Hotel Zum Bär in Quedlinburg: Nettes Hotel, schlechtes Restaurant

Summa summarum: gepflegtes, altes Stadthotel in bester Lage, um Quedlinburg zu Fuß zu erkunden, mit zweckmäßigen, aber gemütlichen individuellen Zimmern, sehr mäßigem Restaurant und ausgesprochen freundlichem, zuvorkommendem Personal

Es ja auch wirklich zu hübsch, fast zu hübsch, um wahr zu sein, dieses Quedlinburg am Harz in Sachsen-Anhalt, vom 10. bis zum 12. Jahrhundert Osterpfalz der Ottonen, Sitz eines prächtigen Damenstifts mit einem legendären Domschatz, fast vollständig erhaltener Stadtkern aus 1.300 meist gotischen Fachwerkhäusern und verwinkelten Gassen mit Kopfsteinpflaster, alles bis nach der Wende dem sozialistischen Schlendrian und Verfall preisgegeben, mit reichlich damals noch Bonner und Brüsseler Millionen gerettet und wieder aufgehübscht, die netten kleinen und großen Häuser heute oft in Wessi-Besitz, liebevoll renoviert, unrenovierte Bausubstanz ist in der Innenstadt kaum mehr zu haben, schon gar nicht mehr wohlfeil, unter sechsstellig für ein Häuschen – unrenoviert – läuft hier kaum mehr was, dafür ist Quedlinburg schon seit 1994 auch Welterbestadt der UNESCO. Quedlinburg könnte direkt einem der zahlreichen Comics entsprungen sein, in denen Carl Barks (der legendär Disney-Zeichner) alte europäische Städtchen gezeichnet hat, nur tragen die Einwohner bei Barks meist Lederhosen und Seppelhüte. Welterbe, sowas zieht natürlich auch Touristen aus aller Herren Länder an, in der warmen Jahreszeit überschwemmen schau- und kauflustige Reisende aus China bis Imperial-Amerika in großen Trauben das kleine Städtchen, knapp 500.000 Übernachtungen (plus Tagesgäste) verzeichnet Quedlinburg in normalen Jahren, und das bei gut 20.000 Einwohnern, das sind in der Saison mehr als 2.000 pro Tag, und die wollen alle nicht nur gucken, knipsen, ergötzen, die wollen auch parken, essen, trinken, Souvenirs kaufen, schlafen, Pipi machen; entsprechend aufgerüstet ist die touristische Infrastruktur Quedlinburgs, ich habe noch nie so viele Cafés auf so kleinem Raum gesehen, dazu Restaurants, Tinnef-Geschäfte jeder Art, öffentliche Toiletten und natürlich Herbergen unterschiedlichster Kategorien. Außerhalb der Touristen-Saison, etwa an einem kalten Februar-Tag, ist das alles sehr beschaulich, leer und romantisch, fast verträumt; an einem touristischen Großkampftag möchte ich mich hier nicht durch die Massen schieben müssen.

