Grüner Baum in München-Obermenzing: Das Gasthaussterben geht offensichtlich weiter

Summa summarum: Sieht aus wie ein Bayrisches Gasthaus, hat eine Speisekarte wie ein Bayrisches Gasthaus, hat einen echten Biergarten wie ein Bayrisches Gasthaus, nur kochen wie in einem Bayrischen Gasthaus können die nicht, zumindest nicht wie in einem Gutem. Aber der Biergarten ist zumindest ganz nett.

Früher einmal, in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts, da gab es in Obermenzing ein geschlossenes Bollwerk bajuwarischer Esskultur, gespeist auch von den zahllosen örtlichen Bauern, die alle über Nacht zu Multimillionären geworden waren, als ihre Äcker als Bauland ausgewiesen wurden und die nun reichlich Geld für reichliche Restaurantbesuche hatten. Im Zentrum als unverrückbare Größe seit 1417 (!) der Alte Wirt unter dem glücklichen Patronat der Familie Stern, sie in der Küche, er hinter’m Schanktresen, der riesige, zottlige Bernhardiner Benni gutmütig durch Gasträume und Biergarten trottend, ein Teller Spätzle mit Soße für 1,80 DM, und wenn der klamme Student Frau Stern mit hungrigem Augenaufschlag ansah, dann bekam er auch einen zweiten Teller als Gratis-Nachschlag. Nach dem Abgang der Sterns gab es hier zwischenzeitlich auch mal Pfannen-Gyros und ähnlichen Dreck im Übermaß, das scheint die Brauerei zum Glück nicht mitgemacht zu haben und die Pächterin zum Teufel gejagt;  die jetzigen Pächter, das Ehepaar Schlegel, muss sich noch beweisen, viel von dem Convenience-Dreck ist wieder von der Speisekarte verschwunden, aber Röstinchen und Pfannen-Gyros gibt’s immer noch und der Djuwetsch-Reis gibt auch Grund zur Beunruhigung, aber schau’n mer mal; Großtaten der bajuwarischen Küche waren hier die letzten beiden Male noch nicht wahrnehmbar, auch wenn die alten Obermenzinger wie vor Jahr und Tag an den Tischen lautstark Karten spielen. Für die G’stopften gab’s und gibt’s nach wie vor im Norden die Inselmühle, im Süden des Alten Wirts den Weichandhof. Vis à vis der Bayrische Wirt war für die einfacher Gestrickten, die sich mit Tellersulz und dafür mehr Bier zufriedengaben, heute ein 08/15-Grieche, und selbst in der wunderschönen Schleuse konnte man lange gut Essen, heute ein 08/15-Inder. Im Süden, Richtung Pasing war das bajuwarische Gastronomie-Cluster begrenzt durch die Speisemeisterei, schon immer ein Spielball wechselnder Pächter, heute lässt der Südtiroler Karl Rieder, der im Großraum München mehrere  Lokale betreibt, eine Italiener-Gang um Chefkoch Luigi Pedace sich dort relativ hochpreisig aber weitgehend ungekonnt austoben, doch der Laden brummt, besonders bei Spesenrittern scheint er beliebt, die sich auch nicht daran stören, dass sich Leute hier ihre Pizzen im Pappkarton und den Salat im Plastik-Schüsselchen to go abholen (ich weiß, Michael B. aus M.-O. wird da anderer Meinung sein, aber selten eine so trockene Seezunge gegessen und eine so versalzene Tomatensauce). Mittendrin, an der Verdistraße gab’s den Wienerwald, trotz seiner Ketten-Zugehörigkeit irgendwie dazu gehörig, schon allein wegen des schönen Biergartens, heute Hofbräu Obermenzing geheißen, saufen konnte am weiter Richtung Stadtmitte im düsteren, heimeligen König Ludwig und im Osten wurde das Bajuwaren-Gastronomie-Cluster begrenzt durch den Grünen Baum, dahinter, hinter der S-Bahn-Unterführung, begann gefühlt des Münchner Stadtgebiet mit den Schicky-Mickys, mit denen ein gestandener Obermenzinger sowieso nichts zu tun haben wollte. Tja, so war das früher.

