Another day living in luxury

Ich Dummerchen hatte tatsächlich mal geglaubt, Manager hätten ein tolles Leben, First-Class-Flüge, Luxus-Hotels, auskungeln von Verträgen unter old pals auf Golfplätzen, bei Cocktail-Partys und in Edel-Restaurants, noble Büros mit großen Mahagoni-Schreibtischen und tiefen Lederfauteuils hinter großen, nur schwer überwindbaren Vorzimmern … Tja, willkommen in der Realität.

07:20 Maschine nach Genf, das heißt bei den immer unberechenbarer und häufiger werdenden Staus auf den Autobahnen und besonders der verfluchten A99, dem Münchner Autobahnring, mittlerweile selbst zu Nicht-Stoßzeiten, spätestens 04:30 Uhr mit dem Taxi losfahren, das heißt – je nachdem – um 03:30 oder spätestens 04:00 aufstehen. Oft ist man dann um 05:30 am Flughafen, also zwei Stunden vor Abflug und hat viel Zeit, manchmal aber auch erst um kurz vor 07:00, also eine knappe halbe Stunde vor Abflug, und  dann ist das verhasste Airport-Jogging angesagt, mit Anzug, Krawatte, Budapestern, Aktentasche und – je nach dem, ob man übernachtet – Samsonite- oder Rimowa-Trolley  im vollen Galopp durch den Flughafen zum Gate K oder G, natürlich immer ganz, ganz hinten, gerne auch mit Bus und Außenposition, sodann durchgeschwitzt in den Flieger, durchgeschwitzt auch für den Rest des Tages, denn man hat ja bereits sein Business-Dress für die späteren Meetings an und keine Gelegenheit mehr, sich umzuziehen, geschweige denn, zu duschen. Deshalb hasse ich Airport-Jogging, bin lieber rechtzeitig am Flughafen und mache Alles in aller Ruhe. Heute habe ich Glück, erreiche den Flughafen um 05:45, lasse die Sicherheitsprozedur über mich ergehen – nein, das sind keine Sprengstoffpäckchen an meinem Bauch, das sind Narben und Verwachsungen von einer schweren Operation, und Sie können Ihre Pfoten da jetzt wieder wegnehmen, zum zweitausendsten Male, zefix – und begebe mich in die Lufthansa-Lounge, wo wir alle sind, privilegierte Geschäfts-Reisende in Warteposition. Das Frühstück ist wie immer köstlich, ich lasse die Finger von dem matschigen Obstsalat, der traurigen Wurst, dem welligen Käse und dem warmgehaltenen Tetrapack-Rührei und widme mich statt dessen den lauwarmen, verschrumpelten, teils verbrannten, teils bleichen Nürnbergern aus der Bain Marie, dazu ein Tütchen Develey Senf, zwei halbwegs erträgliche Semmeln und ein doppelter schwarzer Kaffee aus der WMF-Gastro-Maschine in einem Teeglas (weil Kaffeetassen gibt’s hier keine so großen, und ich bin zu faul, zweimal zu laufen), als Abschluss dann noch eine hübsch anzuschauende, aber durch und durch unreife Banane. Das also ist das Frühstück des Business-Class-Reisenden in der Lounge, das Frühstück, das später im Flieger serviert werden wird, wird nochmals um einiges schlimmer sein (aber der O-Saft, den die Lufthansa Morgens in ihren Maschinen ausschenkt, der ist gut; ab Vormittags gibt es dann nur die übliche Tetrapack-Qualität, aber Morgens ist der O-Saft richtig gut, wüsste gerne, warum).

