Die Weihnachtsfeier 

Zum Jahresende hält jeder anständige abendländische Betrieb eine Weihnachtsfeier ab. Das Vergnügen – oder wie wir jung gebliebenen Mittvierziger heutzutage sagen – der „Funfaktor“ dieses Abends hängt dabei entscheidend von der Wahl des richtigen Sitzplatzes ab.

Zögernd betritt die Mitarbeiterschar den festlich geschmückten Saal. „Wohin soll ich mich bloß setzen?“ steht in den verunsicherten Gesichtern zu lesen. Zu den Damen aus dem Back-Office (formely known as Buchhaltung), damit sie bei der nächsten Reisekostenabrechnung vielleicht die getuschten Augen zudrücken? Oder doch lieber zu den lebensbejahenden Genossen vom Betriebsrat, die sich erfolgreich gegen Hartz-IV-Demos am arbeitsfreien Wochenende einsetzen? Ob sie dieses Jahr wieder nach dem fünften Glühwein die „Internationale“ anstimmen?

Gar an den Tisch zum Chef? Um Gottes Willen, bloß nicht als Schleimer dastehen. Da sitzen sowieso nur die Ahnungslosen oder die, die da sitzen müssen. Wagemutig und tollkühn setzt sich letztendlich doch jeder zu den Leuten, mit denen man auch das ganze Jahr über zu tun hat.

Liebevoll dekorierte Tannenzweige und tropfende Kerzen auf weinroten Servietten, gern auch mal zwei, drei Walnüsse auf der Tischdecke, stimmen so richtig andächtig. Genau die richtige Atmosphäre für das Highlight einer jeden Weihnachtsfeier: die unvermeidliche Ansprache des Chefs. Gar nicht auszudenken, wie trostlos solche Feste wären, würde der Capo nicht wortreich zurück und nach vorne blicken. Beschwingt tänzelt der oberste Entscheidungsträger ans Mikro, plaudert humorig über die Deckungsbeitragsentwicklung der letzten vier Quartale und witzelt charmant über die degressive Abschreibung immaterieller Vermögensgegenstände. Die Gedanken schweifen ab. Ein mittlerer Manager unterdrückt zwanghaft sein Gähnen. Jetzt bloß keinen Fehler machen – so kurz vor dem Beurteilungsgespräch. Ein paar Sekunden bei der Rede vom Chef gegähnt – ein Jahr umsonst geschleimt. Je später der Abend desto voller die Gäste. Besonders aufmerksame und angeheiterte Kollegen würden nur allzu gerne den jungen, hilflosen Azubinen oder Praktikantinnen zwischen die Arme greifen. Doch das kollektive Gedächtnis bremst meist den hormonellen Überschwang. Jeder erinnert sich noch zu gut daran, wie sich der Dings, na Sie wissen schon, der Dings halt, im letzten Jahr auf der Weihnachtsfeier aufgeführt hat. Tststs.

Na denn, frohes Fest.

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