Villatoro: Denkwürdiges am östlichen Neißeufer

Summa summarum: allein mit Geld und gutem Willen stampft man kein Spitzenlokal von Null aus dem Boden. Herzblut mag ja da sein, beim Geldgeber wie beim Koch wie beim Service, nur Konzept, Know-How und Mentor fehlen schmerzlich.

Das Haus sei eröffnet worden, so teilt uns unser Gewährsmann, die Plaudertasche, mit, von einem der beiden Söhne der zehnt-reichsten Familie Polens, die ausgerechnet in Zgorzelec die größte Bananen-Reiferei Europas betreibe, die halb-reifen, grünen Früchte aus Übersee würden von Rotterdam mit LKWs über 900 Kilometer nach Zgorzelec gekarrt, dort in großen Hallen in einen gelben und mehr oder minder essbaren Zustand versetzt und dann an die Supermärkte in der ganzen EU geliefert. Lassen wir das mit der Öko-Bilanz jetzt mal. Während der eine Sohn dieser Familie ein rechter Taugenichts sei, der schon mal im eigenen Hubschrauber zum Abendbrot nach Wien flöge, kümmere der andere sich fleißig um die Familiengeschäfte und habe sich statt eines eigenen Hubschraubers nun halt ein Nobel-Lokal samt Hotel gegönnt. Dabei sei er ein netter und einfacher und ehrlicher Mann, der zuweilen in seinem eigenen Lokal sitze und weder wisse, wie er sich zu benehmen habe, noch was genau da gerade abgehe. Ein wenig erinnert die Geschichte an das Münchner Tantris und Fritz Eichbauer.

Am Abend gehen wir vom Görlitzer Neumarkt hinab zur Neiße, dem Grenzfluss zwischen Deutschland und Polen, über die Papst-Johannes-Paul-II-Brücke, ebenfalls Stadtbrücke, Alte Stadtbrücke, Brücke der Freundschaft geheißen, die Brücke, über die auch Otto Grotewohl mit seiner Delegation ging, um 1950 das Görlitzer Abkommen zu unterzeichnen, hinüber nach Polen. Schengen-mäßig gibt es natürlich keine Grenzkontrollen mehr, und doch wird alles – Autokennzeichen wie Gesichter –, was die Republik Polen betritt, von übergroßen Video-Kontroll-Säulen automatisch erfasst und aufgezeichnet; angeblich werden diese Aufzeichnungen nach ein paar Tagen wieder gelöscht, wenn man sich Polen nichts zu Schulden hat kommen lassen (und Bill Gates ist ein Philanthrop). Große Tafeln weisen am Ende der Brücke darauf hin, dass ab hier generelle Maskenpflicht bestehe, auch auf der Straße unter freiem Himmel; niemand, aber wirklich niemand trägt eine Maske. In der letzten Abendsonne gehen wir durch die Altstadtstraßen von Zgorzelec flussaufwärts Richtung Oberlausitzer Gedenkhalle, jetzt Städtisches Kulturzentrum. Während der deutsche Teil von Görlitz westlich der Neiße heute ein Vorzeigeprojekt der gelungenen Altstadtsanierung mit Milliarden aus Brüssel und Berlin ist, ist der östliche Teil nach wie vor meist schäbig, heruntergekommen, Ostblock-mäßig. Der Sejm in Warschau, so unser Gewährsmann, die Plaudertasche, schere sich einen Scheißdreck um Zgorzelec – Zgorzelec und Görlitz waren bis 1945 eine Stadt, bis sie in Folge des Zweiten Weltkrieges in einen polnischen und einen (ost-)deutschen Teil geteilt wurde –, Investitionen fänden in Warschau, Breslau, Krakau, Danzig statt, aber nicht hier; am liebsten sei es dem Sejm wohl, wenn Deutschland Zgorzelec ganz übernähme, auch geschenkt. Wenngleich ich nicht wirklich glaube, dass Polen Gebietsabtretungs-Gedanken an Deutschland hegen könnte, von großer Liebe und großen Zuwendungen seitens der Zentralregierung zeugt das Stadtbild von Zgorzelec aktuell tatsächlich nicht. Schließlich erreichen wir den – heute reichlich vernachlässigten und teilweise zugebauten – Park um die Gedenkhalle, der hieß bis 1945 Georg-Snay-Park, nach dem ehemaligen Oberbürgermeister von Görlitz, unter dem er angelegt worden war, bei den Kommunisten dann Park Odrodzonego Wojska Polskiego, zu Deutsch Park der wiedergeborenen polnischen Armee, heute schließlich Park Andrzeja Błachańca, nach allem, was ich ohne Polnisch-Kenntnisse recherchieren konnte, eine ambivalente Persönlichkeit aus Söldner, Partisan, Agrar-Ökonom, Volks-Ernährer und Stalinismus-Opfer, dem der Polnische Reservisten-Verband heute seinen Respekt zollt.

