Auf der Suche nach der Deutschen Gastronomie: VI. Althoff Hotel Fürstenhof in Celle

Tag 3: Eisennach – Celle, 250 Kilometer, 4 Stunden Fahrtzeit, Übernachtung im Althoff Hotel Fürstenhof Celle, Mittagsimbiss im San Marino, Abendessen im Schweineschulze


Wir fahren die östliche Route nach Norden, Richtung Celle, zum einen, weil wir das anarchistische Göttingen mit seinen abgewohnten Hochhäusern voller Corona-Verdammter umgehen wollen, zum anderen, weil im Osten die Straßen weitaus besser in Schuss sind als in der alten Republik, zum Dritten schließlich, um die verkommende Badestadt Langensalza, die Schnapsstadt Nordhausen und die Ausläufer des Harzes mitzunehmen. Hinter Sonderhausen erhaschen wir ein paar Blicke auf den Kyffhäuser. „Ich warte, bis die Zahl komplett, / Dann schlag ich los und befreie / Mein Vaterland, mein deutsches Volk, / Das meiner harret mit Treue.“ Wahrscheinlich alles Dichtung und Lüge, dabei wär’s so bitter nötig. Viele tote Baumflächen am Harz, vertrocknet, die Zeiten ändern sich, was sich nicht mitändert, verdorrt und stirbt. Goslar passieren wir mit Schwermut, ebenso Braunschweig, Heinrich, wir brauchten auch dich jetzt und hier, und keine alkoholkranke Pissnelke. In Celle kommt das Gemüt zur Ruhe. So viel Harmonie, Verwaltungsstaub, altfränkische Biederkeit, da wallt nichts, weder im Guten noch im Schlechten. Althoffs Fürstenhof liegt mitten in der Stadt, in Sichtweite  der Altstadt und des Schlosses, der alten Residenz der Herzöge von Sachsen-Wittenberg. Die Prospekt-Photos des Fürstenhofs im Internet zeigen immer ein recht ansehnliches, zweigeschossiges Gutshaus in Fachwerkbauweise mit mächtigem Erker und sehr schönen, alten Türen und großen Sprossenfenstern, dazu einen länglichen eingeschossigen Anbau aus Fachwerk und Ziegel mit einem der hauseigenen Restaurants und einen hübschen, romantischen Innenhof. Was die Prospekt-Photos allesamt nicht zeigen, ist der neue Anbau, eine sechsgeschossige hässliche Bettenburg in dem architektonischen Stil, in dem man in den siebziger Jahren die Maritim-Hotels hochgezogen hat. Von daher ist das ganze Hotel-Ensemble teils hübsch, teils hässlich, womit wir bei der Feuerzangenbowle wären: „Hübsch hässlich habt Ihr’s hier …“ Die nüchterne, kleine Rezeption zählt dann eher zum hässlichen Teil, daneben die große, prächtige, reichlich und geschmackvoll ausgeschmückte Halle zum hübschen Teil. Unser Zimmer – obwohl als alles andere als billigere Kategorie – liegt im modernen Teil des Komplexes, man erreicht es über eine enge, geschlungene Treppe, Lift hier Fehlanzeige. Das Zimmer selber ist dann ein typisches Na-Ja für deutlich über 200 EURO. Die Basics sind da, halbwegs sauber scheint es auch zu sein, keine Pflegeprodukte im Bad, sondern nur klausicher an die Wand geschraubte Quetschflaschen mit Waschflüssigkeit, zudem fällt mir der völlig verkalkte Duschkopf auf (sowas verkalkt nicht von einem auf den anderen Tag, und da fragt mach sich schon, wie Zimmermädchen und Hausdame eines Fünf-Sterne-Hauses sowas über Wochen und wahrscheinlich Monate übersehen können), es gibt nur einen Sessel für zwei Gäste, überhaupt ist der Raum so klein, dass es noch nicht einmal einen Klapp-Schemel oder eine Ablage für Koffer und Reisetasche gibt, die muss man irgendwie zwischen Bett und Balkon auf den Boden legen. Vom Balkon blickt man in den Innenhof, der Rasensprenger sprengt monoton, aber zuverlässig, zwei feine alte Damen trinken auf der Terrasse Kaffee und Prosecco und blicken böse zu uns rauf. Nach einer Dusche legen wir uns kurz hin, später beim Verlassen des Hotels bitte ich an der Rezeption um zwei weitere Kissen, da die Dinger doch sehr inhaltsleer sind; als wir zurück in’s Hotel kommen, werden tatsächlich zwei weitere Kissen auf dem Bett liegen, aber der oder die Kissenbringer/in werden es nicht für nötig befunden haben, das vom Mittagsschlaf halbwegs zerwühlte Bett wenn schon nicht neu zu machen, so doch zumindest etwas zurecht zu machen, nein, Kissen einfach auf das zerwühlte Bett gelegt. So geht Fünf-Sterne-Service bestimmt nich! Liest man bei der Althoff-Gruppe selber nach, so findet man unter dem Punkte „Philosophie: Unser Schaffen dreht sich um die Erlebbarkeit des Besonderen: Wir schaffen Räume, in denen sich unsere Gäste, Mitarbeiter und Partner entfalten können und Begeisterung erleben dürfen.“ Ich hatte solche Räume in Althoff-Hotels bereits, in Bensberg, in der Villa Abion, am Schlossgarten in Stuttgart, und ich bin gespannt, was sie aus dem Dom-Hotel in Köln machen; aber dieses Hotelzimmer in Celle könnte auch als altfränkische, gut gepflegte Drei Sterne superior durchgehen. Wirklich schade. Am Abend wird mich ein improvisierter Drink von der unbeholfen-freundlich-dienstbereiten, mutterselenalleinen Jung-Rezeptionistin in der ausgesprochen hübschen – doch weitgehend menschenleeren – Hotelhalle etwas entschädigen, aber ansonsten ist das Hotel weitgehend im Corona-Tote-Hose-Loch: Auto selber in der Tiefgarage parken, SPA geschlossen, Bar nicht in Betrieb, kein Keeper weit und breit, Zimmerservice ich glaube zusätzlich 8 EURO pro Bestellung, vorkonfektioniertes Spar-Frühstück, das macht keinen Spaß, und warum ich bei einem gebürtigen Franken mit Ausbildungs-Stationen in Würzburg, München, Tegernsee, schwäbischer Provinz ausgerechnet italienisches Nobelfresschen bei einer Reise durch Niedersachsen essen soll (ich meine Küchendirektor Holger Lutz, der nach der Schließung des gar nicht mal so schlechten, von ihm geleiteten Endtenfang vor zwei Jahren wegen Unwirtschaftlichkeit, ich glaube zum Schluss mit 17 Gault-Millau Punkten, das zweite Hotel-eigene Restaurant Taverna & Trattoria Palio unter dem Schlagwort „Mediterrane Aromaküche“ bekocht), entzieht sich meinem Verständnis.


Althoff Hotel Fürstenhof Celle
Managing Director Ingo Schreiber
Küchenchef Holger Lutz
Hannoversche Straße 55/56
D-29221 Celle
Tel.: +49 (51 41) 20 10
Email: info@fuerstenhof-celle.com
Online: www.althoffcollection.com/de/althoff-hotel-fuerstenhof-celle

DZ Ü/F 132 € bis 308 €

Teile diesen Beitrag:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.