Carpatia – ein wirklich lesenswertes rumänisches Kochbuch

Endlich mal wieder ein richtiges Kochbuch. Diese Schwemme von Kochliteratur und vorgeblicher Kochliteratur ist ja geradezu unerträglich geworden. Fernsehkochclowns, Promi–Kerle und –Weiber, Pseudo–Promi–Kerle und –Weiber, phanatisch mitteilungswillige wohlhabende Frauenzimmer, Content-Manager, die wieder und wieder ein und denselben Content-Fundus unter anderen Überschriften neu mischen, schreibwütige, unbedarfte Landfrauenkollektive, mehr oder mehr minder begabte Hobbyköche, sogar grantelnde Blogger, alle diese Leute meinen, Kochbücher verfassen zu müssen, und sie finden Verlage, die dieses Zeugs drucken, Buchhändler, die diese Druckware feil bieten und – oh größtes aller Wunder – Leute, die das dann auch noch kaufen. Das Kochbuch „Carpatia“ – Rezepte aus dem Herzen Rumäniens von Irina Georgescu zählt explizit nicht dazu.

Die Autorin – gebürtige Rumänin – stellt hier ausgewählte Rezepte ihrer Heimat vor, wobei der Buchtitel „Carpatia“ irreführend ist, längst nicht nur Rezepte aus den Karpaten, sondern Rezepte aus ganz Rumänien werden vorgestellt, vom Kreischgebiet bis zum Donau-Delta, die Karpaten sind nur ein Landstrich von vielen dazwischen, und auch die Grenzen zu Moldawien und zur Ukraine verschwimmen hier zuweilen politisch nicht ganz korrekt. Aber „Carpatia“ mit Konnotationen von Wildnis, Vampiren, Graf Vlad, Transsilvanien und Borgo-Pass verkauft sich als Titel gewiss besser als „Rumänische Küche“ mit Konnotationen von Zigeunern, Roma, Moro-Clan, Kinder-Bettlern und Sozialbetrug.  Aber einerlei, die Autorin liefert wissens- und lesenswerte Informationen aus dem rumänischen Alltag und den rumänischen Traditionen, den Lebens- und Essgewohnheiten der Menschen dort, schließlich typische Rezepte, alles bebildert mit aussagekräftigen und zugleich schönen Photographien.

Das Buch ist ganz traditionell gegliedert in Vorspeisen und Salate, Brote, Suppen, Hauptspeisen, Desserts und Kuchen, schließlich Eingemachtes und Getränke. Man findet Rezepte für die Mămăligă, den mächtigen, um nicht zu sagen monströsen rumänischen Polenta-Brei, oder Brennnesselfrikassee mit Knoblauch und Kürbiskernen, Perlgraupen-Pilaw mit Hähnchen und Pilzen aus dem Ofen, Fermentierte Kohlblätter und grüne Tomaten, Auflauf mit Schweinshaxe und Limabohnen oder Nudelpudding mit gegrillten Pfirsichen. Das sind keine Rezepte, die man so oder zumindest so ähnlich schon tausendmal in irgendwelchen Kochzeitschriften oder Büchern gelesen hat, das ist echt neuer, authentischer Stoff. Die Rezepte sind dabei klar und nachkochbar aufgebaut, die Zutatenlisten sind übersichtlich und zu wirklich jedem Rezept gibt es ein informatives und zugleich optisch ansprechendes Bild, wie das fertige Gericht im Idealfall auszusehen hat, und das ist bei diesen teilweise recht „exotischen“ Rezepten durchaus eine Hilfe. Auf geschmäcklerische Füll-Photos – Milchkanne mit Wiesenblumen vor unscharfem Hintergrund, alter Krauthobel auf Holzherd, Frau mit Strohhut auf der Schaukel am Apfelbaum, dieser ganze überflüssige Bilderschrott, mit dem manche Autoren, vor allem aber -innen meinen, ihre Seiten füllen zu müssen – verzichtet man in Carpatia ganz, die Autorin beschränkt sich auf teils atemberaubend schöne Landschaftsphotos, die Lust zu Reisen machen, und auf detaillierte,  informative Bilder der fertigen Speisen, lediglich Bilder zu einzelnen Zubereitungsschritten fehlen. Es macht Spaß, Carpatia zu lesen, und es macht Spaß, Gerichte daraus nachzukochen.


Irina Georgescu:  Carpatia: Eine kulinarische Reise durch Rumänien – Das Kochbuch. Gebundene Ausgabe: 224 Seiten. ISBN-10: 3747202071, ISBN-13: 978-3747202074. Deutsche Übersetzung von Manuela Schomann. Cadolzburg (ars vivendi): 2020. 26 €

Bilder © 2020 Jamie Orlando Smith Photography Limited

Teile diesen Beitrag:

One comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back to Top