Feuerring

Nachdem sich die holde Weiblichkeit erfolgreich daran gemacht hat, Chefetagen, Fußballstadien, Kanzlerämter und Schnapsschenken zu erobern, nachdem sie sogar die Rasur an mannigfachen Stellen für sich entdeckt hat, bleibt der plumpen Männlichkeit – mit Ausnahme des Pissoirs – eigentlich nur noch die offene Feuerstelle zum Brutzeln roher Fleischfetzen als Hort des ungehemmten Auslebens des ureigensten Y-Chromosoms. Der gemeine Bürger  nutzt dazu wohlfeile Grillgeräte von Tankstellen und Baumärkten, auf die er seine Discounter-Würstchen für 99 Cents und die hormongeschwängerten, in dubioser Marinade vor sich hingammelnden … hinmarinierenden Nackensteaks  zum Behufe der Erlangung der geschätzten karzinogenen Schwärze wirft, der besserverdienende Bourgeoise verwendet zu nämlicher Verrichtung seit Jahren die marketingtechnisch bis zum Erbrechen gehypten, lausig verarbeiteten (ich weiß, wovon ich rede, wir haben drei davon in Serie geschrottet, bevor wir merkten, dass dies nicht an uns, sondern an den mistigen Teilen lag), völlig überteuerten Grillgeräte aus dem us-amerikanischen Hause Weber, auf die er seine nicht minder hormongeschwängerten Garnelenspieße und neuerdings dry-aged Steaks wirft, dazu Lugana oder Prosecco süffelt und gar g‘scheit dabei parliert.

Doch unsere Schweizer Nachbarn wären keine Schweizer, könnten sie dererlei Brutzel-Rituale nicht noch luxuriöser und vor allem teurer gestalten, und das ist einem Künstler namens Andreas Reichlin zu verdanken. Reichlin, Jahrgang 1968, ist eigentlich ausgebildeter Holzbildhauer, der irgendwann seine Liebe zum Stahl als Werkstoff entdeckte. Zu dieser Liebe zum Stahl gesellte sich eine Unverträglichkeit von Gegrilltem – Grilliertem nennt es der Schweizer – von herkömmlichen Grills mit offener Flamme. Dies war die Geburtsstunde der Idee vom Feuerring, einer Schale aus massivem Stahl, je nach Modell mit einem Durchmesser von 100 bis 130 cm, einer Höhe von 23 bis 66 cm und einem Gewicht von 100 bis 250 kg; an der Oberseite dieser Schale befindet sich ein ebenfalls stählerner, nach innen ragender Ring mit einer Breite von vielleicht +/- 25 cm. Verbrennt man nun massive Holzscheite – nicht etwa profane Holzkohle – in dieser Schale, so erhitzt sich naturgemäß der Metallring, so dass man darauf grillen kann, aber eigentlich ist es eben kein Grillen, da die direkte offene Flamme fehlt, sondern genau genommen ist es ein Braten in einer sehr ungewöhnlichen, dazu noch randlosen Pfanne. Die Temperatur des Ringes ist dabei nicht glühend heiß wie bei der offenen Grillflamme, die Temperatur ist immer gemäßigt, so dass jeder Garvorgang deutlich länger dauert als auf dem Grill, aber langsames Garen muss ja nichts Schlechtes sein. Dazu ist dieser Feuerring auch noch ein ästhetisches Objekt, das jeden Garten ziert. Und während der Grill von der Tanke für einen Abend taugt, der Grill aus dem Baumarkt für ein paar Jahre, der Luxus-Grill vielleicht sogar für in Leben, ist der Feuerring für Generationen geschaffen, unkaputtbar, zeitlos, ein Objekt zum Vererben. Solche Vorzüge haben natürlich auch ihren Preis, mit 5.000 bis 10.000 Franken ist man dabei, da fällt dann auch das dazu passende, wunderschön gemachte, zweibändige Kochbuch mit Rezepten speziell für den Feuerring von Chris Züger und mit phantastischen Photographien, dazu auch noch in – gerade für Kochbücher ausgesprochen praktischer – Flat-Book-Bindung für 280  Franken nicht mehr in’s Gewicht.

Obwohl der Feuerring längst nicht mehr vom Künstler persönlich geschaffen wird, sondern industriell bei der Schweizer Blechumform GmbH und der Isenschmid AG gefertigt wird, wird nach wie vor viel künstlerisches und marketingtechnisches Chi-Chi betrieben, regelmäßige Teilnahme an Designerwettbewerben und ebenso regelmäßig Designerpreise, aufwendige Webpage und Werbematerialien, Vernissagen und Events rund um die metallene Schale, Sponsoring der Schweizer Olympiamannschaft, professionelle PR-Kampagnen, Zusammenarbeit mit dem Ausnahme-Photographen Günter Standl, Patent- und Markenschutz (Markenschutz klar, aber mir nicht so recht klar, was genau man an einer Stahlschale mit Rand patentieren lassen könnte …), eigenes Hausmagazin, persönliches Zertifikat für jeden verkauften Feuerring, dazu viel Kunst-Bla-Bla: „Der Feuerring als Form, dessen klare Linien, Konturen und energiegeladenen Flächen den Raum definieren, schafft durch seine skulpturale Ästhetik Spannungsbereiche, in denen sinnliche Erfahrungen möglich sind.“ Schöne Dinge sind ja schön und gut, aber man kann’s auch übertreiben mit einer Feuerstelle.

