Hotel Chemnitzer Hof: Uncharmant

Summa summarum: schmuckloser Bauhaus-Klotz mitten in der Innenstadt, ordentlich renoviert, bar jeglichen Charmes und Flairs, mit Optimierungspotential beim Servicegedanken

Es muss das Jahr 1993 gewesen sein, als ich das erste Mal im Chemnitzer Hof nächtige. Von der einstmaligen Noblesse des 1930 im Bauhausstil errichteten Luxushotels war – außer dem Marmor und den großzügigen Grundrissen – nichts mehr zu spüren. Kurz nach der Wende quoll noch der Muff und Geist des ehemaligen DDR-Interhotels aus allen Poren des Hauses, und Service und Freundlichkeit des Personals waren ebenso wie das Frühstück unbestritten eines kommunistischen Interhotels würdig, und das, obwohl das Haus bereits 1992 von der Bonner Günnewig-Gruppe übernommen worden war, die eigentlich für recht gepflegte, gemütliche Häuser stand. Aber 40 Jahre kommunistischen Schlendrian kriegt man halt nicht in einem Jahr ausgetrieben. Beim Verkauf der Günnewig-Hotels an die Centro Hotel Management GmbH kaufte Prof. h.c. Dr. h.c. Hans J. Naumann, ein hoch-dekorierter und schillernder amerikanisch-deutscher Unternehmer, der in Chemnitz die Niles Drehmaschinen GmbH von der Treuhand erwarb, den Chemnitzer Hof, investierte dem Vernehmen nach 4 Millionen EURO, um das Haus in eigener Regie zu betreiben und wieder zu der ersten Adresse der örtlichen Hotellerie zu machen. Von Neugierde getrieben, was aus der von Weltkrieg und Kommunisten so arg gebeutelten Stadt und ihrem Ersten Haus am Platze 30 Jahre nach der Wiedervereinigung wohl geworden sein mag, fuhr ich jüngst wohlgemut nach Chemnitz. Für eine Außenstehenden hat sich am Stadtbild noch nicht viel verändert: Tristesse, schlechte Straßen, anonyme Plattenbauten, viel Leerstand, wenig Schönes, immerhin viele Baustellen, gleichwohl man sich fragt, was da wohl gebaut und ausgebessert werden mag, ein kulturelles oder amouröses schönes Wochenende würde ich wahrscheinlich nach wie vor nicht gerade im ehemaligen Karl-Marx-Stadt verbringen wollen.

Der Chemnitzer Hof, ein klobiger, schmuckloser, viergeschossiger Klotz mit strengen Linien liegt tatsächlich mitten in der Stadtmitte am Theaterplatz, die Anfahrt durch Staus, Umleitungen und Baustellen ist doch etwas nervig, dafür ist das Parken in einem öffentlichen Parkhaus fast direkt unter dem Hotel kommod, die Parkgebühr von 10 EURO pro Tag wohlfeil. Zum Hotel führt ein langer, unterirdischer, neonbeleuchteter Gang, der erste Eindruck vom Hotel sind irgendwelche gebrauchte Convenience-Food-Plastikkübel, die dort auf dem Fußboden stehen, um tropfendes Wasser von der Decke aufzufangen, an der Wand löst sich die Farbe: wie wahr ist doch der Spruch, dass man keine zweite Gelegenheit hat, einen ersten Eindruck zu machen. Auf dem Weg zur Hotelhalle eine Treppe, über die garantiert kein Gehbehinderter kommt. Die Hotelhalle selber wie eh und ja, Marmor, Sandstein, hoch, groß … verwaist, kein Leben, keine flanierenden Gäste, keine dienstbaren Geister. Beim Einchecken verlangt die maulige Dame an der Rezeption Vorauskasse von mir, das sagt ja wohl viel aus über das Publikum, das hier zu verkehren scheint. Mein Premium-Zimmer Komfort ist so la-la, Blick auf den Theaterplatz, 1,20-Bett, winziger Schreibtisch, ein Sessel, kleiner Flachbildfernseher, Tresor, kleines Bad, Tablett, gute Schallschutzfenster, sauber, eine verfluchte Kapsel-Kaffeemaschine, leere Minibar, ordentliche Bettwäsche und Handtücher, als Business-Zimmer passt das schon irgendwie, aber Gemütlichkeit geht anders. Da ich die teurere Zimmerkategorie gewählt habe, habe ich das Recht miterworben, kostenfreien Zugang zur Sauna und zur „Executive-Lounge“ zu haben. Diese „Executive-Lounge“ ist dann wirklich der Brüller überhaupt: ein umfunktioniertes Hotelzimmer mit einem kappen Dutzend billiger Ohrensessel, ein paar Tischlein und einem großen Flachfernseher, sonst nix, kein Service, keine Getränke, keine Gäste, kein Nix, aber ich darf als Premium-Zimmer-Komfort-Gast hier rein, nur wozu, frage ich mich. Nur weg hier.

Da ist die große Hotelterrasse zum Theaterplatz schon angenehmer. Leider werde ich von den zahllosen, eingedeckten, aber leeren Tischen vom Personal vertrieben, des Abends sei hier eine Veranstaltung, und deshalb dürfe ich mich jetzt nicht hierhin setzen. Klar, ich könnte ja was konsumieren und sie müssten den Tisch neu eindecken. Stattdessen werde ich schroff auf einen Katzenplatz am Rande der Terrasse verwiesen. Als die Kellnerinnen zum zehnten Mal an mir vorbeigelaufen sind, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen, gehe ich in’s Restaurant an die Theke und bestelle mir mein Bier selber. Wie hieß es doch in der DDR: „Kunde droht mit Auftrag!“

Ich werde gewiss wieder in den Chemnitzer Hof fahren, so in 20, 30 Jahren, mal schauen, ob sie bis dahin den Muff und Geist des ehemaligen DDR-Interhotels austreiben konnten.


Hotel Chemnitzer Hof
Betreibergesellschaft: Hotel Chemnitzer Hof Verwaltungsgesellschaft mbH & Co. KG
Geschäftsführer: Prof. E.h. Dr.-Ing. E.h. Hans J. Naumann
Theaterplatz 4
D – 09111 Chemnitz
Tel.: +49 (0) 371-684-0
Fax: +49 (0) 371-6762587
E-Mail: info@chemnitzer-hof.de
Online: https://www.chemnitzer-hof.de

Doppelzimmer / Frühstück pro Nacht 119 EURO bis 154 EURO

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