Gersters Genusswerkstatt in Friedberg:  Schade eigentlich …

Summa summarum: Früher waren wir alle paar Monate recht gerne in der Genusswerkstatt mit ihrer soliden Mischung aus Standardgerichten als „sicherer Bank“ und kulinarischer Abwechslung bis hin zu Ansätzen von Hochküche und  kulinarischen Experimenten, auch die lobende Erwähnung im Guide Michelin hat uns für die Mannschaft gefreut, aber irgendwie ist zwischenzeitlich der Pfiff raus, die ärgerlichen Erlebnisse sind längst mehr als die Erfreulichen.

Langsam werden diese ganzen Manufakturen, Werkstätten, Ateliers, Werke – you name it – lästig, allesamt Umschreibungen, dass alldorten handwerklich, in kleinen Chargen, lokal, nicht automatisiert – you name it again – was hergestellt wird. Natürlich ist jegliche handwerkliche Fertigung immer etwas tolles, aber an der Benamsung müssen sie noch gründlich arbeiten, die Damen und Herren Handwerker und -innen. Ausgerechnet im Beschaulichen Friedberg vor den Toren Augsburgs findet sich seit nunmehr fünf Jahren eine weitere Werkstatt, diesmal Gersters Genusswerkstatt. Man gibt sich fürwahr werkstattlich hier, die Rohstoffe werden zumeist von kleinen lokalen Produzenten bezogen, möglichst „bio“, dazu ausgewählte, kleine deutsche, österreichische und italienische Winzer. Maximal 35 Gäste finden hier Platz, die Gerichte werden weitgehend à la minute zubereitet alles ist tatsächlich klein, überschaubar, handwerklich. Es gibt einen kleinen separaten Raum für private Feiern, im Sommer kommt noch ein Freisitz dazu und seit Kurzem gibt es auch noch einen Bistro-Bereich, wo man kleine Happen und Wein genießen und ausgewählte Spezialitäten für daheim käuflich erwerben kann. Hier, hoch oben auf dem Berg in einer eher unscheinbaren Seitenstraße treffen sich seit 2012 die besseren Herrschaften Friedbergs oder die, die sich dafür halten, vereinzelt sollen schon Münchner und sogar Augsburger dort gesichtet worden sein. Der verschwitzte, durstige Radler, der gerade den Friedberger Berg hochgestrampelt ist und nach Labsal verlangt, wird hier gerne schon mal skeptisch von oben herab angeschaut, man bliebt hier doch lieber unter sich, hat man den Eindruck; nämlicher Radler, geduscht, umgekleidet, mit Patek Philippe und Budapestern wird jedoch auf’s freundlichste, wenn nicht über-freundlich willkommen geheißen.

Die Einrichtung der Genusswerkstatt lässt erst einmal nichts von Dünkel erwarten, sie ist gediegen-bajuwarisch, alter Wirtshaus-Charme, Dielenboden, massive blanke Tische mit Platzdeckchen, genügend Abstand zwischen den Tischen, dekoratives Krims-Krams, das ich nicht abstauben müssen möchte, eher gedämpfte Beleuchtung, so stellt man sich ein solides Gasthaus in Bayern vor. Die Speisekarte bietet seit Jahr und Tag bayrisch-schwäbische und österreichische Küche als Standard und ein wenig internationale Küchen-Kür. Rindssuppe mit wechselnden Einlagen, Rinds-Tatar, Schlutzkrapfen, Wiener Schnitzel, Cordon Bleu, Wiener Backhendl, irgendeine Steak- und eine Fisch-Variation gibt es – glaube ich – so gut wie immer. Das vor ein paar Jahren noch recht umfangreiche und löbliche Angebot an Innereien hat sich – leider – auf ein paar wenige Gerichte reduziert. Dazu gibt es saisonale Gerichte, Spargel, Bärlauch, Wild, im Sommer auch noch Biergartenschmankerl wie Wurstsalat und Sülze, quasi als kulinarische Kontrapunkte zu Pulpo, Hummer und Foie Gras. Bodenständige Standard-Gerichte + saisonale Gerichte + Innereien als Hausspezialität + einfache Brotzeiten + ein paar gehobene Gerichte, das klingt nach einem Konzept, das aufgehen sollte, so nach dem Goethe-Motto „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen. Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.“