Am Rande dieses Parks liegt der/die/das Villatoro, eine zweieinhalb-geschossige, giftgrüne, tip-top renovierte Gründerzeitvilla mit Terrasse zur Neiße auf der Rückseite. Im Vestibül-chen („Als Vestibül bezeichnet man in der Architektur der Neuzeit eine repräsentative Eingangshalle.“ Wikipedia) erwartet uns eine gepflegte junge Dame, die hinter einem aufgeräumten Tisch mit Rechner gelangweilt in ihre Funke starrt; als wir eintreten, springt sie servil und freundlich auf, nimmt unsere Jacken in Empfang, verstaut diese gegen einen Coupon in einem hinterseitigen Garderobenraum und führt uns zu unserem Tisch. Das Restaurant ist kein großer Speisesaal, sondern erstreckt sich über mehrere verwinkelte, kleinere Salons der alten Villa, sehr intim und angenehm. Parkettboden, teilweise Kastendecken und Jugendstil-Mosaik-Fenster, Stuck oder Malereien an den Wänden, keine Gastro-Einrichtung von der Stange, sondern moderne Designer-Möbel und -Leuchten, viel Abstand zwischen den Tischen, weiße Leinen-Tischläufer bzw. -decken, ziemlich gutes Besteck, Glas, Porzellan, dezenter Blumenschmuck, ein mächtiger Dry Aging Reifeschrank mit großen Fetzen vor sich hingammelnder toter Kuh darinnen, trotz der offenen Küche gute Luft und Raumklima, das ist alles sehr, sehr gediegen und geschmackvoll, kann man nicht anders sagen. Kaum hat uns die Empfangsdame am Tisch abgegeben, steht schon eine adrett schwarz-weiß gekleidete Kellnerin mit den dreisprachigen Speisekarten auf Polnisch, Englisch und Deutsch an unserem Tisch. Mit einer kurzen Charakterisierung dieser Speisekarte tue ich mich schwer; klar wird sofort, hier soll und will jemand richtig kochen, dieser Jemand ist der Chefkoch Wiktor Witan, ein in Großbritannien ausgebildeter Tscheche mit Stationen bei Holbeck Ghyll in Windermere, Number 13 in Buxton , Marcus Wareing in London und zuletzt Chef de Partie in Darleys Restaurant in Derby. Allein ein Blick auf die Vorspeisen dokumentiert die selbst gesteckten Ansprüche:  

  • Oktopus | Romesco Sauce | Kartoffel | Dressing Chimichurri
  • Rindercarpaccio | Trüffelmayonnaise | Quinoa | Senf-Eis
  • Tomaten-Tatar | Getrocknete Oliven | Umami Tomatenmayonnaise | Eingelegte Pilze | Hausgemachte Getrocknete Tomaten
  • Heringsmatjes | Heringsölemulsion | Apfel | Hibiskus | Rote Zwiebel
  • Gebackene Rote Bete | Porto | Ziegenkäse | Nüsse | Sauerrahm | Frischer Meerrettich

Daneben gibt es – ähnlich anspruchsvoll-kunterbunt-richtungsfrei – drei Salate, drei Suppen, zwei Nudel- und vier Fleischgerichte und je ein Fisch- und vegetarisches Gericht, vier Desserts, eine Kinder- und eine Bar-Karte, alles sehr überschaubar, nicht mainstream, sondern individuell, offensichtlich mit kulinarischem Gestaltungswillen und Anspruch.  Die Weinkarte ist eine Tour de Force ohne Sinn und Verstand durch gehobenere Weinlagen dieser Welt, außerdem ein paar junge polnische Winzer, vor denen uns unser Gewährsmann, die Plaudertasche, aber ausdrücklich warnt, der Weinbau in Polen fange gerade erst wieder an, noch seien die hiesigen Weine grausam, aber heute müssten eben die Reben gepflanzt werden, und ein paar Jahre, EU-Subventions-Milliarden, und Klimaerwärmungs-Grade später seien durchaus akzeptable Weine zu erwarten, aber das dauere halt noch. Also bescheiden wir uns mit einem 2018er Pouilly Fumé zu den Vorspeisen und einem 2019er Tempranillo zu den Hauptgerichten, dazwischen etliche hervorragende Polnische Vodkas. Es dauert, bis der Weißwein kommt, man finde ihn gerade nicht, erklärt unsere schwarz-weiße Kellnerin, irgendwann kommt die Flasche dann, maximal Keller-kalt, aber niemals 10, 11 Grad Trinktemperatur. Alle am Tisch sind froh, als die Flasche auf ist und die Kellnerin sich bei Herumfuhrwerken mit dem Korkenzieher an der Kapsel nicht die Pulsadern aufgeschnitten hat. Und warum sie den Tempranillo gleich mit dem Weißwein aufmachen, dekantieren und atmen lassen soll, versteht sie auch nicht, sie versucht mehrfach, uns zu erklären, sie würde den Rotwein „frisch“ für uns aufmachen, wenn es an der Zeit wäre. Ein Sommelier stünde diesem Lokal wahrlich nicht schlecht an.