Nun gut, es ist (zum Glück) ein kalter Februar-Tag und die wunderhübsche Quedlinburger Altstadt quasi wie leergefegt. Nur ein paar Eingeborene eilen im Stechschritt durch die klirrende Kälte, um ihre Besorgungen zu machen, und ein paar unverwüstliche, kälteresistente Touristen stapfen munter glotzend und knipsend durch das pittoreske Ensemble. Wir logieren im Bären, wo man seit 1748 Gäste beherbergt, einem Drei-Sterne-Haus unmittelbar am autofreien Marktplatz mitten in der Stadt gelegen, zentraler geht’s nicht. Die Anfahrt durch die engen Gässchen über Kopfsteinpflaster ist verwinkelt, verwirrend, schweißtreibend, letztendlich aber erfolgreich. Hinter einer großen, Schranken-bewehrten Hofeinfahrt liegt der hoteleigene Parkplatz, fast leer, aber seine schiere Größe lässt ahnen, was hier an Touristenmaterial durchgeschleust werden kann. Der Bär erstreckt sich über zwei große, alte, drei- und viergeschossige Bürgerhäuser mit Restaurant und Café im Erdgeschoss samt Nebengebäuden und mit einer Dependance auf der anderen Seite des Marktplatzes. Wir betreten das Haus durch den Hintereingang – für die ganz Harten stehen auch im tiefsten Winter ein paar Tische mit Aschenbechern und mit dicken Decken auf den Stühlen draußen bereit –, es gibt keine Halle, mehr einen Eingangs-Flur mit Treppenhaus und der Rezeption in einer Nische. Der gemütlich-träge Haushund auf einer bequemen großen Bettstatt wedelt einmal pflichtbewusst kurz mit dem Schwanz, ohne sich jedoch zu erheben. Der Rezeptionist ist unglaublich freundlich, nicht dieses aufgesetzte, antrainierte Konzern-freundlich, sondern echt freundlich, hier macht es Spaß, anzukommen; er trägt sogar noch ungefragt unsere Koffer über eine knarzende Holztreppe – Lift gibt’s natürlich keinen – in den zweien Stock (mein Gott, sehe ich tatsächlich schon so klapprig aus?). Generell muss man konstatieren, dass das gesamte Hotelpersonal ausgesprochen freundlich, engagiert und fast fröhlich bei der Arbeit ist. Es gibt keine langen, toten Hotelflure, sondern auf jedem Stockwerk größere Räume um die Treppenauf- und -abgänge, sogar mit Fenstern und kleinen Sitzgruppen, von denen dann die einzelnen Zimmer abgehen. Die Zimmer sind unterschiedlich groß, haben alle glatten, dunklen, schönen Dielenfußboden, darauf Teppiche, gute, auf alt getrimmte Schallschutzfenster, dicke Gardinen, zweckmäßig-hinreichende, geflieste, vor allem saubere Bäder ohne Tageslicht; die Möblierung ist in jedem Zimmer individuell, auf alten, gediegenen Stil bedacht, ein wenig gemahnt alles an Biedermeier, aber natürlich neu, aufeinander abgestimmte Stoffe von Stuhl- und Sofa-Bezügen, Tagesecken und Gardinen, gute Betten, gutes Bettzeug, flauschige Handtücher, außer ein paar alten Bildern an den Wänden ganz wenig Deko-Tinnef, hier ha jemand wirklich ein Händchen für geschmackvolle, nicht überbordende, gemütliche, individuelle, und doch zweckmäßige Einrichtung bewiesen, gerade Amis dürften entzückt sein, in solchen altertümlich anmutenden Räumen zu übernachten, aber – um ganz ehrlich zu sein – ich fühle mich auch wohl, in diesem nicht luxuriösen, sondern unaufgeregt-gediegenem Ambiente.

Nach dem obligatorischen ausführlichen Altstadt-Rundgang (ohne Besichtigungen hat man das Städtchen samt Schlossberg selbst schlendernd nach zwei Stunden dicke durch) steht uns der Sinn nach abendlicher Labung, die Speisekarte des hoteleignen Restaurants des Bären klingt von der Papierform her nicht schlecht. Vorher wollen wir noch eine Zigarre hinter dem Haus rauchen, ich frage den Kellner im Restaurant, ob ich zwei Biere mit rausnehmen könne, dieser antwortet mir sehr bestimmt: „Nein!“ Ah, denke ich mir in meiner Wessi-Arroganz, da ist er ja wieder, der typische Service-Gedanke der DDR. Aber weit gefehlt: ich brauche das Bier doch nicht selber rausschleppen, er würde es uns selbstverständlich rausbringen, und ob wir sonst noch etwas wünschten; und während wir draußen sitzen, kommt er noch viermal raus, um nach uns zu sehen, um ihn nicht zu frustrieren, bestelle ich dann halt noch eiskalten Schierker Feuerstein, ein lokaler Harzer Kräuter-Halb-Bitter mit 35%, gar nicht mal so unlecker und gar nicht mal schlecht bei der Kälte. Das zum Beispiel meinte ich, als ich schrieb, dass das Hotelpersonal ausgesprochen freundlich, engagiert und fast fröhlich bei der Arbeit sei.

