Auf der Suche nach der Deutschen Gastronomie: VII. San Marino in Celle

Tag 3: Eisennach – Celle, 250 Kilometer, 4 Stunden Fahrtzeit, Übernachtung im Althoff Hotel Fürstenhof Celle, Mittagsimbiss im San Marino, Abendessen im Schweineschulze


Ein Verweilen ist nicht im verwaisten Hotel, das Zimmer evoziert Depressionen gemischt mit einer gehörigen Portion Ärger, besagte hübsche Hotelhalle gähnt vor Leere, zu den böse blickenden alten feinen Damen auf der Terrasse mögen wir uns auch nicht gesellen. Der Schweine Schulze, den uns Gewährsleute als den Hort der traditionellen niedersächsischen Küche genannt haben, macht erst um 18:00 Uhr auf, aber uns hungert jetzt. Vielleicht sollten wir’s im San Marino probieren, Celles ältestem Italiener, mitten in der Altstadt am Heiligen Kreuz gelegen, mit einer netten Terrasse zum Sehen und Gesehen werden, rät uns die dienstbare Rezeptionistin, für einen ehrlichen Teller Nudeln sei der allemal gut. Also dackeln wir vorbei am Residenzschloss durch den dazu gehörigen Park in besagte Altstadt, bestehend aus ein paar Plätzen und einigen engen Straßenzügen voller meist gut erhaltener, hübscher Fachwerkhäuser, hier haben unsere neuen Freunde offensichtlich nicht ganze Bomben-Arbeit geleistet, pittoresk nennt man solche Ensembles denn ja wohl, viele kleine lokale Geschäfte statt der großen standardisierten, gesichtslosen Einheits-Abverkaufs-Rampen der großen Handelskonzerne, für die sind die Flächen in den kleinen Häuschen wohl zu klein, um profitabel Ramschen zu können, also bleibt der Raum für die Kleinen, sehr schön. Nach keinen zehn Minuten Bummeln haben wir dieses städtebauliche Relikt zur Gänze durchmessen, man erkennt die alten Stadtmauern, dahinter dann neu-städtebauliche Tristesse. Hier liegt das Ristorante San Marino, gleich in zweien dieser hübschen alten Fachwerkhäuser, davor in einer Häusernische eine wirklich lauschige, begrünte Terrasse mit Blick auf das innerstädtische Wesen und sehr gemächliche Treiben, Kleinstadt in der Provinz halt. Innen drinnen gibt es zwei Gasträume, einer nüchtern-kühl, ein zweiter vollgestopft mit Tinnef und Deko-Kitsch, so stelle ich mir die Wohnung einer RTL2-Konsumentin vor, aber wir sitzen ja vor dem Haus, um uns herum fast ausschließlich ältere Herrschaften der Mittelschicht, würde ich vermuten, es geht gediegen-ruhig zu, die Bedienungen scheinen viele der Gäste zu kennen, „Wie immer ein Viertel Soave, Herr Müller?“, und schäkern auch schon mal keck, „Nur nicht drängeln, Frau Maier, kommt ja gleich.“, familiär-entspannte Atmosphäre, hier ist ein jeder Mensch und darf es sein. Die Wirtin Colusso Silvia – angeblich ein Celler Original – ist gewiss eine Show – ich muss jetzt wirklich aufpassen, was ich schreibe, aber was war und wahr ist, muss geschrieben sein – eine nicht untergewichtige, vielleicht sechzigjährige, dralle Frau, grell geschminkt in neon-farbenen Hotpans und schwarzen Strümpfen darunter, die schwer atmend, aber fröhlich lachend durch die Tischreihen wuselt, mit den Gästen plaudert, die Bedienungen mit deutlicher Ansprache leitet, auch mal selber ein Gericht serviert, uns als offensichtlich Fremde würdigt sie mit keinem Wort oder auch nur Blick, wir sind ehrlich gesagt auch nicht böse drum. Aber, allemal eine Show. Die Bedienungen sind freundlich, langsam und unkoordiniert, zweimal kommen falsche Bestellungen, sei’s drum. Das Essen ist so, wie man sich in den Siebzigern und Achtzigern in Deutschland italienische Küche vorgestellt haben mag. Durchgeweichtes – offensichtlich selbst gebackenes, im Prinzip nicht unleckeres – Maisbrot mit Würfeln von ungewürzten Tomaten ohne nennenswerten Eigengeschmack darauf nennt man hier Bruschetta. Die Garnelen, halbiert in der Schale mit Kräuterbutter gegrillt, sind nicht entdarmt und waren ganz gewiss irgendwann mal frisch, aber das muss länger her sein. Die Calzone ist ein mächtiger gebackener Hefeteigklumpen mit höllisch heißem, zähem Billig-Käse – analog vermute ich –, zerfetzten Dosenchampignon-Scheiben, Brocken von Pressschinken und Tomatenpampe darinnen. Die hausgemachten Ravioli in Spinat-Sahne-Sauce sind mächtige, dickwandige, plumpe Nudelteigklumpen mit irgendwas Undefinierbarem darinnen in Unmengen einer dicken, überwürzten, fetten Sahnesauce mit aufgetautem Tiefkühlspinat (und drei winzigen Eckchen Wassermelone mit Schale, drei noch winzigeren Eckchen unreifer Ananas mit Schale und sechs Blättchen Petersilie auf dem Tellerrand – Garnitur auf provinzisch …). Der gegrillte gefüllte Tintenfischtubus ist hart wie ein Ziegel, gefüllt mit gehackten Tiefkühl-Meeresfrüchten, das Ganze ist lauwarm und schwimmt auf einer breiig-dicken Tomaten-Sahnesauce mit ein paar schwarzen Oliven und Kapern darinnen, garniert diesmal mit einer überreifen, halben Kiwi, zwei halben Orangen-Scheiben, zwei winzigen Eckchen Wassermelone mit Schale, einem noch winzigeren Eckchen unreifer Ananas mit Schale, zwei Blättchen und zwei Stängelchen Petersilie; die Kartoffeln dazu stammen nicht aus dem Convenience-Beutel, aber sind verkocht und fast kalt. Aber dafür sind die Hausweine – rot wie weiß – hundsmiserabel. Jetzt mag sich der geneigte Leser fragen: zwei Personen mit fünf Gerichten bei einem Imbiss? Gute Frage. Wir haben nichts von den Gerichten aufgegessen, zwei Bissen reichten jeweils zum Probieren um zu wissen, dass wir sowas gewiss nicht essen. Bei jedem Teller, den wir zurückgehen lassen, wird unsere freundliche Bedienung noch unsicherer, derweil die Wirtin in Hotpans jedes Mal noch böser zu uns rüberblickt, aber sie kann sich nicht aufraffen, mal zum Tisch zu kommen und zu fragen, was denn eventuell nicht stimmen könnte. Ich lasse es mir nicht nehmen, nach fünf retournierten, aber voll berechneten Gerichten der Servicekraft 15% Trinkgeld zu geben, allein deren erstauntes Gesicht ist das Geld allemal wert. Danach verlassen wir diesen unwirtlichen Ort zügig, wenigstens ist das Hungergefühl weg, denn jetzt ist uns beiden leicht übel.