Ärgerlich bei solch einem durchaus verlockenden Angebot ist die stark schwankende Qualität; waren es vor ein paar Jahren noch viele erfreuliche Erlebnisse mit einigen ärgerlichen Patzern, so werden es zunehmend viele ärgerliche Patzer mit einigen erfreulichen Erlebnissen. Brot, Öl, Salz auf kleinen Steinplatten zur Begrüßung: nett. Ein kleiner mit Kräutern marinierter, bissfester Spargelsalat mit einer Scheibe Salami als Amuse geul hervorragend. Rindssuppe: gieß Wasser zur Suppe, heiß alle willkommen, und die Grießnockerln dazu nicht aufgegangen, sondern bombenfest, von Muskatnuss keine Spur. Exzellent dann wieder die Spargel-Creme-Suppe mit dünn aufgeschnittenem Speck. Ochsentatar: breiig, viel zu fein gecuttert, langweilig gewürzt, aber wohl frisch. Wiener Schnitzel: ein ebenfalls bissfestes Stück totes Fleisch mit daran pappender Panade, von abgehoben und wellig-luftig-knusprig keine Spur, typisch deutsch halt, nicht wienerisch; aber immerhin in Butter geschwenkte Petersilienkartoffeln, keine Pommes dazu. Zwiebelrostbraten: statt medium-rare wie bestellt medium-well-done, selbstgemachte, aber keinesfalls knusprige Zwiebeln, gutes, frisch blanchiertes Gemüse, breiige Käsknöpfle, keine Kässpätzle, suspektes, fast geliertes lauwarmes Sößchen darunter. Spargel viel zu lange gekocht, die weitgehend geschmackfreie Hollandaise dazu in einem kleinen Einmachgläschen vorbereitet und dann zu erwärmen versucht. Sehr guter Kaiserschmarren und Bayrische Creme mit frischen Früchten zum Dessert, da beißt die Maus keinen Faden nicht ab. Die Bedienungen jung, bemüht, in der Regel freundlich, sobald der Laden etwas voller wird, leicht hoffnungslos überfordert. Zumindest die beiden jungen Menschen, die uns bei den letzten beiden Besuchen bedienten, hatten keinerlei Ahnung von der Weinkarte, sprachen aber auf wie Bolle, statt sich höflich zu entschuldigen und jemanden zu holen, der sich mit sowas auskennt. Ach ja, und wenn man höflich bemängelt – wenn man etwa eine warme Hollandaise haben möchte – , dann kann’s leicht passieren, dass man volle Möhre angemault wird.

GERSTERS Genusswerkstatt
Inhaber: Sonja Gerster
Bauernbräustraße 6
86316 Friedberg (Bayrisch Schwaben)
Tel.: +49 (8 21) 2 62 14 15
E-Mail: sonja.gerster@web.de
Internet: www.gersters-genusswerkstatt.de

 

Hauptgerichte von 16,50 € (Backhendl mit Kartoffelsalat) bis 26,50 € (Foie gras mit Selleriepüree), Drei-Gänge-Menue von 29,30 € bis 48,90 €

 

Das sagen die Anderen:

  • Guide Michelin (Booktable): ein Tellerchen („Küche mit guter Qualität“) und ein Bestecklein („Einfacher Standard“)
  • Gault Millau: n.a.
  • Gusto:5 von 10 Pfannen (Küchenleistung);  2 von 5 Bestecken (Service, Ambiente)
  • Schlemmer Atlas: n.a.
  • Varta: 2 von 5 Diamanten
  • Yelp: 4,5 von 5 Sternen (bei 7 Bewertungen)
  • Tripadvisor: 4 von 5 Punkten (bei 34 Bewertungen)
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