Was ist Authentizität? Zu Gast bei Joël und Jake oder warum ich Las Vegas nicht mag. Und die CES, ein Städtischer Angestellter, drei Croupiers, ein Bauunternehmer, zwei Studenten, zwei Nutten und ein Rentnerehepaar spielen auch noch eine Rolle.

CES in Las Vegas. Die Deutsche Medienindustrie scheint die Bedeutung dieser Messe – (Consumer Electronics Show) – noch nicht wirklich erkannt zu haben, die betreiben lieber Nabelschau auf der siechend sterbenden Frankfurter Buchmesse, Consumer-Kaufrausch mit Vorjahres-Innovationen auf der IFA und den mit staatlichen Medien-Zwangsabgaben finanzierten Münchner Medientagen, (organisiert von der Medientage München GmbH, eine 100%-Tochter der über nämliche Zwangsabgaben finanzierten Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM), ein Stück aus dem Tollhaus), wo sich gewisse Lizenzvergeber von gewissen Lizenznehmern und der Systemjournaille feiern lassen. Ich fahre da lieber seit Jahren nach oder sogar über Neujahr in die Wüste von Nevada und tue mir zwei, drei Tage die CES an, da lernt man mehr über die Zukunft unserer Branche als in zwei Wochen Buchmesse und IFA und Medientage zusammen. Zetsche erzählte dort vergangenes Jahr äußerst enthusiastisch über intelligentes Autos und vernetztes Fahren (nach dieser Rede habe ich den Anteil von Daimler-Aktien in meinem kleinen Portfolio deutlich aufgestockt, für 70 habe ich im Januar 2015 gekauft, zwischenzeitlich waren sie mal bei gut 90, jetzt sind sie bei 65, ich habe ja nur 5 € an Wert pro Aktie über zwei Jahre verloren; was lernen wir daraus: never trust a man with a walrus moustache, might he be from Stuttgart, might he be from Eastern Berlin). Steve Mollenkopf von Qualcomm hat dort dieses Jahr an Dreikönige sehr kluge Dinge über das Internet der Dinge gesagt, und Jen-Hsun Huang von NVIDIA hat über künstliche Intelligenz gesprochen, ich habe ehrlich gesagt kein Wort verstanden, aber für diesen Mann als Chef würde ich jederzeit sofort arbeiten wollen. Die meisten Exponate auf der CES sind – wie auf fast allen Messen – more of the same. 4K-Auflösung, Super-Analog-Plattenspieler, die Vinyl knisterfrei digital aufzeichnen, noch riesigere Riesenbildschirme, selbstfahrende Autos, das sind alles keine disruptiven Technologien (mehr), das ist existierende Ingenieurskunst, die von Jahr zu Jahr etwas verbessert wird. Der flexible, sogar zusammenrollbare Bildschirm, den LG dieses Jahr vorgestellt hat, eher relativ wenig beachtet am Rande, der hätte das Potential. „Zeitung“ neu zu definieren, und die Lumix TZ101 von Panasonic könnte mit ihrer Extrahierungs-Funktion (gestochen scharfe Bilder aufgenommen aus Video-Sequenzen) den ganzen verfluchten Copyright-Markt aufmischen. Aber so etwas wird im verschlafenen Deutschland der Einwanderungs-Kanzlerin wenn überhaupt nur am Rande zur Kenntnis genommen. Und darum geht es hier und heute eigentlich auch gar nicht.

