Hotel Friends in Essen: sehr speziell

Summa summarum: auf stylisch nachgemachte Juppy-Bude an historischer, verfallener Industrie-Stätte im Fertigbau-Container mit halbwegs gemütlicher Longue und minimalistisch-ungastlichen Zimmern. Für mich Danke, nicht nochmal, aber es mag Jüngere geben, denen der Hotel-Murx gefällt.

Die Umgebung hat etwas von Mad Max. Essener Nord-Westen, heruntergekommene Industriebauten, Brachland mitten in der Stadt, Fabrik-Ruinen, dazwischen erste, neue, nicht unbedingt schicke, funktionale Bürohäuser, darin wohl hippe Computer- und Designfirmen und so’n Zeugs, aber der Verfall rundum dominiert noch, nachts möchte ich hier nicht alleine spazieren gehen. „Industriegebiet Nord früher. Ruppige Gegend.“ sang Franz Josef Degenhardt einst. Trümmer des Wirtschaftswunders. Mittendrin die Zeche Zollverein, Denkmal der Industriekultur, UNESCO Welterbe, die Kritiker heißen es hingegen potemkinsches Dorf der Denkmalpflege, der markante, jetzt funktionslose Förderturm wurde Eifelturm des Ruhrgebiets genannt, darum herum erhaltene oder eher teuer wiederhergestellte Werksgebäude aus Backstein und Stahl, man kann raten, welche Produktionsprozesse hier wohl einmal abliefen, als die Wirtschaft noch ein Wunder war und man sich noch nicht nur über die Wirtschaft wunderte, heute dienen sie als Museum und stimmungsvolle Veranstaltungs-Location für allerlei Festivitäten, Kunstdarbietungen, Film- und Photo-Shootings und Aufmärsche guter Menschen. Unmittelbar neben der industriedankmalenden Zeche das „#hotelfriends Esse Zeche Zollverein“ (so deren eigene Schreibweise, ich weiß auch nicht, was die Raute zu Beginn des Namens soll, warum Hotel klein geschrieben wird und warum hotel und friends zusammengeschrieben werden, ich nehme an, das alles soll hipp wirken und das Wohlwollen der modernistischen Sprach-Matscher sicherstellen), heute schon bei Veranstaltungen auf der Zeche, später wenn das ganze Gelände langfristig mal komplett entwickelt ist, auch andauernd wohl eine Goldgrube, bei der Lage, derzeit allerdings eher in Corona-Agonie vor sich hindümpelnd, ganze fünf Autos stehen auf dem Hotelparkplatz (kostenpflichtig, 10 EURO pro Tag) vor dem Haus.

