Waldmeisterbowle

Waldmeister- oder Maibowle, nach meiner Wahrnehmung verruchtes Getränk zu Toast Hawaii und Käseigel in den sechziger und siebziger Jahren, dann schmählich untergegangen in den verschiedenen Sprit-Hypes, angefangen vielleicht mit Pimm’s (mit Gurke!), dann den Vodadrinks bis hin zu Swimmingpool und Zombie. So ganz weg war die Waldmeisterbowle nie, aber so richtig oft habe ich sie in den letzten Jahrzehnten bei den diversen Essens- und Party-Einladungen im Frühling auch nicht wahrgenommen. Nun gut, wo man früher an den Waldrand ging, ein wenig Unkraut zupfte und damit minderwertige wohlfeile Weine und Sekte frühjahrslich (wenn es „sommerlich“, „herbstlich“ und „winterlich“ in der Deutschen Sprache gibt, warum eigentlich gibt es nicht auch „frühjahrslich“?) pimpte, da muss man heute zumeist auf den Stadtmarkt oder in teure Geschäfte gehen, um alldorten für gehöriges Geld Waldmeister zu erstehen, und die wohlfeilen Weine sind auch nicht mehr so mäßig wie weiland. Das mag dazu beigetragen haben, dass dieser treue Begleiter von Toast Hawaii und Käseigel mit diesen unaufhörlich in Richtung des kulinarischen Orkus wankt(e).

Dabei kann so eine Waldmeisterbowle durchaus etwas Leckeres sein, ein, zwei Mal im Jahr, quasi als Frühlingsbote, aber öfters brauche ich sie dann doch auch nicht. Vielleicht auch, weil der toxologische Leumund des Waldmeisters (Galium odoratum oder auch Wohlriechendes Labkraut) nicht der Beste ist. Waldmeister enthält Cumarin, und das kann heftige Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Schwindel und Schlafsucht auslösen, bei sehr hohen Dosen können Leberschäden, zentrale Lähmung, Atemstillstand und Koma auftreten; Limonaden und Süßwaren, die überwiegend für Kinder bestimmt sind, dürfen daher seit 1974 in Deutschland nicht mehr mit Waldmeister aromatisiert werden, ebenso ist die Verwendung in Tabakprodukten verboten, gewerbsmäßig hergestellte alkoholische Getränke dürfen fünf Milligramm Cumarin pro Liter nicht überschreiten. Von daher ist etwas Vorsicht angesagt beim Bowle-Ansetzen, aber übertreiben sollte man es gewiss auch nicht mit dem Zagen und Zaudern. Wichtig ist, dass die frischen Waldmeisterstängel vor der Blüte (und das heißt eben im Mai) geerntet werden sollten, denn nach der Blüte können sie bitter schmecken. Nach dem Schneiden (sei es selber im Wald, sei es durch den Händler oder sei es vom Topf) sollten die Waldmeisterstängel wenigstens 24 Stunden trocken, alldieweil erst beim Welken die enthaltenen Cumaringlykoside das als Geschmacksstoff gewünschte Cumarin freisetzen. Bekommt man auf dem Markt bereits verwelkten Waldmeister, so ist das ausnahmsweise mal kein Problem, sofern der Waldmeister vielleicht einen Tag lang gewelkt ist und noch richtig kräftig nach Waldmeister riecht; gammelt das Kraut hingegen schon Tage lang vor sich hin, so riecht es auch nicht mehr intensiv und taugt nichts mehr. Es gilt die Faustregel, dass man pro Liter Bowle nicht mehr als 3 Gramm frischer Waldmeisterstängel verwenden sollte; wer stärkeren Waldmeistergeschmack wünscht und daher mehr Kraut verwendet, muss halt das Risiko eines gehörigen dicken Schädels in Kauf nehmen. Auch zu langes Ziehen des Krauts führt zu höherem Cumaringehalt und damit intensiverem Waldmeistergeschmack, der allerdings leicht ins Bittere umschlagen kann (wobei ich beobachtet habe, dass langes Ziehen nur manchmal zu bitterer Bowle führt, manchmal hingegen nicht: keine Ahnung, woran das liegen mag, vielleicht an der verwendeten Waldmeister-Art). In den diversen Waldmeisterbowle-Rezepten finden sich unterschiedlichste Verweildauern des Krauts im Wein: von wenigstens 10 Minuten über 1 Stunde bis hin zu „über Nacht“, also 12 Stunden. Wir lassen den Waldmeister meist eine gute Stunde ziehen. Aber vor Jahren hatten wir zwei Sträußchen Waldmeister einfach in den Wein geworfen und dort belassen; Conny und Susi haben die Reste am übernächsten Tag noch getrunken und beide erfreuten und erfreuen sich bester Gesundheit. Also, nicht übertreiben mit dem Zagen und Zaudern