Der Gastraum des Restaurants ist dann weniger stilsicher gestaltet als die Hotelzimmer. Trotz des alten, schönen, aber schlecht gepflegten Fischgrät-Parketts ist die Einrichtung eher 08/15-System-Möblierung von der Stange, Typ „rustikal-gepflegtes Wirtshaus“, bis auf die schönen alten Eisen-Säulen im Raum schon hundert Mal so oder so ähnlich gesehen. Die Speisekare gemahnt ein wenig an alte DDR-Speisekarten: deftige traditionelle Hausmannskost – natürlich Soljanka (aber kein Würzfleisch!), Gulaschsuppe, Harzer Aufschnittplatte, Schweinskopfsülze mit Remoulade und Bratkartoffeln, zwei Schnitzel, Pfanne mit gemischtem kurzgebratenem Fleisch, Matjes Hausfrauen Art, Forelle Müllerin – gepaart mit ein paar internationalistischen Einsprengseln wie mediterranes Pfannengemüse, Hähnchenbrustfilet à la orange oder gebratenes Lachsfilet auf Blattspinat. Warum nicht mal retro essen, schlechter als zu Erichs Zeiten kann’s ja auch nicht sein … aber besser auch nicht. Das Essen entpuppt sich als Fiasko. Die Soljanka – für alle ohne Ost-Erfahrung: eine sauer-scharfe Suppe aus der osteuropäischen Küche mit Kraut, saurer Sahne, Salzgurken, Gurkenlake (unbedingt Gurkenlake, keinesfalls einfach Essig, das gilt als плохая кухня – schlechte Küche) mit einer Fleisch- oder Fischeinlage – entpuppt sich als dünne, unterwürzte Brühe mit sauer eingelegten Gemüsen und reichlich Kochwurststreifen, selbst unter Erich hätte das als Schmalspur-Soljanka gegolten. Die Garnelenpfanne in Knoblauchöl mit Oliven und Cocktailtomaten besteht aus ein paar mickrigen vorgegarten Tiefkühl-Shrimps mit sauren eingelegten Oliven, geschmacklosen Treibhaus-Cocktailtomaten und Paprika-Streifen, die ganze Chose kurz in minderwertigem Olivenöl mit Knoblauch warmgezogen, dazu Wabbel-Baguette. Die Matjes sind so la-la, längs halbierte Filets, habe ich jenseits von Dosenware so auch noch nie gesehen, wenn die Soße Hausfrauenart mit getrocknetem Dill tatsächlich von einer Hausfrau – oder wenigstens einem gestandenen Restaurant-Koch – zubereitet worden wäre und nicht aus dem Convenience-Bottich stammt, so will ich Eusebius heißen. Ebenso das Hirsch-Gulasch von der Tageskarte: zerkochte, fasrige Stücke toten Wilds in einer dicken Sauce mit dubiosen Knödeln und matschigem Rotkraut: persönlich hoffe ich ja, dass Leute, die so kochen, nicht frei in Quedlinburg rumlaufen, sondern irgendwo in einer weit entfernten industriellen Hexenküche ihrem unheiligen Wirken nachgehen. Nämlich der Schoko-Kuchen mit Industrie-Sauce und -Eis und Sprühsahne zum Dessert: lauft, bevor er Euch erwischt.

Frühstück war dann wieder ok, einfache, lokale Wurst- und Käseauswahl, mäßiges frisches Obst, industrielle Brotaufstriche, Tetrapack-Säfte, extrem dünner Kaffee, warmgehaltene Eier, aber Bäckerbrötchen und ein ziemlich gutes Bircher-Müsli, da bin ich ja fast schon wieder versöhnt. Und auch die Kaltmamsell vom Frühstück ließ es sich partout nicht nehmen, uns unseren Kaffee vorab zur Zigarre persönlich hinter’s Haus zu tragen.


Hotel Zum Bär
Severin-Heiroth Hotelbetriebs GmbH
Geschäftsführerin: Doreen Severin-Heiroth
Markt 8-9
06484 Quedlinburg
Tel.: +49 (0) 3946 / 7770
Fax: +49 (0) 3946 / 700268
Mail: info@hotelzumbaer.de
Web: www.hotelzumbaer.de

Hauptgerichte von 10 € (Pfannengemüse, Baguette) bis 23 € (Grillteller, Beilagen), Drei-Gänge-Menue von 19 € bis 39 €

DZ (Übernachtung / Frühstück) 103 bis 175 € (pro Zimmer)

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