Gast- und Tafernwirtschaft Leonhard Kreitmeir: durchwachsen

Summa summarum: nettes, gemütliches , authentisches Landgasthaus in der tiefsten Provinz, offenbar noch verschont von ausflugswütigen Stadtfräcken, die Speisekarte klingt gut (und unschlagbar wohlfeil), aber nach erstem Kontakt liegen hier heaven and hell sehr nah beieinander, more to come …

Wenn man die A8 von München nach Augsburg fährt und die Autobahn etwa auf halber Strecke bei Sulzemoos Richtung Norden verlässt, so erreicht man nach 25 Kilometern auf kleinen Staats- und Kreissträßchen den Weiler Niederdorf, der zur Gemeinde Hilgertshausen-Tandern im Landkreis Dachau gehört; unser aller Sissi ist 17 Kilometer von hier auf Schloss Unterwittelsbach aufgewachsen. 15 Mal pro Tag hält im Weiler Niederdorf unter der Woche ein Bus, der Erste um 05:38 Uhr, der Letzte um 19:10 Uhr, am Wochenende fahren täglich nur fünf Busse, pubertierender Teenager möchte ich hier nicht sein, es geht ausgesprochen beschaulich zu im Weiler Niederdorf, ein paar stattlich Bauernhöfe, wenige kleine Handwerksbetriebe, ein Kapellchen, kein Kaufladen, keine Bank, kein Bäcker, kein Metzger, keine Apotheke, kein Arzt, dafür viel Landschaft, sehr viel Landschaft, vor allem Wiesen und Felder, und es gibt ein stattliches Gasthaus, die Gast- und Tafernwirtschaft Leonhard Kreitmeir, schwer zu finden, ein Hinweisschild an der Kreuzung in Gartelsried, an der es von der Hauptstraße nach Niederdorf abgeht, scheint das einzige Marketinginstrument dieser Tafernwirtschaft zu sein, selbst die Webpage des Etablissements ist irgendwie – wie Paul Celan sagen würde – „abweissagend“, marktschreierisch geht gewiss anders.

Nun gut, ich habe sie gefunden, denn mein Weg zu meiner „Haus- und Hof-Tafernwirtschaft“, der Hörger in Hohenbercha, führt mich regelmäßig an besagtem Hinweisschild an besagter Straßenkreuzung vorbei; zig-mal waren Vorfreude auf vertraute Schweinshaxe, Rehrücken und Burgunderbraten in Hohenbercha größer als die Neugierde auf Neues in der Wirtschaft hinter dem Hinweisschild, diesmal habe ich den inneren Schweinehund überwunden, und ich bin abgebogen. Und ich muss sagen: durchwachsen. Ein wirklich idyllisch gelegenes, hübsches Anwesen, Dreikanthof, kleiner Parkplatz vor dem Haus, die PKW-Abstellflächen auf der anderen Seite des Sträßchens lassen ahnen, was hier im Sommer los sein kann, wenn der große Biergarten auf der Wiese unter Obstbäumen samt sehr nett aussehendem, umfänglichem, gut ausgestattetem Kinderspielplatz voll im Betrieb ist. Jetzt liegt ein freundlicher, träger Sennhund auf der Treppe vor der Küche, eine weiße Katze ohne Schwanz tänzelt, während ich parke, über den Innenhof und setzt sich sehr selbstbewusst (für eine Katze ohne Schwanz) auf den Fußabstreifer vor der Wirtshaustür, darauf wartend, dass ihr Einlass gewährt werde. Eine Speisekarte vor der Tür sucht man vergebens. Innendrin ist’s dann zünftig-gemütlich-authentisch. Halb-offene Küche, zwei überschaubare Gasträume mit zusammen vielleicht einem Dutzend großer Tische, alter Holzdielenboden, Wände dreiviertel-hoch mit Holz vertäfelt, Kruzifix, umlaufende Sitzbänke an den Wänden, solide Schreinermöbel, keine Tischwäsche, dezente Advents-Deko, bunte Vorhänge an den Holzsprossenfenstern, eine junge Frau im Dirndl und ein junger Mann in speckiger Lederhose im Service, so geht zünftiges Landgasthaus. Fast alle Gäste scheinen Einheimische zu sein, Sonntags-ausgeh-fein gekleidet, zwei Familien beim Geburtstagsschmaus, die Gäste werden geihrzt oder gleich geduzt, man kennt sich beim Namen, auch untereinander. Die Invasion der Stadtfräcke scheint hier noch nicht gestartet zu sein. Die Speisekarte ist gar nicht mal so klein und weit entfernt von der bajuwarisch-bierseligen Suppe-Schnitzel-Schweinsbraten-Dreifaltigkeit. Vorweg gibt’s fünf Suppen zur Auswahl, außerdem kleine Tiroler Knödel mit Lamm und Parmesan, Carpaccio von der Rindszunge oder Makrelenfilet mit Roter Bete. Tagesgerichte sind Ente mit Knödel, ofenfrisches Spanferkel oder Jägerbraten mit Pilzen und Speck; dazu gibt’s eine kleine Standard-Karte mit Schnitzeln, Tellerfleisch, Filettöpfchen, eine Auswahl von Salaten, drei hausgemachte Desserts und eine zünftig klingende kalte und warme Brotzeitkarte. Die Preise sind durchweg moderat, die Hauptspeisen beginnen bei 10 EURO und enden deutlich vor 20 EURO, teuerstes Gericht auf der Karte ist die halbe totgekitzelte Ant’n (vulgo Bauern-Ente aus artgerechter Haltung aus dem Nachbardorf) für 18,80 EURO (nur mal so, zum Vergleich, wenn ich mich recht entsinne, schlägt eine Viertel Ente beim Hörger mit 28,90 EURO zu Buche).