Den Grünen Baum gibt’s noch immer, Anfang des Jahres hat die Augustiner-Brauerei eine Renovierung spendiert, dunkle Holzpaneele an den Wänden, Fischgrät-Parkett, blanke Wirtshaustische, ziemlich intelligentes Licht-Design, ein wenig Bajuwaren-Tinneff,  … Corporate Identity ist ja schön und nett, aber warum müssen neuerdings alle frisch renovierten Augustiner-Gaststätten nahezu identisch aussehen, so wie alle McKotz-Filialen von der Einrichtung her unverkennbar ähnlich sind? Zugegeben, der Grüne Baum musste dringend runderneuert werden, aber jetzt ist auch die Patina ab, das erinnert eher an Systemgastronomie als an ein 105 Jahre altes Münchner Traditions-Gasthaus. Weitgehend gleich geblieben ist zum Glück das Publikum, gemütliche Münchner Vorstadt-Bewohner, die hier ihren Schweinsbraten essen, ihr Bier trinken, sich zu einem der noch immer zahlreichen Stammtische treffen, karteln, laut diskutieren oder sich dumpf-bierselig anschweigen oder ausgelassen lachen, dann und wann spielt auch a‘ Musi auf, die schiefe Kegelbahn gibt’s zum Glück  auch noch, die Schickis und Mickis verirren sich eher nicht hierhin, die sind in der Speisemeisterei und in der Inselmühle, wenn sie sich in den tiefen Münchner Westen wagen. Ebenfalls gleich geblieben sind die stets zu wenigen Parkplätze, die Gast-Terrasse hinter dem Haus und der Biergarten, ein echter Münchner Biergarten unter Kastanien, mit Bier- und Brotzeitständen, Augustiner aus dem Holzfass, und Essen darf man nach wie vor auch selber mitbringen. Der alte Pächter Jürgen Lehmann ist weg, seit Anfang des Jahres zeichnen die jungen Wirtsleute Anna Sperl und Calin Brezean verantwortlich für den Grünen Baum; zuvor hatten beide im Alten Kreuz in der Falkenstraße – auch ein Augustiner-Wirtshaus – den Schritt in die Wirte-Selbstständigkeit gewagt, ohne dabei viel Furore zu machen. Und auch im Grünen Baum scheinen die beiden bisher nicht dazu angetreten zu sein, sich kulinarische Lorbeeren zu verdienen.

