Marginalie 116: Produktrückrufe und die Presse

Chronisch sauer bin ich auf die Systemmedien sowieso, aber gerade bin ich noch einmal saurer: „Produktrückruf bei bekannter Nuss-Nougat-Creme – Lebensgefahr!“ steht da in fetten Lettern als Überschrift. Uuuups, ich habe auch Nuss-Nougat-Creme im Schrank, bin ich etwa in Gefahr? Mein Interesse ist geweckt, also beginne ich, den Artikel zu lesen.

Erster Abschnitt des Artikels: „Ein bekannter Hersteller ruft seine Nuss-Nougat-Creme aus dem Einzelhandel zurück. Beim Verzehr kann Lebensgefahr bestehen. Bla-bla-bla.“ Nach dem ersten Abschnitt weiß ich zwar, dass meine Nuss-Nougat-Creme im Schrank mich eventuell umbringen könnte, aber ich weiß noch immer nicht, um welche Nuss-Nougat-Creme es sich genau handelt, um welchen Hersteller, um welche Gefahr und was ich gegebenenfalls zu tun habe.

Zweiter Abschnitt: „Nuss-Nougat-Cremes zählen zu den beliebtesten Brotaufstrichen. Jeder Deutsche verzehrt davon pro Jahr …“ Bla-bla-bla.“ Ich weiß immer noch nichts.

Dritter Abschnitt: „Nuss-Nougat-Creme besteht aus Zucker, pflanzlichen Fetten, Haselnüssen, …Bla-bla-bla.“ Schlauer bin ich jetzt auch nicht.

Vierter Abschnitt: „Hergestellt wird Nuss-Nougat-Creme, indem … Bla-bla-bla.“ Himmel Hilf!

Die Erlösung: Fünfter Abschnitt: „Konkret handelt es sich in diesem Fall um die Nuss-Nougat-Creme ABC vom Hersteller DEF, in die beim Herstellungsprozess GHI geraten sein könnte. Das kann beim Verzehr JKL auslösen. Genau betroffen sind die Chargen MNO mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum PQR, die von den Händlern STU vertrieben werden. Wenn Sie solch ein Glas daheim haben, machen sie VWX.“ Punkt.

Vier einfache, faktenbasierte Sätze, mehr will ich gar nicht wissen, mehr brauche ich in diesem Zusammenhang gar nicht zu wissen. Um an dieses – vielleicht lebensnotwendige – Wissen zu gelangen, muss ich mich durch vier lange Abschnitte journalistischen Bullshits lesen, und – sofern ich online lese – mich mit Unmengen mit Scheiß-Werbung zuballern lassen. Der Aufbau solcher Artikel über Rückrufaktionen ist fast immer gleich, geradezu schematisch. Die versprochene Information ist potentiell überlebenswichtig, – überlebenswichtiger als jede Headline wie „Busenblitzer bei Kim Kadingsbums“ oder „Quersitzender Furz bei Politiker Wischi-Waschi“ – aber um an diese Information zu gelangen, quälen mich die Journalisten mit einem endlosen, sinnlosen Sermon, der weniger der Information dient als vielmehr als virtuelle Anschlagfläche für Werbeeinblendungen, die ich dann gezwungenermaßen über mich ergehen lassen muss. Das, meine Damen, Herren und Personen anderen Geschlechts, hat nichts, aber rein gar nichts mehr mit Journalismus zu tun, wobei ich mir überhaupt nicht sicher bin, ob dieser überflüssige Quatsch noch von Menschen verzapft wird oder bereits von einer willfährigen KI. Früher nannte man sowas schlichtweg Zeilenschinden und wurde von jedem gestandenen CvD (gibt es überhaupt noch CvDs?) oder spätestens dem Chefredakteur radikal zusammengestrichen.

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