Bánosh

Zuweilen glaube ich, Caro will mich umbringen, ich weiß auch nicht so genau, warum, aber sie wird schon ihre Gründe haben, das muss man halt akzeptieren, sonst gilt man ja doch gleich wieder als Chauvi, von wegen die weibliche Selbstverwirklichung unterdrücken und sowas, das will man ja nicht als Mann. Dabei geht Caro ausgesprochen subtil vor. Auge in Auge Schuss und Schluss, gedungene Meuchelmörderhand des Nachts in dunkler Gasse, heimtückisches Gift in süßem Tranke, selbst Motorsäge beim Liebesspiel (wie jüngst tatsächlich der Presse zu entnehmen …) sind nicht so ihre Sache, sie ist da weitaus heimtückischer und durchtriebener: wo andere mit Pistole, Messer, Gift, Kettensäge hantieren bedient sich Caro … der Huzulen, und das ist wahrlich hinterhältig. „Ich bin zum Essen eingeladen,“ hatte Caro gesagt, „zu einer Kollegin, sie ist Ukrainerin,“ – erst später sollte ich merken, dass dies eine ganz hintertriebene Lüge war, die Dame besitzt zwar einen Ukrainischen Pass, fühlt sich aber nicht für nen Groschen als Ukrainerin – „sie heißt Oxana, nächsten Samstagabend in Nürnberg, magst Du mitkommen?“ Klar mochte ich mitkommen – ahnungs- und arglos wie ich war, das Ganze erfüllte fast schon den Tatbestand der Heimtücke, muss ich im Nachhinein sagen –, andere Menschen kennenlernen, zumal noch mit internationalem Hintergrund, dazu die Aussicht auf Ukrainische Küche und auf eine Nacht mit Caro, das klang alles mehr als verlockend.

Oxana, die Kollegin, wohnt in Nürnberg in einem gesichtslosen, vierstöckigen  Jahrhundertwende-Bau zwischen Frankenschnellweg und Westfriedhof, ein paar U-Bahn-Stationen vom Nürnberger Hauptbahnhof entfernt, fast direkt neben der Rumänisch-Orthodoxen Metropolie, das sei wichtig für sie, dieses Stück Heimat in der Nähe, sagt Oxana. Wir kraxeln über eine knarzende Holztreppe in den ersten Stock, die Beletage besteht aus zwei Wohnungen, links und rechts hinter hohen, dunklen, hölzernen Flügeltüren mit Messinggriffen, drei Schlössern und großen, massiv vergitterten Fenstern, Innen mit Vorhängen den Blick in die Wohnung verwehrend, doch dazu geeignet, diskret beiseitegeschoben einen Blick von Drinnen nach Draußen zu erhaschen, sei es, um zu sehen wer klingelnder Dings Einlass verlangt, sei es um der Krause aus dem dritten Stock hinterher zu spionieren, wenn sie des Nachts um Elfe schon wieder offensichtlich angetrunken und schon wieder mit einem anderen Mannsbild polternd die Treppe hochgeht, so eine Art von Vorhängen halt. Hier allerdings spielen sie keine besondere Rolle, außer, dass sie da sind, die Wohnungstüre ist vielmehr weit geöffnet, darinnen steht ein bulliger Slawe, vielleicht 40, 45 Jahre alt, Stoppelhaarschnitt, dunkler Dreitagebart, dazu – dem heiligen Klischee sei’s getrommelt und geklagt – Jogginghose (fürwahr ich verabscheue Karl Lagerfeld, seine vollkommen überflüssige Profession und sein affektiertes Gehabe zutiefst, aber sein Ausspruch, wer Jogginghosen trage (außer zum Joggen natürlich), der habe die Kontrolle über sein Leben verloren, den finde ich gut (wenngleich der Modegreis auf der Paris Fashion Week 2015 Sweatpants und Leggings präsentierte, die er für Chanel zusammengestoppelt hatte, das muss dann wohl was anderes sein)), Muscle-Shirt und Schlappen, freundlich und neugierig grinsend. „He! Ich bin Yevgen, schön, dass Ihr da seid!