Möhrensuppe nach Großmutters Art

Gemüsesuppen kennen wir heute vorwiegend als leichte, klare Brühen oder als pürierten, die Ingredienzien verbergenden Brei oder aber als kräftigen Eintopf mit mehr oder minder exotischen Zutaten. Bis in die fünfziger und sechziger Jahre hinein kannte man in Deutschland (sicherlich auch anderswo, aber damals war ich nicht anderswo) eine weitere, nicht uninteressante, aber heute weitgehend vergessene Zubereitungsart: Gemüse gab es “in der guten alten Zeit” frisch und preiswert aus dem eigenen Garten oder vom Markt, und es hatte den heute weitgehend vergessenen und auch ausgestorbenen Vorteil, dass es nach etwas schmeckte. Solches Gemüse – allen voran die Kartoffel, aber auch Steckrüben, Kohlrabi, verschiedene Kohlsorten, Bohnen, Rote Beete, Erbsen und eben Möhren – bildeten oft die Grundlage der täglichen Ernährung. Heute wären ein paar Möhrchen mit echtem Möhrengeschmack eine kleine Sensation und reichten alleine aus, mit möglichst wenigen weiteren Zutaten eine “Klare Suppe von naturbelassenen Gartenmöhren mit Koriandergrün” oder ähnliches zu ergeben. Früher hingegen wurden diese Möhren schlichtweg als armselig (ihr guter Geschmack war noch selbstverständlich) und zu wenig sättigend empfunden. Daher war die Hausfrau – zumal im bäuerlichen und kleinbürgerlichen Haushalt – bemüht, das Gericht geschmacks- und vor allem kalorienmäßig aufzuwerten (von wegen der schweren körperlichen Arbeit). Historischer Zeitzeuge eines solchen Bemühens ist die Möhrensuppe nach dem Rezept meiner Großmutter.

Und damit ich nicht vergesse euch zu erzählen: diese Möhrensuppe gab es bei uns traditionell immer am Mittag des Heiligen Abends. Der Heilige Abend war einer der ganz wenigen Tage, an denen wir alle in der Familie und speziell meine Mutter so viel anderes um die Ohren hatten, dass kaum Zeit zum Kochen blieb. In den Geschäften war viel zu tun, alle Welt wollte kurz vor Schluss noch Nonchalance, Klosterfrau, Mädchentraube und Katzenfelle als Geschenke kaufen und natürlich fein säuberlich eingepackt  bekommen, die Stammkundschaft wollte ihre Bestellungen nach Hause geliefert haben, daheim musste das Fest vorbereitet werden, selber noch Geschenke einpacken, den Baum aufstellen und schmücken, zur Feier des Tages Baden und chön anziehen, und vor den Festschmäusen mit Ochsenschwanzsuppe, Lachs, Stollen mit Tannenhonig, Gans mit Klößen, Grünkohl mit Kassler und Brägenwürsten … wollte man nicht bereits Mittags, also am Ende der offiziellen Fastenzeit, das Schlemmen und Prassen beginnen. Daher kochte meine Großmutter bereits am 23. Dezember ihre Möhrensuppe aus den guten, selbstgezogenen Möhren aus dem eigenen Garten, für den Winter im Keller in Tontöpfen voller Sand konserviert, geschmacklich gut, aber verschrumpelt, unansehnlich und richtig schlecht zu schälen, daher „schrappte“ meine Großmutter die Dinger nur, schabte also die Schale ab und schnippelte sie sodann mit einer Engelsgeduld in gleichmäßige Stifte, (ich weiß nicht, warum es diese Stifte in dieser Größe sein mussten und müssen, wo doch etwa Möhrenscheiben aus dem Gurkenhobel wesentlich einfacher zu machen wären – aber auch ich halte mich an das kategorische Postulat der arbeitsintensiven Möhrenstifte). Und daraus kochte meine Großmutter ihre Suppe, die traditionell niemals reichte, das heißt: wir fraßen sie immer ratzekahl auf, egal, wie sehr Oma sich auch bemühte, es war halt Tradition.

 

Zutaten:

  • 1,5 kg Möhren
  • 3 Essl. frische Butter oder Schweineschmalz
  • 1 Teel. Zucker
  • 500 g Kartoffeln (oder weniger)
  • 200 g fetter Speck
  • 4 Essl. Öl
  • 2 Essl. Mehl
  • Salz, schwarzer Pfeffer frisch aus der Mühle, Zucker, nach Geschmack 1 bis 2 Gemüsebrühwürfel
  • nach Geschmack 1 Essl. frische Butter
  • nach Geschmack gehackte frische Petersilie (krause)

 

Zubereitung:

  • Möhren putzen, schälen, in 0,5 bis 1 cm breite Streifen schneiden, die Streifen wiederum schräg in gleichmäßige Möhrenstifte (von Durchmesser kleiner als ein Bleistift, ca. so groß wie vier zusammengelegte Streichhölzer) schneiden
  • Kartoffeln schälen, in mundgerechte Würfel schneiden
  • Butter in einem großen Topf schmelzen, Zucker in der heißen Butter bei mittlerer Hitze karamellisieren (ohne zu verbrennen!), mit einer guten Prise frischen, sehr fein gemahlenen Pfeffer aus der Mühle würzen
  • Möhrenstifte in dem karamellisierten Zucker rasch wenden und andünsten (möglichst alle Möhren sollen mit dem Zucker überzogen sein, daher rasch und intensiv wenden und rühren)
  • Möhren gerade mit Wasser bedecken, Kartoffeln dazugeben, mit Salz, Pfeffer, evtl. Gemüsebrühwürfel würzen (Salz vorerst wegen des Specks, der später dazu kommt, sparsam verwenden); Gemüse weich kochen
  • Während dessen den fetten Speck würfeln; Speckschwarte ganz abtrennen und direkt  zur Suppe geben
  • Speckwürfel bei mittlerer Hitze (keinesfalls zu heiß, denn Speck wird anfänglich scheinbar nur langsam heiß, verbrennt dann aber schnell und plötzlich) in einer Pfanne mit etwas Öl auslassen, bis nur noch kleine, goldbraune Speckgrieben im Fett schwimmen; Grieben aus dem Fett fischen (sie können abgekühlt geknabbert werden)
  • 2 Essl. Mehl in das Fett geben und gut verrühren, bis keine Klümpchen mehr vorhanden sind
  • Mehl-Speck-Einbrenne zur fast fertigen Möhrensuppe geben, gut durchrühren, kurz aufkochen lassen (Vorsicht, die Suppe brennt jetzt leichter an, daher beim Aufkochen gut rühren)
  • Suppe nach Geschmack mit etwas frischer Butter und/oder gehackter frischer Petersilie verfeinern, evtl. nachwürzen, servieren
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