authenzititaet_vegas1Wie immer wohne ich im Mirage (genau genommen wohnen wir, Caro begleitet mich), bei meinem ersten Vegas-Aufenthalt vor Jahrzehnten hatte mich meine Sekretärin dort eingebucht, ich weiß nicht warum, und seit dem gehe ich immer dorthin, wohl vor allem, weil ich mich zwischenzeitlich halbwegs auskenne und mich nicht mehr andauernd verlaufe, in diesen Riesen-Hotel-Kästen mit 3.000 und mehr Zimmern. Jedenfalls nicht in’s Mirage gegangen bin ich wegen dieser beiden Tierquäler, die dort Jahrzehntelang ihre Show hatten, und die jetzigen industriell gefertigten und abgewickelten Hüpfereien des Unterhaltungs-Konzerns Cirque du Soleil aus Montreal zu Beatles-Musik brauche ich ebenfalls nicht; aber die Pool-Landschaft ist in der Tat gigantisch (mitten in der Wüste, mit gestohlenem Wasser vom armen Colarado), brauche ich aber auch nicht, mir reichen ein Hammann und ein Whirlpool völlig; und die Tatsache, dass man zu den Aufzügen zu den Zimmern jedes Mal quer durch den gesamten Kasino-Bereich stapfen muss, ärgert mich regelmäßig. Zwischenzeitlich ist das Mirage auch noch in die Jahre gekommen, das ist längst kein Fünf-Sterne-Niveau mehr, trotzdem werden hier fröhlich Preise deutlich über 100 US$ die Nacht verlangt, zu Messezeiten nochmals deutlich-deutlich mehr, während andere Fünf-Sterne-Schuppen allhier bereits unter 100 US$ zu haben sind. Auch die Renovierung vor ein paar Jahren hat keine wirkliche Verbesserung gebracht, aber die Resort Tower King Rooms auf der 25. Etage sind etwas größer und ordentlich, wenn man über gelegentliche Haare im Abfluss, Flecken auf den Teppichböden, nicht funktionierenden Lampen und ähnlichen Service-Schlampereien einmal hinweg sieht. Ebenfalls wie immer hatte ich im Vorfeld meiner Reise über Las Vegas gejammert, ich mag Las Vegas nicht, diese künstliche Glitzerwelt in der Wüste, wo nichts, aber auch gar nichts echt und authentisch ist, wo alles künstlich, designt, Mainstream-tauglich, Profit-optimiert, austauschbar ist. Ich hatte kein Weihnachtsgeschenk von Caro bekommen, also – so sagt sie – lädt sie mich doch vor Beginn der CES am Abend des 05.01. ganz einfach in die Joël Robuchon-Filiale im MGM Grand ein, ist ja nur der aktuell wohl „beste“ (im Sinne von „von-der-Kritiker-Schar-am-meisten-gefeierte“) Koch der Welt, ist ja nur eines der ganz wenigen Restaurants in Imperial-Amerika mit drei Michelin-Sternen, und kostet ja auch nur ein paar hundert US-Dollar pro Menue, aber so ist Caro manchmal halt. To make a long story short: dress code „business formal“ wird keinesfalls durchgesetzt, da quält man sich des Abends in der Wüste in einen gedeckten Anzug, und dann sitzen da Ami-Lümmel mit Polo und Leinenhose rum, die lila Farbtöne der Einrichtung erinnern ein Wenig an ein Puff, das Personal ist bemüht und zahlreich, aber in weiten Strecken einfach überfordert, da stehen sie zu dritt gaffend rum, und ich muss Caro nach endlosem Warten selber den Wein nachgießen, apropos Wein, die Preise dafür sind einfach atemberaubend, nein, besser wegelagerisch, ich würde schätzen, das Drei- bis Vierfache eines vergleichbaren Lokals in Europa, und wenn das Menue sich von Osietra Kaviar als Amuse Geul über Kartoffelsalat mit Foie Gras und Schwarzem Trüffel, hin zu Trüffel-Tarte, dann getrüffelten Langusten, danach Hummer (ohne Trüffel – diese Hungersnot, diese Hungersnot!), darauf noch Tournedos Rossini, wieder mit Foie Gras (und nochmals ohne Trüffel, obwohl die klassischer Weise hier tatsächlich