Beim ersten Besuch zur Spargelzeit war der Spargel verkocht, die Hollandaise nie und nimmer selbst aufgeschlagen, das Schnitzel dazu ok, die Kartoffeln zu weich, warm gehalten und wahrscheinlich auch aus dem vakuumierten Fertig-Beutel. Der Zwiebelrostbraten war ok, nicht butterzart, nicht bestes Fleisch, aber ganz ok, die Röstzwiebeln entpuppten sich – ebenso wie auf den Kässpätzle – als Frittierzwiebeln, die irgendwann mal in der Fritteuse abgebacken worden waren und nun zäh und kalt auf dem Fleisch rumlungerten, und wenn bei dem Bratenjus zum Rostbraten ein Koch mehr gemacht hat, als eine Packung aufzureißen, anzurühren und zu erwärmen, dann will ich Friedhelm geheißen werden, über die „Bratkartoffeln“ dazu sei gnädig geschwiegen. Ganz ok war danach ein Frühschoppen im Biergarten mit Selbstbedienung: frisch gezapftes Augustiner, Nürnberger Bratwürst, Weißwürst, tatsächliche resche Brezen, dazu Sonnenstrahlen, die durch die Kastanienblätter scheinen, so muss München, alles gut. Nun also, zweiter Anlauf im Restaurant, ein paar Monate später, jetzt müssten sich Küche und Service ja eingependelt haben. Service: zwei junge, stets hüpfende, rennende und wuselnde Männer, immer bemüht, auch bemüht freundlich, und doch hoffnungslos überfordert, was zum einen an personeller Unterbesetzung (bzw. gastlicher Überbesetzung) gelegen haben mag, zum anderen aber auch an mangelnder Ausbildung bzw. Einarbeitung. Als Wirt darf ich solche Eleven doch nicht ohne Unterstützung losrennen lassen. Machen wir’s kurz: Kräftige Rinderkraftbrühe ein dünnes, kraftloses Kuhsüppchen, ebenso die Nudel-Ochsensuppe, die Pfannkuchen aufgeweicht, der Schnittlauch darüber vor Stunden geschnitten und vertrocknet, die Gemüsestreifen völlig verkocht, das Rindfleisch fett. Der Obazda seifig und streng schmeckend, aber hübsch angemacht. Der Schweinebraten ein fettes, Sehen-durchzogenes, zähes, Furz-trockenes, geschmacklich belanglosen Drumm Fleisch, das Stücklein „resche Kruste“ ein Leder-zähes, alles andere als knuspriges Stücklein Schweinschwarte, geschmacklich ebenfalls belanglos das fette Sößchen, und ob die Knödel von fleißigen Küchenhilfen-Händen frisch gerieben und gedreht wurden, würde ich auch mal bezweifeln wollen, der Semmelknödel jedenfalls hatte beachtliches ballistisches Potential, der Kartoffelknödel hingehen tendierte zum Zerfließen im Hier und Jetzt. Sauberbraten: trockenes Fleisch, belanglose Soße, Knödel s.o., der Klecks Sahne und das Preiselbeerkompott auf der zerschrumpelten Apfelscheibe vermochten nicht, dies Trauerspiel noch zu einem Happy End zu wenden. Das Münchner Schnitzel tatsächlich sehr gutes, zartes, saftig gebratenes Schweinefleisch unter lockerer, rescher Panade, wenngleich hier weder von Meerrettich noch von Senf etwas zu schmecken waren, auch der separat dazu gereichte angeblich frisch geriebene Meerrettich war nichts als ein Näpflein voller geschmackloser, weiß-grauer, zäher Gemüsespäne, der hausgemachte Kartoffelsalat schmeckte penetrant nach Konservierungsstoffen. Punktum. Ach ja, und wenn die Schale Plörre, die uns da als Edelstoff von Fass verkauft und abgerechnet wurde, tatsächlich Edelstoff vom Fass war, dann sollte ich ganz dringend  die Liste meiner Lieblingsbiere überarbeiten. In drei, vier Jahren geben wir dem Grünen Baum in Obermenzing mal wieder eine Chance. Vielleicht hat man dort ja bis dahin richtig kochen gelernt … oder es sind Pächter drauf, die richtig kochen können / lassen. So jedenfalls nicht.

Wirtshaus zum Grünen Baum
Anna Sperl & Calin Brezean GbR
Verdistraße 47
81247 München
Tel.: +49 (89) 81 08 93 14
E-Mail:gruenerbaum.muenchen@gmail.comInternet: www.gruenerbaum-muenchen.de

 

Hauptgerichte von 6,30 € (Abgebräunter Leberkäse, Spiegelei, Kartoffelsalat) bis 17,50 € (Zwiebelrostbraten mit Bratkartoffeln und Salat), Drei-Gänge-Menue von 14,00 € bis 31,00 €

Das sagen die Anderen:

Guide Michelin n.a.
Gault Millau: n.a.
Gusto: n.a.
Schlemmer Atlas: n.a.
Feinschmecker: n.a.
Varta: n.a.
Yelp: 4,0 von 5 Sternen (bei 25 Bewertungen)
Tripadvisor: 3,5 von 5 Punkten (bei 61 Bewertungen)
Google: 4,2 von 5 Sternen (bei 147 Bewertungen)

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4 Comments

  1. Reinhard Daab

    Lieber Hr. Opl,

    oder doch lieber Friedhelm?

    Ich habe mich schon des öfteren gefragt, warum Sie sich das alles antun?
    Eines haben wir gemeinsam, auch ich finde Augustiner Edelstoff ausgesprochen gut und sehr süffig.

  2. Reinhard Daab

    Noch ein Nachtrag, nur um einen weiteren Nachweis der personellen Gegebenheiten in der Gastronomie zu untermauern. Man muß sich auch fragen, welches Personal sich in den Küchen tummelt. Bitte lesen Sie dieses, hatte ich bei Google Maps verfasst, daraufhin kam die Antwort des Inhabers.
    Man darf schon sagen, alles nicht so einfach und wir werden uns wohl oder übel darauf einstellen müssen!