Was dann allerdings kommt ist … sagen wir mal: durchwachsen. Die Kohlrabi-Suppe ist schlichtweg sensationell. Ich erwartete ein sahnegeschwängertes Kohlpüree-Süppchen, stattdessen kam eine kräftige, durch und durch gute Fleischbrühe mit darin gegarten dünnen Kohlrabischeiben, Lauchstückchen und als Topping frittierte Schwarzwurzelscheibchen, nicht nur als recht bizarre Garnitur, sondern als fulminanter zusätzlicher Geschmacksträger, als leicht bitterer Kontrapunkt zum kräftigen Fleisch und dem kohligen Kohl. Beim Anrichten und der Präsentation muss die Küche gewiss noch arbeiten, geschmacklich ist diese Suppe aber eine ziemliche Sensation. Und um Präsentation geht es in Niederdorf wahrscheinlich niemandem. Die Ente danach war dann durch und durch enttäuschend. Zugegeben, sehr fleischig, aber Brust und Keule in zwei Fetzen serviert, ledrige Haut, fasriges Fleisch, wenig geschmacksarmes Sößchen, matschiger Kartoffelknödel, Blaukraut ganz ok, Birne und Preisebeeren entbehrlich, kurzum: eine ziemlich große Portion einer ziemlich schlechten Ente. Ich war allerdings am Sonntagmittag der erste Gast, der eine halbe Ente geordert hatte; die Enten, die danach aus der Küche getragen wurden, sahen alle sehr viel manierlicher – und leckerer – aus, und bei mir kam ein ganz schlimmer Verdacht auf … Die Käsesahne-Torte als Nachtisch wieder liebenswert: dicker, selbst gebackener Biskuitboden, gefüllt mit einer fluffigen, Vanillin-schwangeren Sahnecreme, so hat Tante Gertrud früher auch ihre Käsesahne gemacht. Der doppelte Espresso dazu lausig.

Bevor ich hier eine abschließende Meinung abgebe, werde ich wohl noch zwei, drei Besuche investieren, denn liebenswert ist dieser Ort allemal. Ich werde Caro mal fragen, ob sie für ein Wochenende mit in die tiefste Provinz kommen mag.


Gast- und Tafernwirtschaft Leonhard Kreitmeir
Inhaber Familie Pfündl
Hausnummer 16
86567 Hilgertshausen – Niederdorf
Tel.: +49 (82 50) 2 11
Fax: +49 (82 50) 92 82 94
E-Mail: pfuendl@tafernwirtschaft.de
Online: www.tafernwirtschaft.de/

Hauptgerichte von 9,80 EURO (Tellerfleisch) bis 18,80 EURO (halbe Bauernente), Drei-Gänge-Menue von 17,80 EURO bis 33,50 EURO

DZ/ÜF 80 EURO (pro Zimmer, pro Nacht)

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