draufgehört hätten, seltsam, ob das die kulinarische Innovation des Herrn Robuchon in Las Vegas ist?), schließlich Batterien verschiedener Nachspeisen und einen reichlich zerbombten (will sagen: mit kreuz und quer offensichtlich unprofessionell authenzititaet_vegas2abgeschnittenen Käsestücken) Käsewagen dahinschleppt, dann ist das keine Freude, dazu um uns herum ein Publikum, das offensichtlich zum Großteil nur über marginale Tischsitten verfügt. Das ist McDonalds auf hohem Niveau: irgendwo werden Food-Kreationen zentral ausgetüftelt, bei McDonalds spielen Preis und Einfachheit eine Rolle, bei McRobuchon eben gerade nicht, und diese Food-Kreationen werden dann hier wie da von austauschbarem Personal international abgearbeitet. „Authentisch“ ist daran gewiss nichts. Hier werden ganz viele, ganz teure, ganz filigran angerichtete, technisch einwandfrei, aber geschmacklich weitgehend unsensationell bis belanglos zubereitete Lebensmittel serviert, mehr nicht. Der „gemeinsame Nenner“, der „Geist“ dieses Mahles ist einfach nur „teuer – weil ich es mir leisten kann“. Einmal, vor Jahren durfte ich im L’Atelier de Joël Robuchon in Saint-Germain essen, diesem bewusst auf „Einfachheit“ setzenden Gastronomiekonzept mit langen Theken und offenen Küchen wie in Sushi-Bars, Robuchon stand selber noch hinter dem Tresen, zeitweilig zumindest, das war ein Erlebnis, hier war ein Mann, der aus weitaus einfacheren Zutaten einfach nur Geschmack und Genuss herauszauberte. Ich würde wetten, wenn heute jemand wie Robuchon in Las Vegas Affenscheiße im Goldmantel auf Kaviarbett für 1.000 US$ servieren würde, er würde gewiss Abnehmer dafür finden, denen kulinarisch sowieso alles egal ist, die aber genießen würden, dass sie sich ein ausgefallenes Gericht für einen Wahnsinnspreis leisten können und dabei gesehen werden. Zum Glück sieht Caro das alles genau so, sie ist eine Frau, die sich von Preisen nicht beeindrucken lässt und die das auch nicht nötig hat: wenn ihr eine Tasche für ein paar Euro wirklich gefällt, dann kauft sie sie und trägt sie, in aller Öffentlichkeit, bei Geschäftsterminen, wo die anderen wichtigen Frauen mit ihren Saint Laurent Lagre Sac de Jour für ein paar tausend Euro rumlaufen, aber das hat Caro nicht nötig, und das mag ich so an ihr. Wir sind uns einig: Robuchon in Vegas war rausgeworfenes Geld.

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Am Abend darauf, nach jener denkwürdigen Key Note von Steve Mollenkopf sagt Caro unvermittelt: „Heute zahlst Du!“, und mir schwant Schreckliches, es gäbe noch ein gute Dutzend Sterne-Schuppen in Vegas abzufressen. Nach Duschen und Umziehen zerrt sie mich zum Taxi, sie murmelt dem Fahrer etwas zu, wir fahren den Strip hoch nach Norden (raus aus der Sterne-Gefahrenzone, denke ich erleichtert), bis kurz vor die Fremont Street, dem alten Teil von Las Vegas, wo es keine Mega-Ressorts gibt, Vegas Vic steht hier, die Gegend hat viel von „Old Town“ in Sin City finde ich, auf der Sahara Avenue biegen wir nach Osten ab, dann wieder auf die sechsspurige Eastern Avenue einen Block nach Norden, dort hält das Taxi hinter einem kleinen Einkaufszentrum auf einem verschissenen Parkplatz, vor ein paar Geschäften, einem Peruanischen Restaurant, einem Büro der durchgeknallten „Shriner“ (dieser von dem Schauspieler Florence und dem Arzt Flemming 1872 gegründeten, imperial-amerikanischen Spaßveranstaltung mit Fez und Kinderkrankenhäusern), einem Notar-Büro (was hier einen gänzlich anderen Stellenwert als in