Marginalie 78: Der Andalusische Feinschmecker

Von Ihrer Reise nach Spanien hat Caro noch eine zweite, sehr schöne Geschichte mitgebracht. Und Geschichten müssen erzählt werden, wieder und wieder, sonst sterben sie. Es wäre unendlich schade, wenn die Geschichte vom Andalusischen Feinschmecker stürbe. Und die geht so:

Der Andalusische Feinschmecker plant ein Fest, ein sehr großes Fest. Und so lädt er seine Familie ein, auch nur entfernte Verwandte, Freunde, Nachbarn, Bekannte, sogar Leute, die er kaum kennt, denn es wird ein großes Fest werden, und es wird viel zu Essen geben, sehr viel. Lange vor dem Fest lässt der Andalusische Feinschmecker einen mächtigen Ochsen schlachten. Den Ochsen lässt er mit einem Hirsch füllen, den Hirsch mit einem Kalb, das Kalb mit einem Schwein, das Schwein mit einem Lamm, das Lamm mit einer Gans, die Gans mit einer Ente, die Ente mit einem Huhn, das Huhn mit einem Stubenküken, das Stubenküken mit einer Wachtel, die Wachtel mit einer Ammer, und die Ammer schließlich mit drei Oliven. Das alles lässt er auf einen starken, großen Spieß stecken und lässt es Tage lang auf kleinstem Feuer in seinem Hof grillen, die Knechte drehen abwechselnd und ächzend den schweren Grillspieß, Tag und Nacht, ohne Unterbrechung, und die Köche beträufeln und begießen den Fleischberg unablässig mit Saucen, Fonds, Alkohol, Gewürzmischungen. Nach Tagen harter Arbeit schließlich ist das Fleisch durchgegart und zart, nicht nur der Hof, auch das Haus und die ganze Umgebung sind erfüllt von Bratendüften. Dann treffen die Gäste zur bestimmten Stunde ein, der Andalusische Feinschmecker heißt den Spieß vom Feuer nehmen und lässt den Ochsen, den Hirschen, das Kalb, das Schwein, das Lamm, die Gans, die Ente, das Huhn, das Stubenküken, die Wachtel und selbst die Ammer an seine Gäste verteilen, jeder erhält einen großen Teller voller Fleisch. Der Andalusische Feinschmecker jedoch, der lässt sich die drei Oliven servieren und verspeist sie mit sehr großem Genuss, enthalten sie doch die Aromen von allem, was auf dem Spieß war.

So schön diese Geschichte an sich ist, ist sinniere immer noch, wie das rein technisch zu bewerkstelligen sein mag, solche Berge von Fleisch ineinander zu stopfen, dann akkurat aufzuspießen und so zu grillen, dass es Außen nicht verbrannt und Innen nicht roh ist. Aber die Andalusier wissen gewiss, was sie tun. Oder wie Cornelia immer zu sagen pflegte: „Eine Geschichte muss nicht wahr sein. Sie muss nur schön erzählt sein.“

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