“ sagt der Slawe in fast akzentfreiem Deutsch, „Ich bin Oxanas Dauer-Verlobter, so eine Art Donald und Daisy.“ Diese Anspielung auf das Walt-Disney-Personal aus diesem Munde verwundert mich jetzt schon ein wenig, aber bevor ich weiter darüber nachdenken kann überschreitet Yevgen die Türschwelle, dängt sich recht rabiat zwischen Caro und mich, umarmt Caro mit seiner rechten Pranke, mich mit seiner linken, presst uns an sich, drückt sodann mir einen feuchten, schmatzendes Kuss auf meine verdutze Wange, wendet sich sodann nach rechts, verpasst Caro einen nicht minder schmatzenden – und nicht minder feuchten, wie ich vermute – Kuss auf ihre Wange, etwas beunruhigt schiele ich trotz der mich umarmenden, einklemmenden Pranke rüber, nein, es ist tatsächlich auch bei Caro die Wange, nicht etwa der Mund, bei dieser slawischen Herzlichkeit weiß man ja nie. Bei aller Verdutztheit, ich spüre hier Herzlichkeit, echte, ungekünstelte Herzlichkeit, und das ist schön, Oxanas Freunde sind automatisch auch die seinen, und selbst ich, nur Freund der Freundin der Freundin, fühle mich von Herzen willkommen. Auch das zum Thema slawische Herzlichkeit. Yevgen vollführt – uns noch immer links und rechts in seinen Pranken – eine 180-Grad-Drehung um seine eigene Achse und schubst uns dann quasi in die Wohnung hinein. Kurz überkommt mich der Gedanke, was wäre wohl, wenn jetzt hinter uns die Türe zufiele und vor uns die Kettensägen ansprängen … würde man uns je finden? Ich bin eine blöde Unke, um dies vorwegzunehmen, da ich diese Zeilen schreibe, bin ich lebend wieder daheim, gleichwohl an diesem Abend zumindest noch zwei Anschläge auf mein Leben unternommen wurden. Wir stehen in einem recht langen Gang, vollgepfropft mit alten Schränken, einer Garderobe und jeder Menge Bilder in Rahmen vom wahrscheinlich 18. Jahrhundert bis Ikea, offensichtlich alles Familienbilder, links und rechts gehen Türen zu den einzelnen Räumen ab, idiotische Bauweise, dieses Gang-zentriete Ensemble denke ich mir. Aus einer der Türen – die Küche, nehme ich an – ruft eine Frauenstimme „Komme gleich, setzt Euch schon mal und lasst Euch was zu trinken geben.“ Ungeachtet dieser Aufforderung geht Caro Richtung vermuteter Küchentür, ich folge ihr instinktiv. „Hallo sagen will ich der großen Köchin wenigstens.“ In der geräumigen Wohnküche steht eine hochgewachsene, schlanke Weibsperson, lange, gewellte, blonde Haare, bemehlte Schürze, einen Löffel in der einen Hand, ein Schüsselchen mit einer Masse darinnen in der anderen, auf dem Tisch vor ihr ein Berg von Teig, zum Teil bereits ausgewellt und zu knapp Handteller-großen Kreisen ausgestochen, klar, Piroggen, denke ich mir, Oxana ist wohl gerade dabei, die Füllung auf den Teig zu geben. Caro umarmt Oxana leicht, Oxana hält ihre Hände mit Löffel und Schüsselchen hoch, als wolle sie Caro nicht beschmutzen, die Mädels begrüßen sich ebenfalls mit Küsschen rechts und links auf die Wangen, sodann kommt Oxana zu mir und tut mir das gleiche. „Können wir Dir helfen?