Vorweg gibt es wirklich gutes Brot mit weiß aufgeschlagener Butter, ehedem ein Klassiker, dazu als Amuse Gueul eine lauwarme Sellerie-Creme mit Wallnussstückchen im Weckglas, ehedem auch mal originell. Die Vorspeisen enttäuschen auf ganzer Breite: die Tomatensuppe besteht aus dicklich pürierten Dosentomaten auf industriellen Mozzarella-Kügelchen, was daran geräuchert sein soll, vermag ich nicht herauszuschmecken, ebenso wenig, wo die avisierte Tomatenmarmelade sein sollte; der Oktopus ist hart und lauwarm, die Romesco Sauce – eigentlich eine ziemlich geniale katalanische Sauce aus Tomaten, Knoblauch, Nüssen bzw. Mandeln, getrocknetem Paprika, Brot, Olivenöl, Essig und Wein – belanglos, von der typischen dezenten Schärfe keine Spur; die gebackene Rote Bete schließlich ein Fiasko, eine Portion, die zur Hauptspeise für Zwei gereichte, aus großen Brocken irgendwie gegarter Roter Bete, geschmackfreiem Ziegenfrischkäse, geschmackfreien Meerrettich-Spänen – das Alles zusammen hat keinen Spaß gemacht. Champignon-Ravioli: schon wieder lauwarm, harter Nudelteig, irgendwie gefüllt, in einer bräunlichen Sauce, darauf irgendwelche Pilze und geröstete Buchweizenkügelchen, alles andere als stimmig oder beeindrucken. Hirschrücken: große kalte (nicht mal lauwarme), blutige, harte Fleischfetzen, Sellerie-Scheiben, belangloses Blaukraut, Brombeeren (Brombeeren im Februar?), weiße Tupfen – was soll das? Entenbrust: ganze viele Tranchen von lauwarmer, rosa Entenbrust, ordentliche tournierte Möhren und gebackene Polenta, gesottene Entenmägen, Orangensauce – aber wozu, fragt sich der zunehmend zweifelnde / verzweifelte Esser. Polnischer Vodka hilft in solchen Situationen zuverlässig, und der ist im Gegensatz zu den Speisen wirklich gut. Auf die Nachspeisen verzichten wir dann aus gegebenen Anlässen: zu viel und zu schlecht vorweg.

Dabei ist das Villatoro für den „Durchschnitts-Polen“ richtig teuer. Zur Veranschaulichung: ein Entrecote kostet im Villatoro 116 Zloty oder umgerechnet 24,60 EURO, das ist gefühlt nicht viel für ein Entrecote. Relativiert man das ganze jedoch mal am durchschnittlichen Netto-Einkommen, so sieht das schon ganz anders aus. Ein Pole verdient im Jahr durchschnittlich 10.404,94 EURO netto, ein Deutscher 31.830,70 EURO. (Quelle: Statista) Ein Entrecote im Villatoro kostet einen Polen also 0,24% seines Jahreseinkommens, einen Deutschen hingegen nur 0,08%; was ich mit dieser back-of-the-envelope Rechnung nur zeigen will: für den „Durchschnitts-Polen“ ist das Villatoro schlichtweg teuer, für den statistisch repräsentativen Mann von der anderen Seite der Neiße hingegen gehoben-erschwinglich.


Villatoro – Hotel und Restaurant
ul. Wolności 9
59-900 Zgorzelec
Polen
Tel.: +48 (75) 3 06 76 00
Email: recepcja@villatoro.pl
Online: www.villatoro.pl

Hauptgerichte 11,90 € (Kürbisrisotto) bis 24,60 € (Entrecote), Drei-Gänge-Menue 20,40 € bis 42,90 €

DZ 55 € bis 200 €

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