Deutschland hat) und einem Waschsalon, auf der Straßenseite vis-à-vis haben sich hinter Mauern ein paar geduckte Einfamilienhäuser versteckt. An der Ecke des Parkplatzes steht ein niedriger weißer Backsteinbau, „Video Poker Open 24 Hours“ prangt in großen bunten Lettern über dem Eingang, und „Jake’s Bar Las Vegas“. Caro heißt mich den Fahrer zahlen – denn schließlich zahle ich heute, so hat es Caro bestimmt –, steigt aus dem Taxi, steuert zügig auf Jake’s Bar zu, und mir schwant ungleich Schrecklicheres. Wir gehen die paar Stufen hoch, hinter der verspiegelten Eingangstür schlägt uns eine Rauchwolke entgegen, die ihresgleichen sucht. Ich werde nie verstehen, warum in ganz Imperial-Amerika die Raucher verfolgt und diskriminiert werden wie weiland die Indianer, nur in Vegas scheint es kein Rauchverbot zu geben. Der düstere, anscheinend fensterlose Laden wird dominiert von einem großen U-förmigen Tresen in der Mitte, zwischen zahllosen Schnapsflaschen stehen zwei kleine Kühlschränke von Jägermeister und Red Bull (zeig‘ Flagge, Europa!), zwei Poolbillards mit speckiger grüner Bespannung daneben, an den Wänden ringsherum Bretter zum Abstellen von Speis und Trank mit Barhockern davor. Überall hängen Fernseher herum, auf denen unterschiedliche Sportprogramme laufen, mal mit, mal ohne Ton, in den Tresen eingelassen Bildschirme für Video-Poker, dazu reichlich primitive Malereien von Pferden in Sportkleidung und käuflicher Devotionalien-Kitsch einer Football-Mannschaft namens Denver Broncos, die offensichtlich über eine gewisse Popularität verfügt; der Schuppen hier nennt sich auch noch „Home of the Broncos“, später lerne ich, dass die Eingeborenen sich allhier in großer Zahl zum kollektiven Delirium versammeln, wenn Spiele dieser Sport-Nichtsnutze im Fernsehen übertragen werden, heute Abend scheint dies zum Glück nicht der Fall zu sein. Und auch Karaoke gibt es keines, für die Jake’s Bar am Wochenende berühmt-berüchtigt ist, wie ich ebenfalls später lerne. Selbst ohne Football-Übertragung und Karaoke, hier treffen sich die Einheimischen, die Menschen aus Las Vegas, die hier arbeiten und wohnen, das unzählige Personal aus den Hotels, Casinos, Restaurants, die städtischen Angestellten, Ladenbesitzer, Verkäufer, Rentner, sogar offensichtlich Obdachlose kommen dann und wann rein und scheinen kostenlos was zu essen zu bekommen … Wahrscheinlich sind wir gerade die einzigen Touristen hier.

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„From where the fuck do you know this place?“, entfährt es mir unmittelbar auf Englisch (immer wenn ich länger als 48 Stunden in englisch-sprachiger Umgebung bin, switche ich automatisch die Default-Spracheinstellung, dann träume oder zähle ich plötzlich auch auf Englisch, aber das tut hier nichts zur Sache). „Du wolltest echtes, ungekünsteltes Leben“, strahl mich Caro an, „hier hast Du echtes ungekünsteltes Leben.“ „Woher zum Teufel?“, frage ich nach. „Ich habe auch noch ein anderes Leben, neben Dir.“, grinst Caro tiefgründig. Wir setzen uns an die Bar, die Bedienungen sind ausgesprochen hübsch und jung und nicht üppig bekleidet und durchweg weiblich. Wir bestellen einen Pitcher Bier, das sind knapp 2 Liter einer laschen, anfänglich eiskalten Plörre im Plastikkrug, dazu Scotch auf Eis, zum Glück ist Caro trinkfest. „Die kleine Schwester der Vernunft heißt Langeweile!“, prostet mir Caro zu, und ich weiß sofort, das wird gewiss kein vernünftiger, aber sicherlich auch keine langweiliger Abend: klare Ansage.