“ fragt Caro. „Nix, Ihr seid Gäste, lasst Euch was zu trinken geben.“ wiederholt sich Oxana. Also folgen wir Yevgen an den Ende des Ganges in das Wohnzimmer, ein Eckzimmer nach vorne raus zur Straße gelegen, sehr hell mit sechs hohen, alten Sprossenfenstern und einem beachtlichen Erker, in dem ein schöner, alter, großer Esstisch mit acht Stühlen drum herum steht; auf der rechten Seite des Raumes niedrige durchgängige Sitzbänke oder Sofas über Eck mit einer Länge von mindestens 7 oder 8 Metern, man erkennt es nicht so genau, denn darüber liegen reichlich bunte, mit aufwändigen Mustern gewebte … tja, da muss ich passen, gewebte Zwischendinger zwischen Decke einerseits und Teppich andererseits, zu dick und hart für eine Decke, zu dünn für einen Teppich – wie heißt man so etwas? – und an den Wänden dicke Kissen mit nämlichen gewebten Bezügen, auf jeden Fall sieht die Sitzgruppe unglaublich gemütlich und lümmelig aus. An der Wand hängt eine offensichtlich sehr alte, auf Holz gemalte Ikone mit der Gottesmutter mit dem Kinde mit goldenem Heiligenschein auf dem Schoß, alles in kräftigen Rottönen, um das Bild herum hängt eine beige, reich bestickte Stola, daneben noch ein wahrlich mächtiges, altes Eichenbuffet und – welch Stilbruch – auf einem Ikea-Sideboard der unvermeidliche Flachbildschirm und die gestapelte Unterhaltungselektronik samt obligatorischem Kabelsalat.

Als Aperitif gibt es Tsuica, auch Țuică geheißen, einen Schnaps aus den Maramures, dem bergigen Grenzgebiet zwischen Rumänien und der Ukraine. Es ist, wie uns Yevgen belehrt, die „Starke Tsuica“, der erste Lauf beim Destillieren des vergorenen Pflaumenweins, der als Basis für den Schnaps dient; wieviel Alkohol das scharfe Gesöff enthält, weiß er selber nicht, aber über 40% seien es gewiss. Drei Pet-Flaschen zu 1,5-Litern stehen bei unserer Ankunft auf dem Tisch, keine Beschriftung, „Von Oxanas Tante daheim, von der letzten Heimreise nicht ganz legal mitgebracht, ist aber heute ja kein Problem mehr.“ erzählt uns Yevgen. Er füllt drei eigentlich typisch russische Stopka-Gläser,  die exakt 100 Gramm Vodka fassen, randvoll und reicht uns zwei; ich rechne kurz nach: bei auch nur 40% Alkoholgehalt wären 12 Gläser davon fast ein halber Liter purer Schnaps , das entspräche knapp ein-ein-halb Flaschen normalen Scotchs, und ich weiß bei Gottfried, wie ich mich nach ein-ein-halb Flaschen Scotch benehme und vor allem, wie ich mich am nächsten Morgen fühle, und ergo beschließe ich, aufzupassen, eine gute Absicht, die die heimtückischen Huzulen konsequent zunichtemachen werden, gewiss im Auftrage der zumindest ebenso heimtückischen Caro. Wo ist Mona, wenn man sie mal braucht? Yevgen hebt sein Glas und sagt mit lauter Stimme „Sa nas!“ um dann gleich noch die Übersetzung hinterher zu schieben „Auf uns!“ Wir stoßen an, Yevgen kippt seine 100 Gramm Was-auch-immer in einem Zug herunter während Caro und ich nur vorsichtig nippen. Es ist scharf, ich glaube, die Pflaume zu schmecken, ungleich stärker jedoch ist der Geschmack von Benzol im Abgang. „Ach was, hau wech den Scheiß! Ex!