Caro hat mich hierher zitiert, wir haben uns seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen, und wir wollten uns einfach mal so wieder zum Quatschen unter Freunden treffen. Sie hat quasi ganz Corona bei ihren Agrar-Genossenschaftlern auf Sizilien verbracht, für die sie die Rahmenbedingungen und gesellschaftsrechtlichen Voraussetzungen für den Export ihrer Waren nach Deutschland unter bestmöglicher Ausnutzung aller Subventionen und optimierter Steuerminimierung organisiert hat, was sonst noch so alles da mitläuft, will ich gar nicht  wissen, Mitwisser haben hier wohl besten Falls Aussicht auf Strafmilderung, wenn sie als Kronzeugen aussagen, schlimmsten und wahrscheinlichsten Falls eine Einladung zur Schwimmstunde von düster gekleideten, schweigsamen Herren, dort, wo das Meer am tiefsten ist. Eingecheckt ist schnell, dieser Tage, Andrang besteht ja nicht gerade an der Rezeption, als Geschäftsreisender brauche ich keinen Test (wie der Wirt im Schwarzkopf schon so recht sagte: „Geschäftsreisende haben bei uns kein Corona!“), ein paar Unterschriften mehr als sonst, und schwupp, bin ich drin. Die Foyer – #lounge4friends nennen es die Betreiber ganz zeitgeistig – ist dann erstmal eine gräulich-anthrazitfarbene Halle, offene Technik und Lüftungsrohre an der Decke, fröhliche Farben sucht man vergebens, alles soll wohl an das Leben in den Bergbauschachten weiland auf der Zeche Zollverein & Co. erinnern, auf alt getrimmte Lounge-Möbel, künstlich abgewetzte Ledersessel und Tische, ein lange, derzeit verwaiste Bar, darüber eine  breite Treppe in ein verwaistes Obergeschoss der Bar, Lampen mit gelblichem Licht, eine große Fensterfront zur Zeche Zollverein vis-à-vis, dazwischen eine verregnete Terrasse, ein trauriges Bücherregal, ein eiserner Hund und ein eisernes Rhinozeros bewachen das Tableau, fast könnte es gemütlich sein, würde man diese Null-Acht-Fuffzehn-Designer-Handschrift verdrängen, mit denen die Hallen der Motel Ones, 25hours, art’otels und so weiter dieser Tage ausgestattet werden, das wird langsam schon wieder alles ein und der selbe industrielle Einheitsbrei, die individuelle Handschrift eines Hoteliers jedenfalls fehlt, hier hat jemand – in diesem Fall das Hoteliers-Paar Haakon Herbst und Irene Bakker – mal wieder fremdes Geld aufgenommen und fremde Architekten machen lassen, in der Hoffnung, aus der Symbiose von fremdem Geld und fremdem Design den Mehrwert abschöpfen zu können. Caro jedenfalls interessiert das überhaupt nicht, sie sitzt intensiv arbeitend an einem der auf alt gemachten Tische in der Ecke. „… they are kissing their hellos …“ singt Suzanne Vega in Tom‘s Diner, und wir tun das Nämliche. „Was machen Deine sizilianischen Mafia-Bauern?“ frage ich. „Vergiss Sizilien, das läuft, ich bin sogar schon bezahlt worden, noch nicht alles, aber immerhin. Und nimm dieses böse Wort nicht in den Mund,“ – bestimmt meint sie ‚Mafia‘ – „das zieht nur Ärger und Tod an, also lass es. Aber wenn Du mal einen größeren Posten richtig guten Grillo oder Pecorino brauchst, ich könnte Dir da jetzt behilflich sein, ganz uneigennützig, ich hab‘ da jetzt so meine Connections.“ „Caro die Käsegroßhändlerin, na toll.“ entgegne ich, „Du hattest auch schon bessere Zeiten!“ „Vergiss Sizilien, das ist Schnee von gestern. Heute ist Corona, da ist jetzt das große Geld für uns Juristen.“ „Aber ich dachte, Corona macht sich gerade daran, vorbei zu sein, hatte ich zumindest gehofft.“ „Medizinisch vielleicht, aber doch nicht juristisch. Juristisch fängt Corona gerade erst an. In den letzten Monaten wurden hunderttausende von Einzelentscheidungen getroffen, ohne richtige Rechtsgrundlage, ohne Erfahrungswerte, ohne Grundsatzurteile, hier eine Restaurantschließung, dort ein Strafbefehl wegen Maskenverweigerung. Ja glaubst Du denn, all diese ad hoc mit heißer Nadel gestrickten Vorgaben und Entscheidungen halten einer richtigen juristischen Überprüfung stand? Lass es nur hunderttausend Einzelfälle sein – und es sind viel mehr – und lass das Anwalts-Honorar hier in jedem Fall nur 5.000 EURO betragen, so reden wir wenigstens über einen fünfhundert Millionen Markt für uns Anwälte – und er wird viel größer, glaub mir, viel größer –, der hier quasi über Nacht aus dem Nichts hochgepoppt ist, und da will ich ganz vorne mit dabei sein.“ „Aha“ antworte ich, „und warum treffen wir uns dann hier in Essen? Was hat dieser gottverlassene Ort mit Deinen Millionen zu tun?“ „Ach, mein Schäfchen“ – ich hasse es, wenn mich Caro so nennt – „ja glaubst Du denn, ich setzte mich jetzt in meine Kanzlei und warte, dass ein Wutbürger zufälliger Weise zu mir kommt und irgendjemanden verklagen will? Jetzt geht es darum, ebenso wie beim Dieselskandal, den ganzen Verkehrsrechts- Sozialhilfe- und Aufenthalts-Klagen, die richtigen Netze im Internet auszulegen, wer immer ‚Corona‘ und ‚verklagen‘ eingibt, muss bei mir landen, SEO und SEM nennt man das wohl, keine Ahnung. Wahrscheinlich gibt es zehn, zwanzig immer wieder gleiche Sachlagen, die kannst Du in standardisierte Verfahren umwandeln, mit immer wieder den gleichen Schriftsätzen, den gleichen Paragraphen, Grundsatzentscheidungen, Kommentaren, und wenn Du das einmal hast, muss das von nur noch von wohlfeilen Kollegen wieder und wieder und wieder abgewickelt werden, die bezahle ich mit einem Butterbrot, der Rest, der große Rest bleibt bei mir.“ „Ja ja,“ antworte ich, „und warum Essen?“ „Der ganze juristische Kram ist Pippifax, das kann ich selber, aber dieses Internet-Zeugs, das kann ich nicht. Aber hier sitzen die Leute, die genau das können. Wenn ich damit zu einer Internet-Agentur in München gehe, bleibt mir nicht viel von meinem Gewinn, wenn ich zu einem trendigen Start-Up in Berlin gehe, wollen die gleich ein neues Start-Up gründen und 51% der Anteile haben. Aber hier im Pott sitzen die jungen, hungrigen, wohlfeilen Internet-Fuzzies, die das genau so können und die bezahlbar sind.“ „Aha“, antworte ich, „wollen wir was trinken?“

