Le Clocher in Annecy: ich mag’s jetzt nicht sonderlich …

Summa summarum: Hübsches, zentral gelegenes Restaurant, gewiss weder verfeinerter Spesenritter-Sterne-Tempel noch fetttiefende Touristen-Abzock-Spelunke, mehr ein kulinarisches hide-out für die besser verdienenden Einheimischen mit angeblich traditioneller, regionaler Savoyer Küche mit gehobenem Anspruch und oft sehr ordentlichen Rohstoffen, die mich persönlich aber fast durchweg nicht überzeugt

Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich recht selten in Savoyen Essen gehe, wahrscheinlich liegt es auch daran, dass ich nicht sonderlich gerne Französisch esse, da gibt es weitaus bessere Länderküchen, und so tue ich mich bis heute schwer, ein wirklich gutes Restaurant in und um Annecy zu nennen. Bis vor 13 Jahren, da gab es die legendäre Auberge de L’Eridan von Marc Veyrat, das erste und einzige Restaurant, das jemals 20 von 20 Punkten im Gault Millaut erhielt (sonst vergibt der Führer maximal 19,5 von 20 möglichen Punkten, mit der Begründung, ein perfektes Restaurant ohne jeden Makel, das könne es nicht geben … bis eben auf Veyrats Gaststube), das war ganz großes Theater und weiland sicherlich ein Aha-Erlebnis (das sich zwischenzeitlich aber auch schon abgenutzt und relativiert hat); das Anwesen liegt immer noch sehr hübsch, das Hotel hat 5 Sterne, Yoann Conte kocht hier stabil auf Zwei-Sterne-Niveau. Zu dem, was Stéphane Dattrino im L’Esquisse macht, möchte ich mich nicht äußern, dann schon lieber das Café Brunet oder das Le Denti. Ganz schlimm sind dann natürlich die ganzen dampfigen Touristen-Nepp-Stuben in der sehr hübschen Altstadt von Annecy, wo die Horden hungriger Tagestouristen mit unendlichen fetten, angeblich landestypischen Kartoffelgratins mit viel Käse und Speck und mit schlechten offenen Weinen für recht viel Geld abgefüttert werden, und die Leistungen des jungen Arien Tupin-Bron im Restaurant La Voile des Hotels Imperial sind auch nicht besser, dann schon lieber in die dortige Brasserie oder die Hip-Bar, die ist in der Tat ganz hübsch, auch wenn die Barkeeper ihr Handwerk offenbar nicht wirklich beherrschen.

Wenn lokale Französische Gastgeber in Annecy nicht mit kulinarischen Spesen-Orgien in den örtlichen Sternetempeln in protzen wollen, so laden sie überdurchschnittlich oft in’s Le Clocher ein, fast mitten in der Stadt beim Rathaus, und doch abseits des Touristen-Trubels, Parkplätze findet man ebenfalls (meistens), das Restaurant befindet sich in einem uralten Gebäude aus gemauerten Feldsteinen, die einen sagen, die Fundamente stammten noch aus der Römerzeit, die anderen sagen romanisch, sehr alt und heimelig allemal, durch die Wände dringt keine Handy-Funkwelle, wie herrlich, niedrige Decken mit alten Holzbohlen, Steinfußboden, gedämpftes Licht, außer Weinflaschen kaum Deko-Kitsch, die Atmosphäre durch das alte Gemäuer spricht für sich, mit Leinen eingedeckte, wie in Frankreich üblich viel zu eng gestellte Tische, vor dem Haus ein netter, recht großer Gastgarten, wenn schon nicht mit Blick auf den See, so doch zumindest auf die reichlich vorhandenen Berge, das alles ist gediegen, unprätentiös, gepflegt, unaufgeregt, … in solcher Umgebung kann gute genussvolle Küche sicherlich stattfinden … sofern man einen Platz bekommt, ohne Reservierung geht hier selten was, das Le Clocher ist noch immer ein Geheimtipp der wohlhabenderen und/oder Spesenkonten-gesegneten Einheimischen. Küchenchef Bruno Wlodarczyk kocht hier seit über 7 Jahren verfeinerte Savoyer Küche aus guten, oft regionalen Zutaten, und mich hat es nie wirklich überzeugt, obwohl wir seit Jahren immer mal wieder hierher gehen.