    Mein Posting in Maps:
    Wie bereits erwähnt, ist dies ein traditionelles Haus mit rustikalem Ambiente. Die Auswahl der Speisen hat uns sehr gut gefallen, denn es finden sich Speisen, welche man nicht überall bekommt. Dies war auch mein Anlass dort einen Besuch vorzunehmen. Jedoch muss ich bemängeln, dass auf meine Frage nach einem Sekt gesagt wurde, man hätte nur Prosecco, weiterhin gab es aber Champagner, allerdings eingeschenkt wurde an der Theke. Normalerweise sollte man erwarten, dass dem Gast die Flasche gezeigt wird. Es freut mich immer, wenn es in einem Restaurant eine Gänsestopfleberterrine gibt, aber leider muß ich feststellen, das die Leber nicht gut pariert war, da die Häutchen
    noch dazwischen waren, außerdem konnte man kaum feststellen, dass hier ordentlich mariniert wurde, man merkte nichts von z.B. Sauternes,
    weißem Portwein und Cognac.

    Antwort vom Inhaber:
    Herzlichen Dank für Ihren Besuch. Der Prossecco ist ein Spumante und somit ein richtiger Sekt. Die Flaschen zeigen wir gerne auf Verlangen. Die Gänseleber wird seit ca 2 Jahrzehnten immer nach dem gleichen Rezept mariniert (Auslese, Portwein, Cognac usw.) und es wird auch peinlichst genau abgemessen. Was in Ihrem Fall sich zugetragen hat, können wir jetzt nicht mehr feststellen und uns daher nur entschuldigen. Wir bitten Sie, uns dirket Unebenheiten mitzuteilen. Leider ist es derzeit so, dass KEINER mehr bedienen will und wir demnach meist überfordert sind. Auch hierzu können wir uns nur entschuldigen. Wir freuen uns auf Ihren nächsten Besuch.

    Sehr geehrter Hr. Meisenzahl,

    dies ist zumindest eine vernünftige Antwort auf meine Kritik, dies ist aller Ehren wert. Die Problematik mit dem Personal innerhalb der Gastronomie ist mir bekannt, daher möchte ich Sie bitten keine falschen Schlüsse zu ziehen. Bis zum nächsten Besuch also.

  3. Dagmar Rief

    Zudem fehlt ein frundliche aufmerksames Willkommen vom Wirt. Neuer Bedienungen oft pampig und ungelernt. Eigenartige Stimmung . Entschuldigung das wir hier einkehren möchten. SCHADE

  4. Axl Schmidt

    Habe mit Interesse den Kommentar von Herrn Opl vom Oktober 2017 gelesen. Ich lebe seit 3 Jahren beruflich bedingt in München und bin seither ein regelmäßiger Gast im Grünen Baum. Es ist ein gutbürgerliches, bayrisches Lokal. Die Preise angemessen, seit dem letzten Jahr mit einer ansprechenden Tageskarte. Die Portionen sind gut bemessen. Aber neben dem Lob muss es auch Tadel geben.
    Ich persönlich finde es schade, das es zu dem Schnitzelangebot keine Ziegeuner- oder Jäger-Variante mit Pommes gibt. Für mich, und da muss ich dem Hauptkommentar zustimmen, sind die fritierten Zwiebel auf dem Rostbraten und den Käsespätzle nicht das Gelbe vom Ei. Hier sollte sich der Koch zu geschmorten Zweiebeln durchringen und das Fleich sollte gut abgehangenes Roastbeef sein. Die bayrischen, ortsansässigen Bauern/Metzger produzieren/liefern doch solche Ware, oder etwa nicht? Ein richtiges No Go sind die abgepackten Senf und Ketchup Portionen. Ich glaube es wird schon genug Plastikmüll produziert. Früher gab es noch kleine Haferl mit scharfem und süßem Senf und der Ketchup in der nachfüllbaren Flasche. Hygienisch, praktisch gut.
    Gerade jetzt bei diesen extremen Temperaturen sollte das Weißbier richtig kalt sein, warm wird es von alleine. Der kleine Hinweis an die stets freundlichen Bedienungen ein kaltes Weissbier bitte hilft aber.
    Alles in allem ich bin gerne Gast im Grünen Baum.

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