Endlich Wochenende

Ein abgebrochener Friseur-Lehrling jobbt als Kellner, findet dabei seine wahre Berufung als Koch, fängt das Kochen an, ohne jemals eine formale Ausbildung absolviert zu haben, und ein paar Jahre später betreibt er ein halbes Dutzend noble In-Restaurants, hat seine eigene Unternehmensberatung, die u.a. die nationale Fluggesellschaft in Futter-Sachen berät (und die im Verdacht steht, Einwanderer massiv auszubeuten), dazu Fernsehshows, Bücher, Artikel, Apprenticeships Ambassador der Regierung, Interviews, das komplette Koch-Huren-Programm, volle Möhre durchgezogen. Sowas ist möglich in der alten Strafkolonie Australien, dort funktionieren solche Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Märchen noch, zum Beispiel für Neil Perry, 1957 in Sidney geboren, heute einer der Küchenstars des Verbannungs-Kontinents.

2014 hat der Knesebeck Verlag eines der Bücher Perrys, „Easy Weekends“ von 2012, hier herausgebracht, zu Deutsch „Endlich Wochenende“. Zuerst einmal fällt auf, dass das Buch recht aufwändig gemacht ist, Hardcover mit geprägten Lettern, dickes Papier, Fadenbindung durchgängig C4, sehr viele Bilder, dieses Buch ist ein papierener Beweis, dass die Druck-und Buchkunst ein dreidimensionales Unterfangen sind, es macht haptisch einfach Spaß, solch ein Werk in Händen zu halten. Die Bilder von keinem geringeren als Earl Carter – eigentlich gefeierter Australischer Architektur-Photograph – sind erfreulich auf den Punkt, d.h. sie bilden zumeist tatsächlich die Speisen zu den Rezepten ab, und das optisch hübsch, vor allem aber – komisch, das bei Photographie zu schreiben – realitätsgetreu. Einerseits hat hier jemand alle vorgestellten Rezepte tatsächlich selber gekocht (der Herr Starkoch gesteht freimütig in den Danksagungen, dass nicht er das war, sondern Sarah Swan und Will Cowan-Lunn, für diese Ehrlichkeit ein Chapeau!), zu fast jedem Rezept gibt es ein Bild des Gerichts, andererseits sind die verdammten Food-Stylisten bei diesem Buch offensichtlich geblieben, wo sie hingehören, nämlich wo der Pfeffer wächst, die Bilder sind allesamt ungekünstelt, echt, keine halbgaren Gerichte mit Haarspray und Lack aufgepeppt und weitgehend kein optischer Schnickschnack, wie ein alter Zinnlöffel hier, ein Blumenstrauß dort, ein sinnbefreiter Kürbis unscharf im Hintergrund, eine kunstvoll drapierte Stoffbahn darunter, ein paar lachende Kinder in weißen Kleidchen drum herum, solche Art von Schnickschnack, mit dem uns Food-Photographen so oft quälen, die Bilder in „Endlich Wochenende” sind auf den Punkt – der Punkt, das sind die Speisen, um die es geht – und trotzdem ästhetisch ansprechend, es geht auch ohne Schnickschnack (wenn man photographieren kann und wenn der Autor ein Koch ist, der tatsächlich alle Rezepte für das Buch nochmals echt nachkocht / nachkochen lässt). Die paar Bilder von Perry mit seinen Töchtern in der Küche und von Blumen sind geschenkt, wobei ich es schon fragwürdig finde, kleine Mädchen in Büchern zur Schau zu stellen. Also, das Buch ist zweifelsohne schön gemacht, es macht Spaß, es in die Hand zu nahmen und bei einem Kaffee oder Wein in Ruhe durchzublättern.

