßchen abgeneigt.

Die „Erbsensuppe mit Kochwurst und Speck“ vorweg ist dann allerdings enttäuschend: mehr dünnes geschmacksarmes Süppchen als dicker, vollmundiger Eintopf, die Erbsen noch halb hart, dazu ein paar winzige Scheibchen Wurst und ein Zweiglein frische Petersilie: mit dieser Suppe gewinnt man keinen Blumentopf. Der Kopfsalat mit Rahm sehr schlecht geputzt, Teils verwelkt, die Rahmsauce süßlich-lecker-kalorienschwer, aber sehr wenig von der Menge her, kaum, dass alle Salatblätter benetzt sind. Die Bratheringe super-frisch und fleischig, gut ausgenommen, frisch in Butter gebraten, für Herings-Fans eine Köstlichkeit, ebenso das eingelegte Matjesfilet, Heringe können’se im Opitz. Die Bratkartoffeln dazu selbst gekocht, geschält und geschnippelt, teils knusprig gebraten, sanft von Fett überzogen, dazu ein paar Zwiebelchen-Ringe und Speckwürfelchen, ein absoluter Hochgenuss! Enttäuschen dann allerdings das selbst gemachte Roastbeef, nicht rosa sondern grau, teils zerfetzt, teils zu dick geschnitten, von Fett und Sehnen durchzogen, die Remoulade dazu tatsächlich selbst gemacht und ok, Bratkartoffeln s.o. Der Panfisch dann wieder absolut frisch, auf den Punkt glasig pochiert, ein leicht scharfes, aber sehr sahnig-fettiges Senfsößchen dazu, an sich lecker, aber zusammen mit den fetten Bratkartoffeln dann doch zu viel des Fetts, selbst für mich. Die selbst gemachte Rote Grütze zum Dessert schließlich angedickte TK-Beeren mit Süßer Sahne, keine kulinarische Großtat. Das alles spülen wir mit reichlich eiskaltem Helbing Hamburger feinen Kümmel herunter, nur 35%, sehr süß, der könnte auch als Likör durchgehen, hilft aber die reichlich Bratkartoffeln zu verdauen.

Sagen wir mal so, würde mich Präsident Putin in Hamburg unvermittelt ansprechen und mich fragen, wo man hier ganz traditionell, unverfälscht, authentisch hanseatische Bürgerküche bekommen kann, ich würde ihn wahrscheinlich in’s Opitz schicken. Sicherlich gibt es das Alles zwischenzeitlich verfeinerter, mit hochwertigeren Rohstoffen, leichter, in kleineren Portionen, schonender gegart, diffiziler gewürzt, zeitgemäßer gekocht, hübscher angerichtet, sicherlich gibt es das Alles zwischenzeitlich auch mit Hauben und mit Sternen … aber das ist das eben keine traditionelle, unverfälschte, authentische hanseatische Bürgerküche mehr, sondern was Modernes, vielleicht besser, vielleicht auch nicht.


Speisewirtschaft Opitz
Inh.: Karin Grimme
Mundsburger Damm 1
D-22087 Hamburg
Tel.: +49 (40) 2 29 02 22
Email: info@speisewirtschaft-opitz.de
Online: www.restaurant-opitz.de

Hauptgerichte von 9,50 € (Blattspinat in Rahm mit Käse überbacken und Bratkartoffeln) bis 23,50 € (Krabbenpfanne mit frischen Gemüsen, Dill, Bratkartoffeln), Drei-Gänge-Menue von 18,50 € bis 49,50 €

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