“ fordert uns Yevgen im besten Werner-Slang auf (der Mann scheint Comics zu mögen), um noch hinzuzufügen „Do dna!“ (was, wie ich auf Nachfrage erfahre, auf Ukrainisch so viel wie „Bis zum Boden“ heißt), irgendwie getrauen wir beide uns nicht, ihm zu widersprechen und leeren brav unsere Gläser in zwei Zügen. Ich ringe nach Luft, Caro ebenfalls, jetzt nur kein offenes Feuer, denke ich mir, gewiss würde sich mein Atem entzünden. In dem Augenblick betritt ein jüngerer Mann den Raum, der mit seinen feuchten Haaren offensichtlich gerade aus der Dusche gekommen ist. „Das ist Juri, Oxanas kleiner Bruder. Juri wohnt mit Oxana zusammen.“ Während Juri uns in gehabter Weise ebenso herzlich begrüßt gießt Yevgen hinter unserem Rücken vier neue Stopka-Gläser Starker Tsuica ein, reicht sie uns, diesmal sagt Juri einen Trinkspruch, wir stoßen an … und bups, wenigstens 50 ml reinen Alkohol im leeren Magen – und wir sind noch keine 10 Minuten in der Wohnung. Immerhin holt Juri einen großen Krug Leitungswasser, so dass man das Teufelszeug zumindest innerlich verdünnen kann. Das dritte Glas von Tsuica dürfen wir dann endlich nippen, nur zur Begrüßung sei es unhöflich, sein Glas nicht „do dna“ zu trinken, werden wir belehrt. Weiter erfahren wir, dass es den ganzen Abend nur Schnaps und Wasser zu trinken geben wird, dies werde ein echtes Huzulisches Essen, Wein, Bier und Saft hätten dabei nichts verloren, man werde nur schrecklich betrunken, wenn man Schnaps, Wein, Bier und Saft durcheinander trinke und am nächsten Morgen wolle man dann sterben. Aber nur Schnaps und Wasser, das sei ungefährlich, zumindest für den geübten Trinker. Wo ist Mona, wenn man sie mal braucht? Aber hoppla, entfährt es mir, „Huzulisch?“, ich dachte, es gibt ein Ukraninisches Essen, and what the hell is „Huzulisch“? „Ich bin ein echter Ukrainer“, belehrt uns Yevgen, „ich stamme aus Kiew, mein Vater stammt aus Kiew, meine Mutter stammt aus Kiew, meine Großeltern stammen alle aus Kiew, so, wie es sich gehört. Aber die beiden, Oxana und Juri, das sind eigentlich keine Ukrainer, Beute-Ukrainer vielleicht, die sind Huzulen.“ Huzulen, so lernen wir, sind ein kleines, fast ausgestorbenes Bergvolk aus den Karpaten, in der Grenzregion zwischen Rumänien und der Ukraine, früher auch als Huzulschtschina bezeichnet. Oxana und ihr Bruder stammen aus der Gegend von Jaremtsche, 50 Kilometer südlich von Iwano-Frankiwsk im Südwesten der Ukraine, immerhin eine Universitätsstadt so groß wie Augsburg, und doch haben wir den Namen noch nie gehört. Die Huzulen sind wohl ein in den bergigen, abgelegenen Ecken der Karpaten hängengebliebenes Turkvolk aus den Zeiten der Mongolenkriege, das es versäumt hatte, wieder abzuziehen und stattdessen langsam christianisiert wurde. Zu Zeiten der kuk-Monarchie waren die Huzulen bekannt für ihre überaus widerstandsfähigen, kräftigen, gutmütigen und intelligenten Huzulen-Pferde; es heißt, ein Huzule kann sich ohne Probleme irgendwo betrinken, seine Saufkumpane legen ihn dann nur auf sein wartendes Pferd und dies trägt den trunken Schlafenden dann sicher und selbstständig heim.