Die Foie Gras ist mächtig, recht fest, zaghaft gewürzt, die Orangenmarmeladen-Glasur oben darauf heute wohl irgendwie Standard (fast jeder klatscht Süßes auf die Gänseleber, wohl als optischen Kontrapunkt), das Orangenchutney dazu geschmacklich fad, zu gering portioniert, nett die kleinen, kräftiger schmeckenden Organgenfilets, die beiden Schinkenröllchen ebenso sinnbefreit wie der dicke ockerne Strich von irgendetwas wohl Essbarem auf dem Teller, dazu aufgeschnittene Brötchenscheiben, kein Baguette, geschweige denn Brioche. Nochmals deutlich unbefriedigender dann der gebeizte norwegische Zuchtlachs auf einem dicken Blumenkohlbrei-Flatschen, falschem Kaviar und Salatgarnitur, und was an der dicken Kräuter-Mayo darauf „à la parisienne“ gewesen sein soll, habe ich nicht wirklich verstanden. Dann ein bei Niedertemperatur gegartes Schweinskarreé aus dem Aveyron mit dicker Fettschicht, aber rosa, zart und geschmacklich recht gut, dazu zweierlei Zwiebeln und geschmorten Endivien auf einem kleinen Sößchen, mehr einem Saftl, auch das ist nett, aber in keiner Weise herausragend. Der gratinierte Hecht mit Schwarzwurzeln auf zweierlei Soßen von Speck und Kalb wird dann nicht nur von der Komposition her abstrus, der Fisch ist auch noch alles andere als frisch (und vielleicht auch der Grund, für das Gratinieren und die kräftigen Saucen), die Konsistenz der Schwarzwurzeln nähert sich dem Breiigen, die Fleischsaucen harmonieren mit dem Fisch wie Romulus und Remus. Die bei Niedrigtemperatur gegarte Hähnchenbrust aus dem Dombes wird vor dem Servieren zusammen mit etwas Heu in eine Kasserolle mit Deckel gesteckt, das Heu angezündet, der Deckel aufgelegt und das Hähnchen sodann mit dem kokelnden Heu serviert, „in  Heu geräuchert“ umschreibt es die Speisekarte (so’n Quatsch), geschmacklich bleibt da nicht viel an dem zarten und recht guten Fleisch hängen, aber am ganzen Tisch stinkt es erstmal nach verbranntem Heu, das mag ein passender olfaktorischer Background für ein Kartoffelfeuer im Herbst auf dem Feld sein, nicht aber für ein Restaurant mit Anspruch, wo sich doch jeder Gast auch am Geruch seiner Speise erfreuen wollen sollte; bei diesem Heukokelgestank kann man ja auch gleich wieder das Rauchen in Speiselokalen erlauben. Der Geflügelsaft dazu dünn, die Tupfer gelben Kürbisbreies und grünen Broccolibreies absolut belanglos, monströs das Makkaronigratin, bestehend aus exakt gleich langen Makkaronistückchen mit vielleicht 2 cm Länge, in vier Stockwerken exakt aufeinander gestapelt, etwa in der Größe eines 500 Gramm Goldbarrens, mit irgendwas überbacken, von Fett triefend, für mich ungenießbar, sehr an oben erwähnte unendliche fette, angeblich landestypische Kartoffelgratins mit viel Käse und Speck erinnernd. Das war also garnix. Da müht sich sicherlich einer in der Küche, da hat er gute Zutaten, da betreibt er mal Tellerdesign bei der Foie Gras, da kommt der Lachs mal als hingeknallter Flatschen daher, aber das meiste bleibt recht plump, fett, mächtig, vom Geschmack her nicht etwa fein, differenziert, zart, sondern flach oder brachial … meistens zumindest.

 

Le Clocher
20 Place Gabriel Fauré – Chef-Lieu
74940 Annecy-le-Vieux
Frankreich
Tel.: +33 (4 50) 23 09 90
E-mail: leclocher@wanadoo.fr
Internet: www.le-clocher.com

 

Hauptgerichte von 19 € (Ravioli) bis 30 € (Filetsteak), Drei-Gänge-Menue von 38,50€ bis 64 €

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