Stille Nacht

Da mich meine Lebensgefährtin eindringlich gebeten hat, sie nicht mehr in irgendwelche Kolumnen mit rein zu ziehen, verkneife ich mir an dieser Stelle die Beschreibung unseres gemeinsamen Besuchs des Weihnachtsmarktes. Obwohl es eigentlich ganz interessant war, als ich meine bessere Hälfte („ich brauche dringend Geschenke“) neulich auf den Münchner Christkindlmarkt begleiten durfte.

Saukalt. Der Markt erinnert mich an das Bühnenbild der ARD-Show „Das Adventsfest der Volksmusik“. Ich habe Angst, dass gleich der total verblondete Florian Silbereisen (Würg) um die Ecke biegt und mich niederföhnt. Aus den Lautsprechern plärrt es laut „Stille Nacht!“. Und überall wohin der Blick schweift: bemalte Tassen (süß), mundgeschnitzte Holzschildkröten (teuer) und anderes Geraffel (nutzlos) – „Kunsthandwerk“ eben.  Die Nasen der Damen am Glühweinstand glänzen rot wie Christbaumkugeln. Oben mit Wollmütze, unten mit abgeschnittenen Handschuhen schöpft das Standpersonal aus den Glühwein-Bottichen, dass es nur so dampft. Im Gedränge beim Ausschank ist die Stimmung ungefähr genauso weihnachtlich wie im Fanblock bei einem Drittligaspiel in Sachsen.

Knuff. Ich spüre einen leichten Punsch, äh Verzeihung Punch, an meinen Rippen. Und jemand ruft mir ins Ohr „Hallöchen mit öchen!“ Oh Gott. Nicht er. Haben Sie sich auch schon mal gefragt, wer auf diese Mails mit Betreffzeilen wie „4 inches more in 4 seconds“ antwortet? Auf dem Weihnachtsmarkt habe ich ihn wieder getroffen – meine alte Schulkameratte „Blödibert“ K.. Wir erlangten dereinst gemeinsam die allgemeine Hochschulreife. Er war schon damals in etwa  genauso beliebt wie das Krokodil im Kasperletheater und er ist sich treu geblieben. Durch extensive Glühweinzufuhr wirkt er bereits geistig stark umweihnachtet. Nach einer kurzen Lobeshymne von und über ihn, was er für ein Hund sei und überhaupt´s – legt er richtig los. Er hält uns einen Vortrag über den CO2-Ausstoß von Adventskränzen und die Kommerzialisierung des Christfestes – dabei klebt links der Glühwein an seinen Handschuhen und rechts ein echtes weihnachtliches Artefakt: die sehr zeitgenössische Darstellung des Nikolaus – oben ohne, mit Sonnenbrille und einem „Merry X-Mas“-Tattoo auf dem Oberarm. Einen Schatten haben alle irgendwo, denke ich mir stille, aber bei ihm wird´s wohl nie richtig hell.

Schnell weg. Wir müssen. Ein humoriges „Tschüssikowski“ und „Ciaotschessku“ ruft er uns noch nach während wir im Schneetreiben verschwinden. Übrigens, das einzige, was wir wirklich mit nach Hause genommen haben, waren die Pfandtassen vom Glühweinstand.

Nicht vergessen, bald in ein bis 364 Tagen ist wieder Weihnachten.

 

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