Zwischenzeitlich hat sich auch Oxana zu uns gesellt, die Schürze hat sie abgelegt, eine durch und durch imposante Frau. Yevgen nutz ihr Erscheinen sogleich als Gelegenheit, eine weitere Runde Gläser zu füllen, als erstes reicht er galant Oxana ihr Glas, dann stoßen wir an, und Yevgen sagt – ganz Gentleman – als Trinkspruch „sa ljubow“, übersetzt gleich für uns „auf die Liebe“ und prostet sodann Oxana mit einem liebevoll-schmachtenden Blick zu, den man bei diesem Bär von Mann so gar nicht erwartet hätte. Hexenglauben, Zauberei und weise Frauen spielen in unseren huzulischen Mythen eine große Rolle, wahrscheinlich hat sich Oxana diesen Stadtmenschen, der noch dazu nicht mal ein Huzule ist, einfach verhext, bemerkt Bruder Juri spitzzüngig. Wir plaudern weiter, natürlich über die Huzulen, ein Volk, von dessen Existenz Caro und ich bis zum heutigen Tage überhaupt nichts wussten. Oxana und Juri erzählen begeistert von ihrem Volk, Yevgen grätscht immer wieder mit flapsigen, nicht böse gemeinten und doch mit vorwurfsvollen Blicken quittierten kleinen Seitenhieben eines Nicht-Huzulen in die Erzählungen hinein. Beide sind auf einem abgelegenen Gehöft mitten im Wald geboren, die Familie war für huzulische Verhältnisse bereits wohlhabend, und doch hatte der ganze Clan zusammengelegt, dass Oxana und Juri im fernen Iwano-Frankiwsk studieren konnten, Gleichberechtigung ist selbstverständlich für Huzulen, und da beide Kinder gleich gut in der Schule waren wurden auch beide zum Studieren geschickt. Aber die Geschichte mit der freien Liebe bei den Huzulen, die mal irgendein bescheuerter Deutscher Fernsehsender in die Welt gesetzt habe und auf die sie immer wieder angesprochen würden, das sei vollkommener Blödsinn, beeilt sich Juri zu ergänzen. Beide haben dann auch Deutsch gelernt und sind – wie die meisten Huzulen – ausgewandert, aber als Bruder und Schwester immer irgendwie zusammen geblieben. Heute sind ihre Eltern in ihre alte Studentenbude in Iwano-Frankiwsk gezogen, den Hof haben sie an andere Huzulen verpachtet, und mit dieser Pacht, ihrer staatlichen Rente und einer – für deutsche Verhältnisse – geringfügigen Unterstützung ihrer Kinder leben die Eltern wie die Fürsten in der Stadt. Es zieht Oxana und Juri immer noch ein paarmal im Jahr in ihre Heimat, nicht nur zu den Eltern, sondern auch in die Wälder der Karpaten, wo noch Onkel, Tanten, Cousins, Cousinen, Nichten und Neffen zu Hauf leben. Huzulen haben offensichtlich Familiensinn. Und sie werden von ihren Familien mit Schnaps versorgt. Es duftet nach frisch Gebackenem und Oxana bittet – kommandiert? – Juri „Schaust Du mal bitte nach den Piroggen?“. Brav trinkt Juri sein Glas aus und geht in die Küche, um nach ein paar Minuten mit einer großen Platte mit einem Berg frisch gebackener, heiß dampfender, kleiner Teigtaschen zurückzukommen und sie mitten auf den Tisch zu stellen. Die Piroggen haben vielleicht die Größe eines halben Krapfens, eher noch weniger, und lassen sich bequem in zwei Happen essen. Der Teig ist ein nur wenig aufgegangener, fester, knuspriger Hefeteig, durch viel Schweineschmalz schwer, nahrhaft und mit einem ganz eigenen Geschmack (den man mögen kann oder auch nicht). Gefüllt sind die Piroggen unterschiedlich, mit abgetropftem Schafs-Quark, mit Hack, mit Sauerkraut und Speck, mit Spinat und mit einer Art Brät mit Kräutern, auf jeden Fall sind die Dinger köstlich, natürlich viel zu viel, aber ungemein hilfreich, den bisher ausschließlich flüssigen Mageninhalt etwas zu neutralisieren. Caro und ich schaffen von jeder Sorte gerade mal eine Teigtasche, unsere slawischen Freunde hingegen schlagen zu, als hätten sie gerade die Karpaten abgeholzt und als gäbe es kein Morgen mehr. Trotzdem sind alle drei sportlich-drahtig, während ich eher so aussehe, als würde ich täglich Berge von Piroggen verdrücken. Das Leben kann so ungerecht sein.

