Ein ganz außergewöhnliches Kochbuch:

The Platinum Jubilee Cookbook zum 70. Thronjubiläum Ihrer Majestät Elisabeth der Zweiten, von Gottes Gnaden Königin des Vereinigten Königreiches Großbritannien und Nordirland und ihrer anderen Königreiche und Territorien, Oberhaupt des Commonwealth, Verteidigerin des Glaubens (so der korrekte Titel der Queen) von Ameer Kotecha

Die meisten Kochbücher sind ja immer irgendwie gleich: da fühlt sich jemand zum Schreiben veranlasst, sei es, weil er ein guter Koch ist, der seine Kenntnisse weitergeben will, sei es, weil er außergewöhnliche, fremde, vegbessene Küchen, Zutaten, Gerichte kennt und diese einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen will, sei es, weil er die Welt verbessern will und deshalb die Welt mit seinen veganen, ökologischen, diätischen (usw. usf.) Essensideologien belästigt, sei es, weil er Kohle machen will und deshalb irgendwas zusammenschreibt oder abschreibt, von dem er oder sein Verlag glauben, dass es die Leute schon interessieren wird und sie es daher kaufen werden.

Das Platinum Jubilee Cookbook ist da ganz anders. Anlass des Werks ist das 70. Thronjubiläum der Queen, das just dieser Tage stattfindet. Dazu hat der Autor und Herausgeber, Ameer Kotecha – ein junger Diplomat im Dienste Ihrer Majestät, daneben Food-Schreiber und gelegentlicher Pop-up-Koch – von den Botschaftern und Hochkommissaren der Krone und aus unzähligen anderen Quellen nicht nur Geschichten und Anekdoten von den Reisen der Queen aus 70 Jahren, sondern auch allerlei Wissenswertes, Interessantes, Ungeahntes und Amüsantes aus dem diplomatischen Betrieb unter besonderer Berücksichtigung der Kulinarik zusammengetragen, in einen gefälligen, angenehm zu lesenden Text gegossen und grandios bebildert. Weiterhin gibt es anekdotenhaft erzählte Informationen über traditionelle britische Lebensmittelmanufakturen und ihre Produkte wie Clotted Cream oder Jam, über die bevorzugten Gins im Buckingham Palast oder über die königlichen Besteck- und Porzellan-Produzenten. Garniert wird das Ganze dann mit 70 Rezepten von Gerichten, die der Queen bei ihren Staatsbesuchen überall in der Welt in den vergangenen 70 Jahren serviert wurden. Diese Gerichte sind zum Teil typisch für das jeweilige Gastgeberland, zum Teil typisch britisch, zum Teil das, was man heute in Neu-Sprech als Fusions-Küche bezeichnet.

Diese Rezepte sind tatsächlich eine kulinarische Tour de Force einmal rund um die Welt, angefangen bei norwegischem Hummer mit Blumenkohlpüree, über Fuchka, gefüllte, frittierte Teigtaschen aus Bangladesh, Fish and Ships nach Swasiland-Art, von den Falklands Schwarzer Seehecht unter Gewürzmarinade mit asiatischem Krautsalat und Jasminreis bis hin zu Känguru-Steak mit Nieren-Pastete. Man erkennt an diesen paar Beispielen bereits, dass die präsentierten Rezepte weit entfernt sind von einem royalen Trüffel-und-Kaviar-Einerlei, sondern eher mitten aus dem prallen Leben des jeweiligen Gastgeber-Landes stammen, wie etwa Shiro, ein Gewürzbrei aus Eritrea, der aus einer Brühe mit Zwiebel, Knoblauch und Tomaten hergestellt wird, die dann mit einer leicht angerösteten Mischung aus 15 Gewürzen (wie Koriander-Samen, Pfeffer, Basilikum, usw.) zur Brei-Konsistenz angedickt wird. (Im europäischen Mittelalter wäre das das ultimative Superreichen-Gericht gewesen.) Die Zutatenlisten und Kochanleitungen sind klar, verständlich und nachkochbar formuliert, gekrönt von einem professionellen Hochglanzphoto eines jeden Gerichts; Bilder einzelner Zubereitungsschritte fehlen allerdings. Solche Dinge musste die (arme) Queen über 70 Jahre lang essen: Respekt, das mit der nötigen Nonchalance über sich ergehen zu lassen, aber was das Essen anbelangt, da sind die Briten bekannter Weise ja hart im Nehmen.

Daneben lernt der Leser quasi en passant viel über die Feinheiten der Diplomatie, etwa, wie ein Botschaftsgebäude strukturiert und gestaltet sein muss, repräsentativ, aber nicht zu protzig, very British mit gehörigen Zugeständnissen an die lokale Kultur, eine gesunde Mischung aus großen Sälen und Tafeln für Gemeinschaft und Repräsentation, aber gleichzeitig genügend intime Rückzugsorte für vertrauliche Gespräche, um den optimalen Boden für das Spinnen diplomatischer Fäden zu bieten („The house was a strong diplomatic tool“, heißt es dort etwa über die Britische Botschaft in Kairo) oder über die richtige, dem jeweiligen Anlass entsprechende Gästeauswahl, Dresscode, Menue- und Getränkefolge.

Wirklich herzallerliebst werden die Texte in den sprachlichen Feinheiten. Da heißt es etwa „… attendance signifies The Queen’s or the Government’s approval …”: man beachte, vor der Queen wird das Adverb “the“ großgeschrieben, vor government hingegen klein. Generell wird Elisabeth II mit „HM The Queen“ bezeichnet, während es über die ehemalige Britische Premierministerin Margaret Thatcher heißt „When it came to Maggie …“. An anderer Stelle wird die Geschichte erzählt, dass der Spanische Königspalast Alcázar in Sevilla über lange Zeit die Bitterorangen für Bitterorangen-Marmelade an den Britischen Hof lieferte („A fusion of Spanish and British cultures, what better way for the Residence to celebrate the ties that bind our countries?“), bis diese Tradition einschlief, aber 2020 wiederbelebt wurde, als der Britische Honorarkonsul eigenhändig 20 kg Bitterorange in Alcázar pflückte, an die Britische Botschaft in Madrid sandte, wo sie zu Marmelade verkocht wurden, die in den Buckingham-Palast geschickt wurde. Im dazugehörigen Rezept heißt es zum Zerkleinern der Früchte: „Chop to the desired level of chunkiness by hand – using a machine is cheating and, if you do so, you will feel a bit guilty every time you put the marmalade on your toast.” Diese Art von Humor können nur Briten.

Das Vorwort stammt natürlich – wie sollte es anders sein – von TRH The Prince of Wales und The Duchess of Cornwall.

Und ich dachte, ich wüsste so ziemlich alles über den Martini Cocktail, aber ein Breakfast Martini war selbst mir neu. Der wurde 1996 kreiert von dem Barkeeper des Lanesborough Hotels in London, Salvatore Calabrese, im Auftrag von Lord Westbury und Princess Margret, die eine kleine Geburtstagsparty für eine Freundin schmeißen wollten. Der Breakfast Martini besteht aus Bitterorangenmarmelade, No. 3 London Dry Gin, Zitronensaft und Orangenlikör, heavy stuff. Die Freundin, die ihren Geburtstag damit feierte, war übrigens die Queen.

Ameer Kotecha: The Platinum Jubilee Cookbook. Jon Croft Editions, Bath, 2022. ISBN 978-0993354069 Gebunden 29,99 EURO

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