Arkadien liegt heute in Oberbayern, zumindest optisch

Summa summarum: Ein schlechtes Bier und ein Wurstsalat in einem zünftigen Biergarten mit wunderschöner Aussicht, dafür taugt dieses Gasthaus allemal, nur bloß nicht ohne Not dort ausgiebig essen wollen.

„Boa-ey, gleich zwei Fendt 1050 Vario, geil-ey.“ Die jungen männlichen Eingeborenen sind vollends begeistert, blicken hinab in’s Tal auf die ausgedehnten hügligen Wiesen, wo zwei Schlepper das Gras mähen, verdichten, verschnüren und im Akkord auf parallel fahrende Anhänger spucken. Wir sind nur genervt von der brumm-quietsch-schnippel-schepper-doing Geräuschkulisse, die jungen männlichen Eingeborenen hingegen sind offensichtlich vollends entzückt. „Das sind die vom Neuerer, oder?“ fragt einer in einem Dialekt, der sich der schriftsprachlichen Transkription und Fixierung zur Gänze verweigert. „Ja, das kann sich hier nur der leisten, der hat’s ja.“ antwortet ein anderer offenbar nicht gänzlich frei von Neid in nämlichem Idiom. Während die Jungs – alle so zwischen 20 und 25 würde ich vermuten – an der Brüstung des Balkons des Rosenheimer Landes gaffen, stehen die Mädels – alle offensichtlich einen Tick jünger – etwas abseits, hinten bei der Kirche, gackernd, tuschelnd, sich gegenseitig ihre Funken zeigend, um dann nochmals herzhafter zu gackern. Und das Rollenklischee galoppiert wiehernd durch das ganze Tableau. Alle tragen einheitliche Tracht, die Jungs Lederhose und Haferlschuhe, die Mädels Dirndl-Derivate, die einen mit Turnschuhen, die anderen mit Schnallen-Pumps, die dritten mit Stiefeletten, eine recht unglücklich gemäßigte High-Heels, hier draußen in der Wildnis. Irgendwann finden die betrachteten Jungs und Mädels zusammen, an einem großen runden Stammtisch im Biergarten, die alte bajuwarische Bedienung kennt sie offenbar gut und wahrscheinlich seit ihrer Geburt, in solchen Gasthäusern werden die örtlichen Taufen, Geburtstage, Verlobungen, Hochzeiten, Jahrestage und Beerdigungen allesamt gefeiert, und hier schon seit 1732, da kommt einiges zusammen, praktisch das hübsche Kirchlein gleich daneben, ursprünglich aus dem 12. Jahrhundert, im 17. Jahrhundert dann barockisiert, nur der Friedhof fehlt.  Unter uralten Bäumen ein wunderschöner, uriger Biergarten mit Blick über Wiesen und Wälder in’s Mangfall-Tal und auf Rosenheim, die mächtige Alpenkulisse dahinter, im Sommer gibt’s „Boarische Musi im Biergarten“, dazu ein altes Anwesen, immer wieder erweitert in unterschiedlichsten Baustilen, nicht immer wirklich hübsch, aber immer ländlich-authentisch, der große Parkplatz vor dem Haus gibt beredt Zeugnis, wie viele Menschen hier gleichzeitig verköstigt und beherbergt werden können: ziemlich viele, obwohl der umliegende Weiler selber recht klein ist, aber hier kommen die Leute auch von weiter her, um zu schmausen, zu zechen und zu feiern, allerdings kaum Münchner Stadtfräcke, Schicky-Micky-Gesocks und Touristen, eher richtige Menschen. So muss Arkadien 4.0 heute aussehen … denkt sich der unbedarfte Neuling.