Nachdem der Piroggen-Berg abgearbeitet ist trollen sich Oxana und Juri wieder in die Küche, während Yevgen sich daran macht, die leeren Pet-Flaschen, die jetzt auf der Anrichte stehen, endgültig zu entsorgen. Sobald eine Flasche leer getrunken ist, erklärt er uns, darf sie nicht mehr auf den Esstisch gestellt werden, denn das – so glauben die Huzulen – hätte Armut zur Folge, aber das sei ein hirnrissiger Aberglaube, in Wirklichkeit hätten auf dem Tisch stehende leere Flaschen Streit zur Folge, keineswegs Armut. Die Logik muss mir mal einer erklären. Aus der Anrichte holt Yevgen jetzt Geschirr, bunt zusammengewürfelte, meist bemalte Keramikteller und Blechbesteck, und stellt alles mitten auf den Tisch. Die Piroggen waren richtig gut, jedoch Tafelkultur geht irgendwie anders, denke ich mir, halte aber besser meinen Mund. Zum Essen selber gibt es Horincă, auch wieder ein Obstschnaps aus den Maramures, wieder drei 1,5 Liter Pet-Flaschen, diesmal mit angeblich mindestens 50%, aber darum geht es nur sekundär. Diese Horincă – auch wieder von Oxanas Tante –wird gebrannt nicht nur aus Pflaumen, sondern aus jeglichem Fallobst, was sich im Herbst in den Karpaten findet, Äpfel, Birnen, Vogelbeeren, Mispeln, Zwetschgen, aber auch Heidelbeeren Brombeeren, Himbeeren. Wichtig ist angeblich beim Sammeln, dass die Früchte bereits anfangen zu faulen, und Kleintieranteil in Form von Würmern, Maden, Larven, Mücken, Fliegen ist ausdrücklich erwünscht, je mehr, desto besser. Endlich mal ein Schnaps, den uns diese vermaledeiten Veganer garantiert nicht wegsaufen. Aus diesen verwesenden Früchten wird Wein vergoren, dieser zweimal, manchmal auch dreimal gebrannt, und dann in Maulbeerbaum-Fässern wenigstens ein Jahr lang gelagert, woher die Horincă auch ihre goldgelbe Farbe hat, so dass man sie auf den ersten Blick durchaus mit einem Scotch verwechseln könnte (der erste Schluck jedoch belehrt einen sofort eines Besseren). Ich versuche, nicht so genau hinzuhören, als uns Yevgen von der Herstellung der Horincă erzählt, aber das klappt nicht so richtig, ständig habe ich das Bild vor Augen, wie ein Eimer mit einer dunklen, halb gärend-blubbernden, halb zappelnd-windenden Flüssigkeit in eine Destille gekippt und dann gebrannt wird; ganz schlimm wird dieses Bild vor Augen wenn ich mir vorstelle, was nach dem Destillieren noch als Rest in der Brennblase vorzufinden wäre. Yevgen gießt drei Gläser zu 100 Gramm mit dem Gebräu voll, reicht Caro und mir je eines, ich kann nicht anders, fasse mir ein Herz und bringe den einzigen Trinkspruch aus, den ich auf meinen Siebenbürgen-Reisen gelernt habe: „În sănătatea noastră!” – Auf unsere Gesundheit! –, er scheint zu verstehen, lacht und klopft mir verständnisvoll auf die Schulter. „Kann ich nachvollziehen, aber glaub’ mir, alles nicht so schlimm, wie es sich anhört, ist ja alles gut erhitzt.” Nach dem ersten Schluck muss ich Yevgen Recht geben, es ist nicht so schlimm, wie es sich anhört – es ist weitaus schlimmer. Aber nach ein paar Gläsern wird sich auch dieses Problem in sanften Alkoholwolken auflösen.