Das ist eine der Absurditäten dieser Tage. Die Hotelküche muss geschlossen bleiben, weil da könnte ja das böse Virus sitzen, aber Getränke gehen. Die Rezeptionistin scheint derzeit die einzige Angestellte im Haus zu sein – außer vielleicht einem unsichtbaren Zimmermädchen oder Hausmeister –, und sie nimmt auch freundlich-dienstbar unsere Bestellung auf. Wir trinken Stauder Bier von der kleinen, alteingessenen  Essener Privatbrauerei Jacob Stauder und Steiger Korn von der Steiger Spirits GmbH aus Dorsten, ein – so scheint es – typisches Yuppie-Start-Up, erst 2020 gegründet von Christoph Niklaus und Dirk Totzek, die beide wahrscheinlich nie im Schacht malocht haben, die aber geschickt die Bergbau-Legende von harter Arbeit unter Tage, Dunkelheit, Staub, Gefahr und Zusammenhalt der Kumpels für sich gekapert haben und jetzt lange nach Ende der Bergbau-Ära daherschwafeln vom Schnaps für den Bergmann und so weiter, natürlich wieder selber lange entwickelt in der heimischen Garage und jetzt im großen Stil von einer fremden Auftrags-Brennerei hergestellt; selbstverständlich gibt es auch einen Gin von denen, zu dem diese Story nochmals ganz besonders passt (man kennt sie ja, diese Gin-saufenden Steiger), dazu Whisky (natürlich Single Malt), Rum, Vodka (auch als „Distillers Edition“) und einen Kräuter, schließlich Gläser, Glasuntersetzer, Hoodies, T-Shirts, Sweatshirts, gleich mitvertrieben wird Bier vom „Brauwerk Schacht 8“ und Tütenfutter mit dem netten Namen „Der kleine Bergmann“ (wie süß), und alles vermarktet unter dem Topos (man muss es wohl so nennen) des untergegangenen Bergbaus, gefördert wird schon lange nicht mehr, dafür wird heute in schwarzen Hoodies mit rußverschmiertem Steiger-Konterfei drauf gesoffen: wieder eine dieser künstlichen Marken ohne Tradition, ohne Erfahrung und ohne eigene Brennerei, dafür aber mit einer großartigen gekaperten Story und ganz viel Marketing. Ich mag sowas nicht, aber der Korn ist lecker, sehr klar und mild, das muss ich eingestehen. Caro und ich trinken viel davon und reden noch mehr. Irgendwann packt uns der Hunger. Hotelküche zu, in der unwirtlichen Gegend um das Hotel weit und breit kein Restaurant, jetzt irgendwohin in die Stadt zu fahren haben wir beide keine Lust. „Aber sie können sich doch was kommen lassen.“ sagt die freundliche Rezeptionistin. „Hier ist die Karte von dem Steakhaus, wo sich die meisten was bestellen. Aber Sie können auch bei Lieferando schauen.“ Professionell zücken wir beide unsere Funken, Caro ordert Sushi, ich türkisch, Bezahlung gleich per Kreditkarte. Irgendwann kommen die Boten mit ihren stinkigen Thermo-Boxen, die freundliche Rezeptionistin schickt sie an unsere Tische, sie entladen ihre frugale Fracht in Aluschalen und Pappschachteln (um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, der Duden definiert frugal als „einfach, bescheiden; nicht üppig“), erhalten ihre Trinkgelder und verschwinden. Ungefragt bringt uns die freundliche Rezeptionistin Teller, Besteck, Serviette, Pfeffer, Salz, das also darf man noch zu Virus-Zeiten. Wir schaufeln unser Essen auf die Teller und mümmeln lust- und kulturlos vor uns hin. Zwischenzeitlich sind noch ein paar andere Hotelgäste in die Lobby – Verzeihung, in die #lounge4friends – gekommen, auch sie trinken und bestellen sich Essen beim Lieferservice. Auf den Tischen stapeln sich Pizzaschachtel, Styroporbecher und Aluschalen, neugierig lugen alle – auch wir – auf die anderen Tische, was die Leute wohl geordert haben mögen und ob jemand was Leckeres erwischt haben könnte, derweil entsorgt die freundliche Rezeptionistin unaufgefordert leergefressenen Verpackungsmüll und bringt frisches Bier und Korn.