An der Speisekarte hier sind die Preise am auffälligsten, Steak mit Beilagen knapp über 10 US$, außerdem sogenannte 2 $ Menues wie Nudeln, Chips, Chicken Wings. Ich nehme das Steak, was kommt ist ein Flatschen gegrillten Fleisches am Knochen, eine verschrumpelte gekochte, in der Mikrowelle wieder aufgewärmte Kartoffel in der Schale mit einem Näpfchen Butter in Plastikverpackung, ein Stück Maiskolben ebenfalls aus der Mikrowelle und ein Tellerchen unangemachter gemischter Salat. Caro lacht mich aus. Sie hat für 2 US$ Nudeln mit Soße bestellt, es kommt ein noch nicht ganz aufgetauter Klumpen industrieller Nudelbrei aus der Mikrowelle. Ich lache Caro aus. Lustlos stochern wir in dem Fraß herum, dann lassen wir ihn kaum angerührt zurückgehen. Scheinbar interessiert fragt die Bedienung in ihren knallengen weißen Hotpans beim Abräumen der vollen Teller, ob etwas nicht in Ordnung gewesen sei; ob ich ihr jetzt sage, dass das Steak, dass das ganze Essen, dass der ganze Fraß ungenießbar ist oder ob ich ihr sage, dass gerade in China ein Sack Reis umgefallen ist – interessieren würde sie beides gleich viel, der chinesische Reissack vielleicht sogar etwas mehr, also lasse ich es und bestelle noch zwei Scotch. Dann spricht mich mein Bar-Nachbar – ein Eingeborener – an, was an dem Steak nicht gepasst habe, woher wir kämen, wie wir ausgerechnet hierher kämen, was wir in Vegas täten, diese ganze Fragen-Batterie halt, mit der man mit Fremden Gespräche beginnt. Wir antworten brav und fragen gleichzeitig proaktiv zurück, ob er von hier sei, was er denn so täte, beruflich, ob er in Vegas geboren sei, ob er öfter hier sei, diese ganze Gegen-Fragen-Batterie halt, mit der man als Fremder Gespräche fortführt.

Am Ende dieses Abends – genauer am nächsten Morgen, kurz nach 06:00 im Morgengrauen – werden wir viele Einheimische kennengelernt haben, oberflächlich zumindest, wie man Leute in einer Kneipe halt kennenlernen kann. Einen Mitarbeiter der Stadtverwaltung werden wir getroffen haben, dessen Frau um’s Verrecken keinen Analverkehr mag (und worüber sprechen Sie so mit wildfremden Menschen in der Kneipe?) und der sich ansonsten mit der chronischen Wasserknappheit der Wüstenmetropole herumschlagen muss und mit dem zunehmenden Wasserdiebstahl durch illegale Marihuana-Anbauer. Gleich drei Croupiers werden wir getroffen haben, schließlich gibt’s von der Sorte genug hier, einer wird entspannt-mitleidig-verständnisvoll über seine zockende Kundschaft sprechen, einer wird aus seiner Verachtung für diese Menschen, die sein Ein- und Auskommen finanzieren, keinen Hehl machen und dabei doch nur die Verachtung für sein eignes, verpfusauthenzititaet_jakes3chtes Leben meinen, wohl bereits ahnend, dass sein offensichtliches Alkoholproblem ihn spätestens dann seinen Job kosten wird, wenn seine Chefs davon erfahren, der Dritte wird sich furchtbar aufregen, dass heutzutage auch maximalpigmentierte Mitbürger (er wird das Unwort tatsächlich aussprechen, mit deutlich gesenkter Stimme zwar, aber er wird es aussprechen: „Nigger“) an die Spieltische dürften und er – als quasi direkter Nachfolger der Pilgerväter – solche Leute (er wird sie liebevoll „vermin“ nennen) bedienen müsse. Mit zwei Studenten aus LA werden wir ein paar Bier getrunken haben, sie werden uns erzählen, was sie studieren und dass man als Aushilfskellner über die Feiertage in Vegas ein paar Monate Studium finanzieren könne, wenn man sich nicht allzu dumm anstelle und wenn man die regelmäßigen Demütigungen durch Gäste – noch nicht einmal unbedingt betrunken, viele seien auch nüchtern einfach Arschlöcher, die gerne Personal und Schwächere quälen und demütigen – und – ebenso schlimm – durch Kollegen der Stammbelegschaft aushalten könne. Ein Klein-Bauunternehmer wird uns ein paar Shots ausgegeben haben und sich neugierig über Bauweisen in Europa erkundigt haben, ob es tatsächlich wahr