Ein normatives, „richtiges“, „ursprüngliches“ Rezept für Waldmeisterbowle existiert natürlich nicht. In jedem Fall braucht man Waldmeister und Weißwein. Ob man zusätzlich Sekt oder Mineralwasser dazu geben will oder nur Wein, das bleibt dem individuellen Geschmack überlassen, zumeist heißt es aber, auf 2 Liter Wein 1 Liter Sekt. Je nach verwendetem Wein kann ein wenig Zucker, Läuterzucker oder Holunderblütensirup nicht schaden, muss aber ebenfalls nicht. Frische Erdbeeren, geeiste Melonenbällchen oder sonstige Vitaminbomben können ebenfalls zugegeben werden (müssen aber auch nicht). Was den Wein anbelangt, so wurden früher halt zumindest Säuerlinge hergenommen, die ein wenig Auffrischung vertrugen. Heute würde ich vorzugsweise einen Mosel-Riesling mit deutlicher Restsüße verwenden, für die herbere Fraktion vielleicht einen Rheinhessen-Riesling (die Rheingauer sind zu rar dafür, würde ich sagen) oder sogar – ohne jede Berührungsängste –  einen Müller-Thurgau aus der Pfalz, dazu einen Henkel Trocken oder einen Winzersekt mit viel Kohlensäure. Aber das sind theoretische Planspielchen, jeder hat hier gewiss seinen zweit-liebsten Weißwein und Sekt oder Crémant, die schon irgendwie zur Bowle passen.

Zutaten:

  • +/- 10 g frischer Waldmeister (je nach Größe 1 – 2 handelsübliche Sträuße)
  • 2 Flaschen Weißwein
  • 1 Flasche Sekt
  • Evtl. Eis
  • Nach Geschmack / Bedarf Zucker, Läuterzucker oder Holunderblütensirup
  • Nach Geschmack frisches Obst

 

Zubereitung:

  • Sofern noch nicht geschehen, Waldmeister ernten/abschneiden und an den Stielen zu einem Sträußchen zusammenbinden
  • Waldmeister über Nacht trocken lassen
  • 2 Flaschen zimmerwarmen Weißwein in einen Krug / ein Bowlengefäß geben, Waldmeister mit Hilfe eine Kochlöffels o.ä. an einem Faden so in den Wein hängen, dass die Blätter im Wein sind, die Stängel aber nicht (Weißwein sollte nicht kalt sein, damit sich das Cumarin besser löst)
  • Waldmeister +/- 1 Stunde im Wein ziehen lassen, herausnehmen, wegwerfen
  • Aromatisierten Wein kosten, wenn nötig/gewünscht, mit Zucker, Läuterzucker oder Holunderblütensirup nachsüßen
  • Wenn Zeit ist, aromatisierten Wein jetzt in den Kühlschrank stellen, bis er 6° bis 8° kalt ist; wenn es schnell gehen muss, notfalls mit Eiswürfeln arbeiten (um den Preis einer verwässerten Bowle)
  • Unmittelbar vor dem Servieren mit einer Flasche kalten Sekt aufgießen
  • Wer mag, kann noch geputztes, in mundgerechte Stücke portioniertes Obst – z.B. Erdbeeren, geeiste Melonenbällchen, geschälten, kurz in Zuckerwasser blanchierten Rhabarber, usw. – dazu geben; abraten würde ich allerdings von Zitrusfrüchten wie z.B. Zitronenscheiben zur Dekoration
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