Ristorante San Marino
Inh. Colusso Silvia Di Carlo
Am Heiligen Kreuz 4
D-29221 Celle
Tel.: +49 (51 41) 2 63 18
E-Mail: info@sanmarino-celle.de
Online: https://sanmarino-celle.de/

Hauptgerichte von 10 € (Muscheln in Weißweinsauce) bis 25 € (verschiedene frische Fische gerillt), Nudeln 9 € bis 12 €, Pizzen 9 € bis 15,50 €, Drei-Gänge-Menue von 17,50 € bis 39 €

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Kommentar

  1. T. Eppen

    Das hört sich alles ziemlich schlimm an, ganz bestimmt nicht wie italienische Küche. Sind Sie sicher, in einer italienischen Trattoria gegessen zu haben? Hm, mir kommen da ziemliche Zweifel. Den Bildern nach zu urteilen, sieht die Präsentation der Speisen absolut lieblos aus. Der tiefe Teller für die Bruschetta passt total nicht zur Speise und wenn es wirklich den Anspruch erhebt eine Bruschetta zu sein, dann sollte dem Gast eine im Pizzaofen geröstete Scheibe Brot mit einer Flasche gutem Öl, einer Knoblauchzehe und einer Prise Salz zur eigenen Zubereitung (Condimento) gereicht werden. Semplice, no? Na ja, wer dann noch Tomatenstückchen darauf packen will, der soll das tun. Die Pasta sieht auch katastrophal aus. Pasta fatta in casa? Eher wohl aus der Kühltheke bei Aldi oder Lidl genommen. Und der Sugo ? Mamma mia , che casino, eine wahrhafte Pampe della Madonna! Das soll Italienisch sein? Aber vielleicht kann uns ja der Namen des Etablissements einen kleinen Fingerzeig zum besseren Verständnis der kulturell, kulinarischen Herkunft der von Ihnen verschmähten Speisen geben. Ristorante „San Marino“ sagen Sie? Ja, ist San Marino nicht ein Land, oder noch besser: eine alte, in bester fortdauernd demokratischer Tradition stehende, Republik im Süden Europas? Ein Bergstaat ganz in der Nähe von Italien, aber doch seit hunderten von Jahren selbstständig und immer schon stolz auf die eigene lokale Küche. Und zu dieser Tradition gehört sicherlich nicht die Bruschetta aus Rom, da es in San Marino überhaupt kein Casareccio Brot gib, genauso wenig wie einen Calzone aus Neapel oder Palermo, und da San Marino eine Bergrepublik ist, sollte man dort auch keine zu großen Erwartungen an die Zubereitung von Meeresspeisen stellen. Fahren wir zum Scholle Essen etwa in die Thüringer Berge? Learning Point: Sie haben in Celle gar nicht beim Italiano gespeist, sondern bei einer San Marinosina gegessen! Und wer weiß, vielleicht war das schlechte italienische Essen in Wirklichkeit das beste lukullische Vergnügen welches San Marino der Welt zu bieten hat zu bieten hat? Italienisches Essen sieht ganz anders aus!

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