Auch die Speisekarte sieht erfreulich aus, sehr erfreulich. Im Frühling gibt’s Spargel, im Sommer Kräuter, im Winter Gänse. Dazu offensichtlich solide Hausmannskost: Schweinekrustenbraten mit Soß aus dem Reindl und Kartoffel- und Semmelknödel, gebratener Kalbstafelspitz mit Morchelsauce, Wiener Schnitzel vom Kalb aus Muttertierhaltung, ein paar kulinarische Allgemeinplätze wie Finkenwerder Scholle (in Oberbayern!), Truthahnschnitzel oder Steak, dazu zünftige Brotzeiten mit Woll- und Milzwürsten, Wurstsalat, Presssack, Obzada (??? steht so in der Speisekarte) und Bauerngeräuchertem, schließlich Desserts jenseits von Mövenpick, statt dessen Rhabarber-Scheiterhaufen oder Weißes Schokoladen-Mousse mit frischenFrüchten, das klingt alles sehr erfreulich, unterstützt noch von einer ziemlich professionell gemachten Webpage, einer viel zu professionell gemachten Webpage für ein bayrisches Dorfgasthaus würde ich heute sagen, da sieht man krosse Schnitzel mit abgehobener Panade, flambierte Filetstreifen, Braten in glänzender Sauce mit Spätzle, einen dicken, vertrauenserweckenden Koch, der offensichtlich eine Rösti in der schweren Gusseisenpfanne im Fluge wendet, knackige grüne Salatschüsseln, diese Photos sind – bei Licht betrachtet – viel zu professionell, als dass sie von einem kleinen Dorfphotographen und Webdesigner stammen könnten, und ein Dorfgasthaus, das für seinen Web-Auftritt mehr als einen kleinen Dorfphotographen und Webdesigner engagiert, steht unter Generalverdacht.

Ein Generalverdacht, der sich bestätigt. Für Biere vom Rosenheimer Auerbräu kann kein Wirt kurzfristig was, das sind ewig lange Verträge für – wie ich finde (mit dieser Parenthese bin ich rechtlich auf der sicheren Seite) – lausiges Bier, die einem Wirt anhängen wie Sackflöhe. Muss aber auch nicht sein, Aying ist schließlich in der Nähe. Die Rinderkraftbrühe schwächelt massiv, die Spargelsuppe schmeckt mehr nach Sahne als nach Spargel. Die Matjes zur Vorspeise sind matschiger Fisch wahrscheinlich in Convenience-Salat-Creme mit Apfel, Zwiebel und lauwarmen, verkochten, aufgewärmten Kartoffelbrocken. Wiener Schnitzel vom Kalb aus Muttertierhaltung muss an Altersschwäche gestorben sein, faseriges, wässeriges Fleisch mit reichlich Fett und Sehen unter der Panade, die Tiefkühl-Pommes in die viel zu kalte Fritteuse geworfen und daher vollgesogen mit Fett. Der Schweinsbraten ganz ok, ob Knödel und Sauce tatsächlich selbst gemacht waren, würden wir massiv bezweifeln. Das hauseigene Teufelssteak macht seinem Namen alle Ehre: furztrockenes, faseriges Truthahnfleisch unter einem rötlichen Brei mit matschigem Gemüse: Der Teufel hätte gewiss seine Freude an sowas, zwecks Kasteiung armer Sünder. Der Nachtisch dann schlichtweg ein Sprühsahne-Fiasko.

Ein schlechtes Bier und ein Wurstsalat in einem zünftigen Biergarten mit wunderschöner Aussicht, dafür taugt dieses Gasthaus allemal, nur bloß nicht ohne Not dort ausgiebig essen wollen.

Den Namen des Gasthauses darf ich nicht nennen, Caro mag es nämlich und ist hier ganz anderer Meinung als ich, und sie grantelt gerade mit mir wegen dieses Artikels.

Hauptgerichte von 10,80 € (Matjes Hausfrauenart) bis 17,80 € (Hüftsteak mit Salat), Drei-Gänge-Menue von 19,10 € bis 36,60 €Doppelzimmer mit Frühstück (pro Zimmer, pro Nacht) 89 € bis 109 €

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