Jetzt kommen Oxana und Juri mit der Hauptspeise, zwei Töpfe voll mit Bánosh, dem Nationalgericht der Huzulen, wie uns erklärt wird. Ich dachte immer, die rumänische Mămăligă sei das Fetteste und Nahrhafteste, was Menschen zu kochen in der Lage sind, aber Bánosh toppt das leicht. Bánosh, das ist ein Maisgrießbrei, gekocht mit Sahne, saurem Rahm und Wasser – „Damit es nicht so schwer wird.”, sagt Oxana, „nicht so schwer”! –, dazu reichlich Bauchschwarten vom Schwein und reichlich geräucherter Speck. Wenn der Brei fertig ist, werden die Bauchschwarten herausgefischt, abgewaschen, trocken getupft, in dicke Streifen geschnitten und bei hoher Temperatur quasi im eigenen Fett angebraten. Serviert wird der Bánosh dann mit den außen krossen, innen vollfetten Bauchschwarten-Stückchen, dem Räucherspeck, zerbröseltem Schafskäse und übergossen mit dem  Speckfett, in dem nochmals reichlich Butter aufgeschäumt wurde. Daher anfänglich die Bemerkung, dass Caro mich wohl mit Hilfe der Huzulen ermorden will: solch ein Essen und solche Mengen Alkohol, das kann eigentlich kein normaler Mensch überleben. Juri und Yevgen greifen sichtlich begeistert mit strahenden Gesichtern zu, schaufeln sich beide mit einem großen Löffel Bánosh mit möglichst viel Fett auf die Teller. „Caro hat gesagt, dass fettes Fleisch und Innereien nicht so Deins sind,” sagt Oxana freundlich zu mir, „deshalb habe ich Dir noch eine Light-Version gemacht, quasi ein Diät-Bánosh.” Tatsächlich, in dem zweiten Topf ist zwar auch Maisbrei, aber statt der Berge von Fett eine Pilz-Sahne-Soße oben drauf, dazu ein paar krosse Speckstreifen. „Das sind eigelegte Steinpilze von daheim.”, sagt Oxana stolz. Nein, ich denke jetzt nicht darüber nach, wie viele Becquerel Waldpilze aus der Ukraine dieser Tage wohl noch haben mögen, nachher gelte ich noch als Nörgler und werde nicht wieder eingeladen. Tapfer nehme ich mir einen Löffel Bánosh, Caro entscheidet sich auch lieber für die „Light-Version”. Oxana gießt mir ohne zu fragen noch Speckfett darüber und bröselt mit der Hand ein paar Bröckchen von einem weißen Käse dazu, Brýndsja, wie sie erklärt, ein Schafsmilchkäse, natürlich auch von daheim, entfernt verwandt mit dem Österreichischen Brimsen und doch nicht vergleichlich. Der Maisbrei ist unglaublich cremig, klar, durch das viele Fett, salzig und leichter Rauchgeschmack durch den Speck, mir persönlich fehlt Muskatnuss, aber die gibt es in den Karpaten wahrscheinlich nicht. Die Pilzsoße ist ebenfalls richtig fett, die Basis ist eine mit Sahne abgelöschte Einbrenne, in der dann die kleingeschnittenen eingemachten Pilze kurz gekocht werden, zusätzlich werden getrocknete Steinpilze als „Geschmacksverstärker” hinzugegeben, erklärt Oxana. Der Käse schließlich, der ist eine Liga für sich, er sieht harmlos aus,  fast geruchlos, man erwartet einen säuerliches, Quark-ähnliches Etwas … und dann hat man einen richtig streng, irgendwie nach Lösungsmittel schmeckenden, zähen Klumpen im Maule. Meine gute Erziehung hält mich davon ab, diesen Klumpen – ich weiß nicht, ob die Huzulischen Schafe mit Plastikresten gefüttert werden, oder ob die Bottiche bei der Herstellung den Geschmack prägen, oder ob das Zeugs einfach (entschuldige, Oxana, falls Du das lesen