Was man dann beim Durchblättern liest … ist ungewöhnlich, ungewöhnlich in doppelter Hinsicht. Zum ersten sind die Rezepte scheinbar wild durcheinander gemischt und gehorchen keiner Länderküche, keinem Kochstil, keinem gemeinsamen Thema. Da finden sich unspektakuläre, für den durchschnittlichen Deutschen Hobby-Koch banale Allerwelts-Rezepte wie frittierte Hühnerbeine, Hamburger, Räucherlachs mit pochiertem Ei, Brotauflauf, gebratenes Fischfilet, Pfannkuchen usw. daneben finden sich dann aber auch Rezepte wie Geschmortes Hähnchen und Reis nach koreanischer Art, Lamm-Tajine mit Couscous und Orangen-Mandel-Dattel-Salat, grünes Linsen-Curry mit Spinat, Tagliatelle mit Blauer Schwimmkrabbe, Zitrone und Chili, usw. Bei dieser wilden Mischung muss man sich einfach vor Augen halten, dass Australien niemals eine eigene Landesküche entwickelt hat (ausnehmen würde ich hier die Küche der Aborigines, aber davon gibt nach Jahrhunderten Landraub, Vertreibung und Genozid ja nicht mehr so viele), aber wie sollte sich in einer Britischen Strafkolonie – Briten und dann noch Verbrecher – überhaupt Kochkultur entwickeln können? Also ist die Australische Küche ein wildes Sammelsurium aus den Küchen dieser Welt mit starken asiatischen Einflüssen Dank der relativen geographischen Nähe. Entsprechend ist dieses Buch eine Tour de Force durch die Regionalküchen dieser Welt, und genau das ist halt die Australische Küche. Aber das macht ebenfalls den Reiz dieses Buches aus. Der Titel lautet ja „Endlich Wochenende. Die köstlichsten Rezepte für die schönsten Tage der Woche.“, und es ist gegliedert in drei Abschnitte, nämlich „Freitag“, „Samstag“ und „Sonntag“. Wenn man eine Inspiration sucht, was man am Wochenende kochen könnte, dann ist dieses Buch goldrichtig mit seinem Rezepte-Bogen von Japan über Marokko und Italien bis Mexiko und wieder zurück, getreu dem alten Goethe’schen Spruch „Wer Vieles bringt / wird Manchem Etwas bringen.“ Selbst wenn man gerade mal kein Rezept aus dem Buch nachkochen mag, eine Idee, eine Inspiration nimmt man wahrscheinlich meist mit.

Zum anderen ist „Endlich Wochenende“ auch distinktiv, was den Schwierigkeitsgrad der Rezepte anbelangt. Ich weiß nicht, ob Neil Perry in seinen Lokalen auch so simpel kochen lässt, aber einerlei, das wäre Spekulation. Jedenfalls hat es der Autor nicht nötig, seine kochlichen Fähigkeiten hier durch abgedrehte, überkandidelte, kaum nachzukochende Rezepturen zur Schau zu stellen. Das ist schön. Vielmehr sind Zutatenlisten kurz und klar, „exotische“ Ingredienzien wie Piment d’Espelette, Amarant, Lavendelblütenwasser, Yak-Butter oder Molch-Augen fehlen zumeist, dafür Mehl, Eier, Butter, frisches Gemüse, Fleisch, dabei viel Schaf, heimisches Meeresgetier, Pfeffer, Salz, bei den Gewürzen stechen vielleicht noch Asiatische Würzsaucen und Gewürze hervor, ansonsten kann man diese Rezepte meist getrost mit dem normalen Vorrat eines normalen Haushalts angehen, ohne große zusätzliche Einkäufe, exotische Zutaten wie Lichtnussbaum-Kerne, Galagal oder Tapiokamehl sind die Ausnahme. Und die Rezepte sind sehr einfach gehalten, keines besteht aus mehr als vier oder fünf einfachen Schritte. Lammkeule marinieren, Lammkeule anbraten und dünsten, Lammkeule bei Niedrigtemperatur stundenlang sanft garen, Fleisch abfrumseln, zu einem großen Berg stapeln, mit Baguette servieren. Oder entsteinte Kirschen in eine Auflaufform geben, Teig aus Eiern, Mehl, Zucker, Butter, Milch darüber kippen, backen, mit Puderzucker bestreuen und mit einem Klecks Crème Double servieren. Das sind keine kulinarischen Großtaten, sollen es aber auch gar nicht sein. Das ist ganz entspannte Wochenend-Küche, wenn man etwas Leckeres essen will, aber nicht stundenlang in der Küche stehen, sondern lieber mit den Kindern spielen, Filme schauen, mit Freunden auf der Terrasse sitzen, Sex haben oder ein Buch schreiben mag.

Im wahrsten Sinne des Wortes über den Tellerrand hinaus inspirierend, out-of-the-European-standard-box, leicht und ohne viel Vorbereitung und Aufwand nachzukochen, und das alles in einem sehr schön gemachten, auch haptisch wertigen Buch.


Neil Perry: Endlich Wochenende: Die köstlichsten Rezepte für die schönsten Tage der Woche. Photos von Earl Carter. Deutsch von Susanne Tiarks München: 2014 (Knesebeck Verlag), ISBN-10: 3868737154, ISBN-13: 978-3868737158, Restexemplare und Antiquarisch (Original: Easy Weekends. Sidney: 2012 (Murdoch Books)

Teile diesen Beitrag:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back to Top