sei, was man im Fernsehen sehe, dass fast alle Wohnhäuser aus Stein gemauert seien und nicht in billiger Holzbauweise rasch hochgezogen, und warum man so etwas denn mache, durch diese aufwändige Bauweise würden ja Unmengen Ressourcen in Form von Materialien und Arbeitskraft verschwendet, Hausbauen ginge doch wesentlich effektiver; Nachhaltigkeit, Dauerhaftigkeit, Energieeffizienz, Vorsorge für kommende Generationen, all das sind Begriffe, mit denen dieser Bauunternehmer nichts wird anfangen können, er wird uns erzählen, dass er mit seinem Pick-Up, einem kleinen Kran, ein paar Maschinen, zwei festen Arbeitern und wechselnden illegalen Mexikanern in ein paar Tagen bezahlbare Einfamilienhäuser hochzieht, und dass wir Europäer mit unseren Häusern für die Ewigkeit doch wohl alle ein Rad abhätten. Natürlich werden wir auch zwei Nutten – äh … sex-worker – getroffen haben, verwundert werden wir fragen, was sie denn hier täten, in Vegas selber sei Prostitution unseres Wissens doch verboten; sie werden uns erzählen, dass Prostitution tatsächlich verboten, aber weitgehend geduldet sei, solange man bzw. frau sich nicht allzu doof anstelle, über herumlungernde Mädels in leichten Klamotten vor den Casinos auf dem Strip würde die Polizei hinweg sehen, beim aktiven Ansprechen allerdings höre der Spaß auf; sie werden uns weiter erzählen, dass sie keine Straßen-Nutten seien, und sie werden in abfälligem Ton über diese hustler oder street hooker sprechen, sie seien vielmehr escort girls, die in der örtlichen Presse und dem Internet ihre „Begleitdienste“ anböten, und Vegas sei ein gutes Pflaster für ihren Job, das Geld säße locker, oft seien die Kunden viel zu betrunken um zu tun, wofür sie zahlen, in brenzligen Situationen sei die allgegenwärtige Security in den Hotels sofort und unbarmherzig zur Stelle, meistens flögen dann beide raus, Nutte und Hurenbock, letzterer allerdings erst, nachdem er seine Zimmerrechnung gezahlt habe, und die Arbeit in Vegas sei unendlich besser als in Pahrump im Nye County, die legale Puff-Stadt eine gute Autostunde auf der 160 nordwestlich von Vegas, wo ein sehr rauer Wind wehe und wo die Zuhälter das Sagen hätten. Ich werde versucht haben, mir vorzustellen, wie es denn wäre, wenn ich der einen von den beiden, eine hübsche Mitt-Zwanzigerin, 250 Dollar gäbe und mit ihr auf’s Zimmer ginge; mir wird einfach nur grausen, ginge gar nicht, sowas. Für unschlagbare 25 Cent die Partie werden wir ein paar Runden an einem der beiden versifften Pool-Billard-Tische gespielt haben, Caro und ich gegen ein heimisches Rentnerehepärchen, lustige Leute, hatten eine Tankstelle irgendwo im rust belt bei Flint in Michigan, ein Fünftel der Bevölkerung seit Anfang des Jahrtausends einfach abgewandert, verschwunden, samt ihrer Kaufkraft, und die Zurückgebliebenen auch nicht gerade im Geld schwimmend, viele arbeitslos, werden sie erzählen, aber sie haben ihre Tankstelle noch rechtzeitig verkauft, hatten auch immer brav für’s Alter gespart, und jetzt wohnen sie in einem der einfachen Einfamilien-Holzhäuser in Vegas, das Klima ist bis auf die Winternächte mild und trocken, das sei gut für ihre alten Knochen, bis vor ein paar Jahren waren sie noch viel auf den 20 Golfplätzen von Las Vegas unterwegs, waren Mitglied im Badlands Golfclub, wo sich nur wenige Touristen hin verirren, und bis vor Kurzem sei das Essen in den Casinos einfach unschlagbar billig gewesen, weil die Casinos sich über die Spieler finanzierten, aber jetzt hätten sie wohl keine Lust mehr, Leute wie die Alten, die nur essen und nicht spielen, zu subventionieren, daher hätten die Preise deutlich angezogen, als Ausgleich gebe es Essens-Voucher und –Rabattkarten für die echten Zocker, tja, und deshalb seien sie jetzt öfters auch hier in Jake’s Bar, zum 2$-Dinner und ein paar Shots für 1,25$, irgendwie müsse man ja sparen, werden die Alten uns erzählt haben.

