Schalander in Kempten: von der Imbisstheke die vorgibt, ein Restaurant zu sein

Summa summarum: warm gemachte heimische Wurst- und Fleischwaren, dazu ausgesprochen mäßige Beilagen, ansonsten schwache Küchenleistung, in schöner Lage mitten in Kempten, eine gepimpte Imbisstheke mit Sitzgelegenheiten, freundlicher Bedienung und gutem Meckatzer Bier, nicht mehr.

Unten an der Straßenecke singt eine Frau, sie sei ein Feigling, ein Perversling, ein Liebhaber und ein Sünder, Männer zupfen dazu Gitarren. (Kurzer Einschub, der hier nichts direkt zur Sache tut: zu Liebhaber und Sünder gibt es feminine Formen, nicht aber zu Feigling und Perversling, ich fühle mich als Mann diskriminiert und fordere unverzügliche Sprach-Knittelung! Feiglingin und Perverslingin gehören sofort in den Duden aufgenommen, sonst bin ich traumatisiert und brauche umgehend ein Kriseninterventionsteam mit Priester, Rabbi und Imam!) Die Frau – sie singt Englisch – verstehe ich noch am besten, um mich herum kommunikative Fehlanzeige, ich verstehe kein Wort, mit Ausnahme des etwas verlorenen Hongkong-Chinesen (er legt großen Wert darauf, Hongkong-Chinese zu sein, nicht etwa Chinese, man kennt das ja), dem ich die Speisekarte übersetze. Ansonsten durch die Bank weg an allen Tischen breitestes Schwäbisches, schlimmer noch: Allgäuer Idiom. Ein großer Tisch voller fröhlich schwatzender junger Erwachsener, die ich sich wahrscheinlich über den verregneten Rock am Ring und ihre abgesoffenen Freunde dort unterhalten, ein paar würdige Greise, offensichtlich bei ihrem Stammtisch, junge Familien mit plärrenden Kindern, ein mittelaltes Paar, sie eine schlecht blondierte billige Schickse mit Modeschmuck, aber aufgedonnert wie Bolle, er der Typ stiller, schüchterner Architekt oder Anwalt, der sich ein Flittchen und den Mund hält. Alle reden, plappern, lachen, argumentieren, erzählen, fragen, reden, diskutieren, … und ich verstehe kein Wort, und das, obwohl ich über 25 Jahre mit eine Schwäbin zusammen war. Die Einheimischen um mich herum, die könnten jetzt verabreden, wir schnappen uns den Fremden und versenken ihn in der Iller … ich würde nichts davon mitbekommen und freundlich dreinblicken. Wir sitzen auf der Fischerstiege in Kempten, vor dem Schalander, das hier seinen Freisitz hat, weiter unten am Fuß der Treppe hat eine Band ihr Equipment aufgebaut, es ist Tag der Musik in Kempten, an jeder Straßenecke spielt eine Musikertruppe, ich schätze mal, insgesamt ein paar Dutzend. Hier im Schalander scheinen sich die Einheimischen zum Mittagessen zusammenzurotten und ich mittendrin. Das Leben ist schön.

Wäre da nicht das lästige Thema Essen. Nach dem Reinfall im Bayrischen Hof am Vorabend hoffte ich hier, im vielfach gelobten Schalander, gute schwäbische Küche zu finden, gemäß dem Motto des Etablissements „regional – frisch – ehrlich“. So voll wie Terrasse und Lokal mit Eingeborenen sind sollte man erwarten, dass hier der Hotspot regionaler Kulinarik ist. Auch die Speisekarte ist vielversprechend. Rindssuppen mit den klassischen Einlagen (natürlich), mariniertes Rote Beete Carpaccio mit Sprossen, Forellen-Mousse, Krautkrapfen, geschmälzte Maultaschen mit Kartoffelsalat, G’schwollene, Zweibelrostbraten, Kässpätzle mit Bergkäse, dazu Salate, Spargelkarte, veganes Zeugs, klingt alles sehr verheißungsvoll und authentisch.

Allora, arbeiten wir’s kurz ab: Rindsuppe dünn, Gemüsestreifen darin frisch-knackig, aber von einer Länge, die auf keinen Löffel passt, schon das Hemd bekleckert, die Maultasche darinnen vom lokalen Metzger zugekauft, auf einer Skala von 1 (inakzeptabel) bis 6 (perfekt in jeder Hinsicht) bekämen diese Herrgottsbescheißerle eine schwache 3, bei den abgeschmälzten Mautaschen werden identische Exemplare die Bühne betreten. Und die kommen kurz angebräunt und furztrocken aus der Pfanne – ohne einen Hauch von Brühe – daher, dazu nicht etwa frisch in Butter geschwenkte Zwiebelringe, sondern ein Berg von kalten, zähen, irgendwann früher mal frittierten Zwiebeln, der schwäbische Kartoffelsalat dazu reichhaltig, schlorzig, weitestgehend geschmackfrei, überflüssig, die Kalorien nicht wert. Die Brocken – von Braten kann keine Rede sein – vom Schweinsbraten sind eindeutig aufgewärmt, wieder furztrocken und diesmal noch faserig, der Semmelknödel breiig, keine Stückchen mehr erkennbar, das kurze Sößchen wahrscheinlich auch Convenience-gepimpt, aber geschmackvoll, auch der Krautsalat frisch, knackig, leicht speckig mit knusprigen Speckwürfelchen, gute Balance von Öl und Säure, der ist tadellos. Das Schnitzel kommt aus der Fritteuse, ist etwas faserig-trocken, die Panade nicht abgehoben, kleiner gemischter Salat und Bratkartoffeln dazu für bayrische Verhältnisse überdurchschnittlich und vollkommen ok, aber auch nicht mehr. Auch die G’schwollenen (oder – im Volksmund – „Leichenfinger“ geheißen, das sind Kalbsbratwürste ohne Pelle, deren Aussehen ihrem Namen zur Ehre gereicht) und der abgebräunte Leberkäs sind OK, warm gemachte ordentliche heimische Metzgerware, dazu der nämliche schlorzige geschmacklose Kartoffelsalat. An der Imbisstheke einer Metzgerei wäre diese Küchenleistung vollkommen OK, warm gemachte heimische Würste und Braten, aber Kochen, zumal allgäuerisches Kochen, das geht gewiss anders.

Hauptgerichte von 7,90 € (Leberkäs mit Kartoffelsalat) bis 23,90 € (Rumpsteak), 3 Gänge +/- 25 €
Restaurant Schalander
Inhaber Ingo Burger
Fischersteige 9
87435 Kempten
Tel.: +49 (8 31) 1 68 66
Fax: +49 (8 31) 52 02 33
E-Mail: info@schalander-kempten.de
Internet: www.schalander-kempten.de

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