Kurz vor 09:30  in Genf, sogar überpünktlich, aber dieser Flughafen hat so endlos lange Laufstrecken, zwar mit Fahrbändern, aber dennoch, es ist fast 10:00, als ich den Taxistand erreiche. Eigentlich dauert die Fahrt in die Innenstadt eine gute viertel Stunde, aber heute ist’s mal wieder fast eine Stunde, scheiß Staus. Man sollte den anderen endlich mal das Autofahren verbieten, damit ich leere Straßen für mich habe, ich werde das den Öko-Faschisten mal vorschlagen. Kurz vor 11:00 in der noblen Anwaltskanzlei, die Kollegen sind schon da, die Anwälte begrüßen uns überfreundlich (sind ja schließlich unsere, und bei dem Stundensatz kann man Überfreundlichkeit quasi erwarten), die Gegenseite nur höflich-artig, gesund misstrauisch, würde ich sagen. Kurze interne Vorbesprechung in einem separaten  Raum, die Kollegen und Wirtschaftsprüfer aus Zürich per Telephon dazu geschaltet, dann geht’s in den großen Meeting-Raum mit überraschend spartanischer Einrichtung, auf den Tischen steht diverses Gebäck in Pappkartons, vielleicht aus dem Supermarkt, vielleicht vom Bäcker, aber gewiss nicht von Sprüngli, dazu Dosen Perrier und Plastik-Flaschen Evian, auf Wunsch höllisch starker Kaffee in kleinen Pappbechern aus einer vermaledeiten Kapsel-Maschine von Nestlé, ich verzichte dankend. Das Gebäck ist so lala, vor allem süß und kalorisch, aber nicht wirklich sättigend. Eine Schale Obst wäre mir jetzt lieber, gibt’s aber so gut wie nie. Wir alle haben Stapel von Papieren vor uns, zweisprachige Vertragsentwürfe mit roten Annotationen der Anwälte, dann selber am Vorabend oder im Flieger sorgfältig durchgearbeitet, eigene handschriftliche Notizen am Rand, ein Paket von sechs Verträgen und Vereinbarungen, 142 eng beschriebene Seiten zusammen, Dank der Zweisprachigkeit aber tatsächlich nur 71 Seiten, das sollte in einem Tag zu schaffen sein, wenn sich die Gegenseite nicht allzu bockig anstellt. Einer der Senior-Partner der Anwaltskanzlei übernimmt die Moderation, führt auf Englisch durch die Französisch-Deutschen Verträge, aber das ist nun mal die Lingua Franka, die wir alle halbwegs – die einen mehr halbwegs, die anderen weniger halbwegs – verstehen: mühsam. Schon auf der zweiten Seite geht es los: die Person so-und-so hält nicht 10, sondern 15 Geschäftsanteile, da hat ein Junior-Anwalt beim Vertrags-Pinseln geschlampt, geschenkt, und doch überflüssig und ärgerlich, aber tatsächlich mit einem der berühmten Federstriche aus der Welt zu schaffen. Bald wird’s dann schon hagliger: sind die Garantien objektive Garantien, oder nur nach bestem Wissen, Sicherheit via Kaufpreiseinbehalt oder via Treuhandkonto, und wer bezahlt den Treuhänder dann, ganz heikles Thema Höhe der Sicherheiten – „Sie haben doch eine Due Diligence gemacht, Sie haben doch keine nennenswerten Risiken gefunden!“ „Die gefundenen Risiken haben wir bereits eingepreist, der Sicherheitseinbehalt ist ja für die unbekannten Risiken!“ „Aber wozu haben Sie denn so viel unnütze Fragen gestellt, in der Due Diligence, wenn Sie doch nicht alles angeschaut haben?“ „Wir können doch nicht jede Eventualität prüfen, dann säßen wir heute noch im Datenraum, und trotzdem gibt es immer unbekannte Risiken.“ – und so weiter und so fort, die üblichen Streitereien halt. Aber niemals die Verhandlungen selber den Juristen überlassen, dann wird’s teuer und kompliziert, je mehr sie streiten, desto mehr verdienen sie, also streiten sie gerne und viel,  und irgendwann übersteigen die Anwaltshonorare die möglichen Risiken. Die Anwälte sollen wirtschaftliche Verhandlungsergebnisse rechtssicher aufschreiben, sonst nichts. Und Mittagessen bestellen. Tja, und das besteht dann aus Sandwiches im Pappkarton. Industrielle Backlinge, aufgeschnitten, darinnen dann mäßiger Schinken, fast immer mieser Lachs, manchmal grauslige Thunfisch-Creme, unterschiedlichste Hartwürste, für die Vegetarier irgendwelche Käse, in letzter Zeit immer öfter für die vollends Essgestörten Tofu oder gegrilltes Gemüse, dazu in allen Sandwiches Grünzeugs, verwelkte Salatblätter, wässrige Tomatenscheiben, Gurken, Rucola, man hat den Eindruck, was halt weg muss, manchmal auch noch Konservierungsstoffe-schwangere Salat- und Sandwich-Cremes. Da spricht man über Millionen-Beträge – nicht Milliarden, ich bin nur ein ganz ein kleiner Business-Man – aber immerhin Millionen, und spachtelt dann gemeinsam miese Sandwiches von Papptellern, immer und immer wieder. Nun gut, für einen gemeinsamen Restaurantbesuch fehlt die Zeit, außerdem würde ein ausführlicheres Essen auch träge, müde, streit-faul, im schlimmsten Falle sogar nachgiebig machen, aber es muss doch irgendetwas geben zwischen Nobelfresschen und Pappschachtel-Sandwich. Mag es sicherlich geben, mir ist es in 25 Jahren Business-Man-Dasein noch nicht untergekommen.