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So wird das die ganze Nacht gegangen sein, sicherlich ein Dutzend Leute werden wir mehr oder eher weniger kennengelernt haben, Versatzstücke aus einem Dutzend Leben werden wir aufgeschnappt haben, keines wird zum anderen passend und doch werden alle zusammen in bizarres Zerrbild der echten Bewohner dieser künstlichen Stadt in der Wüste geben, das dann doch in seiner ganzen Bizarrheit ziemlich nah an die Wirklichkeit kommen dürfte. „Du hast gesagt, Du willst es authentisch, nicht diese künstliche Glitzerwelt am Strip. War das jetzt authentisch genug?“, fragt Caro, als wir um halb sieben oder so in’s Taxi steigen. Die ganze Nacht hat mich vielleicht 50 Bucks gekostet, ok, zu vielen Drinks waren wir von freundlichen Locals eingeladen, aber dieser Schuppen ist nicht nur total abgefahren, er ist auch konkurrenzlos billig. An der Sahara Avenue Ecke Vegas Boulevard steigen wir bei der Apotheke aus dem Taxi und laufen bei Sonnenaufgang die halbe Stunde bis zum Mirage den Strip runter. Unser Rest-Alkohol wäre sicherlich ausreichend, um die Weihnachts- und gleich auch noch die Silvesterfeier einer ganzen Polizeiwache zu bestücken. Palmen an und auf den Gehwegen, alles gepflegt, sauber, viele Baustellen, es ist empfindlich kalt, Caro hat sich eng bei mir eingehakt, über dem Country Club geht irgendwann träge die Sonne auf, im Denny’s in der Silver City Placa gehen wir frühstücken, die Pancakes sind wirklich gut bei Denny’s, und die Hashbrowns sind zwar tiefgefroren, erinnern aber fast an Rösti. Man muss als Mensch mit normalem Geschmack halt beim Bestellen nur klug lavieren, dass man keine süßen Pankakes mit Ahornsirup und Obst zusammen mit Speck, Käseomelett, Würstchen und Hashbrowns gemeinsam auf einen Teller bekommt, aber in der Regel sind die Bedienungen da unglaublich flexibel und weichen problemlos von der vorgegebenen Teller-Zusammenstellung ab, die Eier werden frisch aufgeschlagen und stammen nicht aus dem Tetrapack, der Kaffee ist dünn und heiß und wird unablässig nachgeschenkt. Frühstück bei Denny’s, des basst schoo … Wir laufen durch die Kälte weiter nach Süden, vorbei am Gelände des ehemaligen New Frotier Hotels, das man irgendwann sprengte um Platz für ein noch gigantischeres Projekt zu machen; heute ruhen die Arbeiten auf der Baubrache am Fuße des protzig goldenen (aber hübsch in der Morgensonne funkelnden, das muss selbst ich zugeben) hiesigen Trump-Towers, weil die Macher des geplanten Alon-Projects hier wohl massive Finanzierungsprobleme haben. Vorbei an den großen, schillernden Betten-, Spiel-, Fress-, Sauf- und Vergnügungs-Tempeln erreichen wir das Mirage, gehen durch das große Tor mit dem Schriftzug Mirage, nicht zu glauben, Morgens um acht sind die Spielsäle auf dem Weg zu den Aufzügen schon gut gefüllt mit Spielern, wir aber fallen nur noch in’s Bett, lassen CES CES sein und pennen bis zum Nachmittag.

Jake’s Bar, das war in der Tat authentisches, unverfälschtes, ungekünsteltes, ehrliches, echtes Leben, so, wie ich es haben wollte, eigentlich immer haben will. „From where the fuck does she know this place?“ frage ich mich nach wie vor, aber Caro ist zuweilen unergründlich. Die Luft war schlecht, das Essen scheiße, das Bier eine eiskalte Plörre, die Drinks wohlfeil und ok, aber bei einem J&B aus der Flasche kann man selbst als Ami wenig falsch machen; vor allem aber waren die Menschen echt, und wenn man in einer Gegend ist, wo den Eigeborenen schlechtes Essen nichts ausmacht, da muss man wohl das schlechte Essen ertragen, wenn man die Einheimischen kennenlernen will. Kulinarisch ein Fiasko, menschlich ein authentisches Erlebnis …

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