Zum Tavernwirt in Aichach-Sulzbach: viel mehr Spielraum nach oben als nach unten

Summa summarum: Als Biergarten ist der Tavernwirt in Sulzbach sehr hübsch, aber kulinarisch bei Leibe nichts Besonderes. Ob in den Gaststuben Besseres serviert wird, muss sich zeigen.

Man soll und man will ja niemanden totschreiben, schon gar kein junges Paar, das den gemeinsamen Sprung in die gastronomische Selbstständigkeit wagt, das ist etwas Löbliches, noch dazu mit einem durchaus ambitionierten Lokal auf dem platten Lande, das ist etwas höchst Löbliches. Nachdem sich Martin Wastl nach 25 Jahren Ende 2017 aus dem Tavernwirt in Sulzbach verabschiedet hatte, um im Biergarten an der Weilachmühle in Thalhausen zu wirken, wie es damals hieß (wo er aber auch schon wieder verschwunden ist) übernahmen im Oktober 2018 der junge Koch Michael Hodes und seine Lebensgefährtin – mittlerweile Gattin – Christiane, ihres Zeichens ausgebildete Hotelfachfrau das Anwesen abseits aller Hauptverkehrsrouten. Mit Laufkundschaft kann man sich in Sulzbach, abgesehen von den Radlern auf dem Paar-Radweg, gewiss keine goldene Nase verdienen, und auch die unmittelbare regionale Kaufkraft scheint kaum geeignet, ein anspruchsvolleres Lokal profitabel auszulasten. Dabei ist die alte Tavernwirtschaft im Besitz von Marian von Gravenreuth, dem Baron von Affing, durchaus hübsch, ein altes Wirtshaus mit Sprossenfenstern, grünen Holzfensterläden, uralten Fliesen im Eingangsbereich, knarzenden Holzdielen in den Stuben, einer alten, authentischen, nichtsdestotrotz gepflegten Gasthauseinrichtung, etwas in die Jahre gekommenen, aber sauberen Toiletten, hinter dem Haus ein wunderschöner, typischer Biergarten unter vier riesigen, gesunden Kastanien, dahinter das Kirchberglein mit Dorfkirche und Friedhof, daneben reichlich Spielmöglichkeiten für die Kindlein und vor dem Haus schließlich ein großer, nicht gerade hübscher, aber ungemein praktischer Parkplatz. Das einzige, was hier eigentlich noch fehlt, sind Übernachtungszimmer, aber ansonsten ist dieses Ensemble geradezu ideal-typisch für ein altes bajuwarisches Wirtshaus-Anwesen.

Umso erfreulicher, wenn auf der Speisekarte dann nicht nur bajuwarisches Wirtshaus-Einerlei von Wurstsalat und Schweinsbraten herrscht, sondern die heimischen kulinarischen Basics ergänzt werden von anspruchsvolleren Gerichten, getreu dem Motto des Hauses „Bayerisch trifft Internationale Küche – Unser Ziel ist die kreative Gastronomie mit regionalem Bezug.“, das klingt erstmal sehr gut, und dann finden sich auf der Speisekarte etwa „Ziegenkäse im Heublüten-Vitalkörnermantel an Gemüseauswahl & gezupften Salaten“ oder „Nudeln in Tomaten-Salbeisoße mit konfiertem Gartengemüse/ Oliven/ Hartkäse“. Sowas weckt Neugierde und Vorfreude. Und wenn man dann noch liest, dass die Zutaten so weit als möglich regional und in Bio-Qualität eingekauft werden, dann steigern sich Neugierde und Vorfreude nochmals um ein Vielfaches. Was dann kommt, ist … naja. An einem traumhaften Sonntagnachmittag wuseln drei freundlich-bemühte, aber hoffnungslos überforderte junge Damen im Corona-bedingt halbleeren – wie gesagt, wunderschönen – Biergarten umher, eine weitgehend damit beschäftigt, neu ankommende Gäste ein- oder – ohne Reservierung – abzuweisen, die anderen kommen kaum hinterher mit Getränken und Speisen, und das, obwohl der Biergarten halb leer ist, lange lästige Wartezeiten für den Gast sind die Folge. Die Unterbaarer Biere jedenfalls sind süffig und gut eingeschenkt. Der Wurstsalat ist mittelmäßig portioniert und 08/15, aber was will man an einem Wurstsalat schon groß falsch oder besser machen? Die Rindssuppe dann vollkommen überwürzt und säuerlich, eigentlich ungenießbar, darinnen Berge von Brätspätzle und ein hartes Grießnockerl. Der gemischte Salat mit Garnelen ist dann so-so: die vier Garnelen sind ordentliche TK-Ware, ordentlich gebraten, die gedünsteten Gemüsestücklein im Salat lecker, die Blattsalate selber verwelkt, teils schlecht geputzt, labbrig, in mittelmäßigem Dressing ertränkt. Das Wiener Schnitzel vom Strohschwein dann schließlich tatsächlich in der Pfanne gebraten, das Fleisch F…-trocken, die Panade nicht knusprig abgehoben, sondern dick, schwer und pappig am Fleisch klebend, dazu nicht wirklich braun, sondern zu kurz gebraten. Der Kartoffelsalat als Beilage mit viel Aufwand mit einem Ring in Form gebracht, aber dafür breiig und weitgehend geschmacklos, geschmacklose Kartoffeln, keine Würzung, kein Geschmack nach Brühe, kein Essig, kein Salz, einfach nur ein plumper Kartoffel-Batz, daran ändert auch die hübsch auf dem Batz drapierte Kapuzinerkresse-Blüte nichts. Das jedenfalls war alles keine „kreative Gastronomie mit regionalem Bezug“, das kriegt man in manchem Schrebergarten-Biergarten von einem beherzten bosnischen oder ukrainischen Koch-Autodidakten in nämlicher oder besserer Qualität serviert.


ZUM TAVERNWIRT
bayerische Küche | modern & regional
Geschäftsführung und Inhaber: Michael Hodes
Geschäftsführung: Christiane Frank
Tränkstrasse 6
D-86551 Sulzbach (bei Aichach)
Tel: +49 (82 51) 71 54
E-Mail: info@tavernwirt.de
Online: http://tavernwirt.de/

Hauptgerichte von 8,50 € (Currywurst, Baguette, Salatgarnitur) bis 22,90 € (Zwiebelrostbraten,  Spätzle, Gemüse, Rotweinsoße), Drei-Gänge-Menue von 19,60 € bis 42,30 €; Brotzeiten 5,90 € bis 9,50 €

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