Später, auf dem Weg zum Zimmer, das schmucklos-funktionale Treppenhaus mit schweren Brandschutztüren ist in dunklem Anthrazit gehalten, nicht dazu angetan, positive Gefühle aufkommen zu lassen, soll wohl an einen Schacht erinnern, in dem man hier allerdings nicht hinunter, sondern hinauffährt. Der lange Gang vor den Zimmern dann in Beige, leere Bilderrahmen, die einzigen Farbtupfer sind die roten Feuerlöscher. Das Zimmer ist von der gehobenen Kategorie #goodfriends citizen-rooms und dafür erstmal ziemlich klein. Aber der Ausblick durch das kleine Fenster ist grandios: direkt auf den Förderturm und das Werksgelände der Zeche Zollverein, so nah, könnte man das Fenster öffnen (was man nicht kann, maximal kippen), so könnte man rüberspucken. Für einen Bergwerks-Enthusiasten muss das so ähnlich sein wie ein Zimmer in Paris mit direktem Blick auf den Eiffelturm. Ansonsten ist das Zimmer rasch erzählt. Ein wirklich großes 2 mal 2,2 Meter Kastenbett mit sehr guter Matratze, gute Leinenbettwäsche, sauberer Parkettboden, großer Flachbildschirm mit Netflix-Zugang, W-Lan, nachgemachter Designer-Schaukel-Sessel, unbequemer Hocker mit schmuddligem Flokati drauf, im ganzen Zimmer kein Stuhl zum gescheiten Sitzen, winziger Schreibtisch, immerhin ausreichend Steckdosen und sogar USB-Ladebuchsen darüber, mehr als bescheidene Beleuchtung, kein Schrank, nur eine offene Kleiderstange, an der Wand nachempfundene Mindmaps mit Bildchen irgendwelcher Ikonen der alten und neuen Pott-Wirtschaft, keine Gardinen, nur ein billiges Rollo, keine Hausbar, keine Zimmerkarte, kein Tresor, keine Music-Box, noch nicht einmal eine Flasche Wasser zur Begrüßung, Heimeligkeit kommt da nicht auf, eher schon Jugendherbergs-Feeling. Die Show des ganzen Designer-Murx-Ensembles ist allerdings das Bad, Bädchen wäre der bessere Ausdruck, ab 1 Meter Bodenhöhe komplett zum Zimmer hin verglast, wenn man nicht alleine im Raum ist, kann einem der Mitbewohner bei allen noch so intimen Verrichtungen detailliert und aus der ersten Reihe zusehen. Und wenn ich mir beim Kacken auf der Schüssel gleichzeitig im Waschbecken die Hände waschen kann, so ist das Bad in erster Linie nicht stylisch, sondern winzig, das reißen auch eine Duschkabine mit gemauerter Sitzgelegenheit (und Fenster zu Zimmer), mäßige Frotteehandtücher und Pflegeprodukte aus Quetschflaschen nicht raus. Ich kenne Drei-Sterne-Häuser, die sind deutlich komfortabler, wohnlicher und auch noch wohlfeiler. Das Frühstück am nächsten Tag, mal als Buffet, mal am Tisch serviert, ist OK, guter Filterkaffee (trotzdem auch wieder diese vermaledeiten Nespresso-Pads-Maschinen), Bäcker-Brötchen, ordentliche Auswahl an Wurst, Käse, Obst, Cerealien, Milchprodukten, Backwaren, Säften, Brotaufstrichen, das passt alles irgendwie.

#hotelfriends Essen Zeche Zollverein
hotel friends GmbH
Martin-Kremmer-Strasse 1
D – 45327 Essen
Tel. +49 (2 01) 7 47 043 00
Email: essen@hotelfriends.de
Online: www.hotelfriends.de/essen

DZ (Ü/F) 144 € – 279 € (pro Zimmer)

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