Aber nicht nur der Erfolg gibt seinen Machern Recht, sondern auch der Markt, den seit Jahren zahlreiche Nachahmer und/oder Plagiatoren mit ähnlichen, aber deutlich preiswerteren Produkten überschwemmen. Wenn man etwa „Feuerring“ googelt, drängt sich je nach Tagesform von Google zuweilen z.B. die Firma ASGARD Produkte GmbH, Geschäftsform Kollektivgesellschaft, Geschäftsführer Ronnie Angst und Peter Angst auf den bezahlten Werbeplatz vor www.feuerring.ch von Reichlin; bei Asgard kann man eine runde Stahlfeuerstelle mit Rand schon für 2.500 CHF erstehen, bei der Deutschen Firma Schickling gibt’s eine eckige Version sogar schon für die Hälfte.

Doch zurück zum Original. Fast ist dieses Gerät zu schade für Würstchen, Steaks und Folienkartoffeln, denn der Feuerring kann wesentlich mehr. Muscheln, Pizzen, glasig gebratener oder sogar gedünsteter (!) Fisch, Gemüsewürfel, Obst, geröstete Mandeln, sogar Rinderfilet auf dem Heubett gelingt hier ohne flammendes Inferno. Dazu wird der Feuerring wenigstens eine Stunde vor dem eigentlichen Brutzeln (ich mag nicht von „Grillen“ sprechen, denn das ist es nicht) mit massiven Holzscheiten befeuert, dann dünn mit Öl bestrichen und sodann kann man draufwerfen, was das Herz begehrt bzw. was die vorbereiteten Zutaten hergeben. Der Garprozess dauert, wie gesagt, aufgrund der geringeren Hitze deutlich länger als beim konventionellen Grillen, aber das schadet nichts, denn der Feuerring ist auch noch ausgesprochen kommunikativ. Während am herkömmlichen Grill ein erwählter oder selbst ernannter Grillmeister schwitzend, Bier-trinkend und weitgehend allein seiner heißen Aufgabe nachgeht, steht die Gesellschaft beim Feuerring um Nämlichem im Kreise, jeder kann sich selber um sein gemächlich schmurgelndes Grillgut vor ihm kümmern, dazu redet man, süffelt, genießt, blickt schweigend in das Feuer, solches Ambiente kann durchaus in’s Angenehme ausarten. Von Zeit zu Zeit wird die Stahlfläche mit einem ebenfalls stählernen Schaber gereinigt – wie beim Ceranfeld, nur in ganz groß –, neu eingeölt und schon kann der nächste Schwung Lebensmittel zum Garen aufgebracht werden. Und das geht auch noch geschmackneutral: nach dem Fisch rasch das Metall abgekratzt, kurz gewartet, neu eingeölt, und dann die Aprikosen drauf, geht ganz wunderbar und ohne jeden fischigen Beigeschmack (den ich alte Unke natürlich erwartet hatte). Abgesehen von der Ästhetik des Bratgeräts, dem relativ schonenden Garprozess, der Vielfalt der Möglichkeiten und der kommunikativen Atmosphäre habe ich dank des Feuerrings und Werner P. mit seiner entzückenden Beiköchin das vielleicht beste Rinderfilet im Heubett meines bisherigen Lebens essen dürfen. Chapeau!

Firma Feuerring GmbH
Geschäftsführer: Andreas Reichlin & Beate Hoyer
Tieftalweg 3
CH-6405 Immensee
Tel: +41 (41) 8 50 70 58
Internet: www.feuerring.ch
Mail: info@feuerring.ch

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3 Comments

  1. Wir freuen uns immer über ehrlich-authentische Eindrücke zu unserem Feuerring, dem Ersten seiner Art auf dem inzwischen von Plagiaten überfüllten Markt. Wer uns kennt, weiss, dass „chi-chi“ gar nicht uns entspricht: gerne laden wir den freundlichen Schreiber ein, diese Geschichte von einer simplen Idee zum Patent, Produkt, über begeisterte Feuerringleure, Verbreitung, Preise und andere Nebengeschichten und die Entwicklung einer Firma direkt bei uns im Atelier aufzunehmen. Wir sind überzeugt, einige Eindrücke verändern sich….wir freuen uns auf Ihren Besuch, das Feuerring Team

  2. Reinhard Daab

    Liebe Beate Hoyer,

    das abgebildete Rinderfilet sieht tatsächlich absolut perfekt gegart aus. Nun muss ich allerdings auch sagen, dass ich solches Filet nicht gerade sonderlich interessant finde, eigentlich eher langweilig. Man müsste schon eine sehr gute Sauce dazu servieren, allerdings weiß ich wohl, dass solches Fleisch des Deutschen Lieblingssorte ist. Wenn ich die Wahl habe, dann würde ich wesentlich lieber Kalbskopf oder Kalbsniere essen, was jedoch etwas schwierig sein könnte auf diesem Gerät zu bereiten.

    LG

    • Eigentlich mag ich diese hochgezüchteten Nobel-Fleische auch nicht, aber dieses Heu-Rinderfilet hat endlich mal signifikanten Eigengeschmack und funktioniert tatsächlich ohne bombastische Soße. Und das schreibt jemand, für den i.d.R. am Fleisch das Beste die Soße ist.

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