Die Verhandlungen gehen länger als geplant, viel länger, die Gegenseite ziert und sträubt sich – sie sagen gewiss das Gleiche von uns –, es ist 22:00 Uhr, als wir uns freundlich lächelnd die Hände schütteln und uns gegenseitig unserer tiefen Wertschätzung versichern, die nicht getrübt worden sei durch die diversen Dissense des vergangenen Tages, 11 Stunden Verhandlungen nahezu am Stück, bis auf die paar Auszeiten, die sich jede Seite mal genommen hat, um besonders kritische Punkte nochmals intern zu diskutieren. Die Anwälte werden angewiesen, alles getreulich aufzuschreiben, was sie gerne tun, denn damit verdienen sie ihr Geld. Für einen gemeinsamen Champagner ist es noch zu früh, den gibt’s erst, wenn die Tinte unter der Verträgen trocken ist; und auf ein gemeinsames Dinner oder auch nur einen Absacker hat keiner der Anwesenden wirklich Lust, wir hatten uns den lieben langen Tag, da ist man dann froh, wenn man rauskommt und noch was / wen anderes sieht, manch einer will auch zu seiner Familie oder Geliebten. Also Taxi zurück nach Cointrin, die letzte Maschine ist längst weg, ich will am nächsten Morgen wenigstens gleich den ersten oder zweiten Flieger nehmen, daher Hotel direkt am Flughafen, 5-Sterne-Kette, mieses, für fünf Sterne heruntergekommenes Haus, das dank seiner privilegierten Lage schon mal locker 400 Franken aufruft für ein mieses Zimmer – keine Suite, ein einfaches, mieses Zimmer – zuzüglich 34 Franken für ein mieses Frühstück. Immerhin hat ein Restaurant im Hause noch geöffnet um diese Zeit, und ich habe jetzt nach diesem Tag wirklich Hunger. Voller Vorfreude und Gottvertrauen bestelle ich mir ein Clubsandwich mit Fritten, sowas sollten die hier doch zuverlässig können. Was dann kommt ist getoastetes Weißbrot mit kalten, gekochten oder gebratenen Brocken (Brocken, nicht Scheiben) von totem Huhn, verwelkten Salatblättern mit braunen Stellen, wässrigen Tomatenscheiben, die das Toastbrot in eine feucht-wabblige Masse verwandeln, wo es nicht von einer Konservierungsstoffe-schwangeren, übel-schmeckenden Fettcreme quasi imprägniert wird, dazu als krönendes Highlight ungebratene, wabblige Bacon-Scheiben. Als wäre das nicht genug, als Beilage gibt’s Fett-triefende Fritten, die in die viel zu kalte Fritteuse geworfen wurden, so dass sich die Tiefkühl-Pommes beim Auftauen so richtig voll mit dem lauwarmen – und ganz nebenbei: uralten – Frittierfett saugen konnten, aber dafür salzarm, sprich komplett ungesalzen. Ausgesprochen frustriert und hungrig wechsle ich vom Bier zum Scotch, schlafe bald und tief und fest, habe am nächsten Morgen Kopfschmerzen und bin immer noch hungrig, woran weder besagtes Hotelfrühstück für 34 Fränkli noch das Frühstück, das später im Flieger serviert wird, etwas ändern. Also, so hatte ich mir Jetsetten nicht vorgestellt.

Teile diesen Beitrag:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.