solltest) scheiße ist, ich vermute Letzters – sofort im hohen Bogen durch den Raum zu spucken, mit Grausen würge ich das Zeugs herunter und nehme zwei Gläser Horincă hintereinander, destillierte Maden sind allemal besser als das. Höflich stupse ich die restlichen Käsebröckchen beiseite und versuche, um den Brýndsja herum meinen Brei zu löffeln. Mit Schmunzeln stelle ich fest, dass es Caro genau wie mir ergeht, auch sie nimmt einen Brocken Brýndsja, würgt, spült mit Horincă nach und schiebt den restlichen Käse beiseite. Aber insgesamt muss ich sagen, dass bei diesem Essen Alkohol und Fett gut zusammen passen, sie bilden soetwas wie ein Gleichgewicht des Schreckens. Man wird nicht wirklich trunken im Kopfe, das Fett scheint die natürliche Wirkung des Alkohols zu neutralisieren; und Magen und Verdauungstrakt rebellieren nicht vollends angesichts der Fett-Orgie, der Alkohol seinerseits scheint irgendwie wiederum das Fett zu neutralisieren. Und dennoch widerhole ich meine Eingangs-Hypothese: jemand, der einen anderen, einen Nicht-Huzulen wissentlich solch einem Alkohol- und Fett-Exzess aussetzt, der muss Mordabsichten haben. Natürlich loben wir beide das Essen und die Kochkunst, aber, um ehrlich zu sein, das war zum Teil gelogen. Die Piroggen waren richtig genial, aber Bánosh, das ist nicht wirklich Meins, es sei denn, ich hätte irgendwann man die halben Karpaten mit der Hand abgeholzt oder ich säße bei -30° eingeschneit in einer Hütte in den Bergen, das sind die einzigen beiden Gelegenheiten, bei denen ich mir vorstellen kann, dass Bánosh das passende Gericht wäre, aber nicht in der Beletage eines Nürnberger Mietshauses in einem miesen lauwarmen Deutschen Frühling.

Der Nachtisch schließlich ist enttäuschend, obwohl unsere Gastgeber uns wohl eine ganz besondere Freude machen wollten: eine ziemlich große, industriell gefertigte Sahnetorte, wie sie in Russischen Supermärkten verkauft werden, imposant anzuschauen, schon wieder Fett und Sahne, diesmal auch noch Zucker und Schokolade. Aber lassen wir das. Der Abend klingt irgendwann friedlich und freundlich aus. Bei der dritten Flasche Horincă fangen Yevgen und Juri an zu singen, offensichtlich traurige slawische Weisen, wahrscheinlich in Ukrainisch, zuweilen fällt Oxana mit ein. Wir plaudern über Gott und die Welt, vor allem aber fragen Caro und ich unseren Gastgeber ein Loch in den Bauch über Huzulschtschina und die Huzulen. Wir beide beschließen, dass wir dort unbedingt mal hinreisen müsse, sicher sei es in Rumänien und der West-Ukraine, versichert uns Yevgen. Soweit es mein venebelter Schädel zulässt, versuche ich nochmal nachzurechnen: 6 Pet-Flaschen á 1,5 Liter Schnaps, und sagen wir pauschal mal mit 45% Alkohol, das macht 9 Liter Schnaps oder 4 Liter reinen Alkohols, bei fünf Personen macht das 800 ml reinen Alkohol pro Person. Ich habe an dem Abend zwar gut zugeschlagen, aber ganz gewiss nicht 800 ml reinen Alkohol getrunken, und Caro mit Sicherheit auch nicht. Aber die Flaschen stehen leer auf dem Buffet. Also müssen unsere Unkrainischen Freunde … Ich mag hier gar nicht weiter denken. Gegen 03:00 Uhr fallen wir in’s Taxi und fahren in’s Hotel, der nächste Morgen wird gewiss grausam …

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