Insolvenz

Ich rufe Caro an: „Du musst mir helfen.“ „Erstmal Guten Tag,“ antwortet sie, „und Zweitens muss ich gar nichts. Worum geht es denn, Schnäuzelchen?“ Sie weiß genau, dass ich es hasse, wenn sie mich „Schäuzelchen“ nennt, Gutemine nennt Majestix zuweilen so in den Asterix-Heften, aber schließlich will ich was von ihr, da nimmt sie sich diese Neckerei genüsslich heraus. „Bist Du zu schnell gefahren und sie wollen Dir den Lappen zwicken? Oder verklagt Dich mal wieder einer meiner Kollegen wegen Deines dummen Blogs? Oder hat unser Ausflug nach Belin Dein Kreditkartenlimit gesprengt?“ „Blödfrau,“ entgegne ich mutig, „es geht nicht um mich.“ „Ach? Erzähl!“ „Ein Wirt aus dem Odenwald hat mich angeschrieben. Er ist anscheinend ein treuer Leser von opl.guide und hat natürlich auch die Geschichten mit Dir gelesen. Und jetzt hat er mich gefragt, ob ich Dich fragen kann, ob Du ihm helfen kannst.“ „Wie soll ich ihm helfen – etwa kochen? Kann er vergessen.“ „Nochmal Blödfrau. Natürlich juristische Hilfe. Er ist mit seinem Laden Pleite gegangen und hat jetzt ein Verfahren wegen Insolvenzverschleppung am Hals.“ „Das ist übel. Einzelunternehmen, GbR, UG oder GmbH?“ „GmbH.“ „Und Dein Wirt ist Geschäftsführer und Gesellschafter?“ „Yepp.“ „Und ich nehme an, ich soll ihn jetzt für lau da raushauen, einem nackten Mann kann man ja kaum in die Tasche greifen?“ „Er hat mir gesagt, er hat noch ein paar eiserne Reserven, von denen das Finanzamt nichts weiß. Die könnte er flüssig machen, wenn Du ihm hilfst. Er will aber nicht nur aus der Insolvenzverschleppungssache raus, er will auch unbedingt seinen Gasthof behalten.“ „Das wird ja immer besser. Sag ihm, er müsste schon viel Kohle unter der Matratze haben, um sich mich leisten zu können.“ „Habe ich da was nicht mitgekriegt, Caro?“ frage ich. „Bist Du zwischenzeitlich auf die Arschlochseite gewechselt?“ „Kennst Du ihn?“ fragt Caro. „Nicht persönlich. Aber wir haben zweimal videogecallt. Ich würde sagen, ein ganz Lieber, Engagierter, vielleicht etwas Einfältiger, der sich ganz auf sein Kochen konzentriert und dabei die Bücher vergessen hat. Seine Website ist noch online, er scheint wirklich gut gekocht zu haben, und der Gasthof ist echt nett. Auch die Bilder der Gäste von seinem Essen auf Google sehen toll aus, der Gasthof wäre was für uns gewesen. Und dann noch die ganze persönliche Tragödie, junge Frau, zwei kleine Kinder, halb abbezahltes Haus, der Tratsch im Ort.“ „Bei Insolvenzverschleppung kann das Häuschen auch noch ruck-zuck weg sein. Sag‘ mal, ist er’s wert?“ „Caro, keine Ahnung, ich kenne ihn aus zwei Videocalls, ich finde ihn sympathisch, ehrlich, engagiert, verzweifelt – nicht mehr und nicht weniger, aber ob er’s wert ist, das kann ich Dir heute beim besten Willen nicht sagen, meine Hand kann ich nicht für ihn in’s Feuer legen.“ Caro brummt. „Magst Du ihn Dir nicht wenigstens mal ansehen?“ Caro brummt sonorer. „Also gut, hör‘ zu. Er soll Dir zuerst eine Vertraulichkeitserklärung unterschreiben, die lasse ich Dir rüberschicken. Ich habe null Bock, dass irgendjemand rumposaunt, dass ich die Anwältin bin, über die Du andauernd auf Deinem blöden Blog schreibst. Dann kannst Du einen Termin mit ihm und Dir in meinem Sekretariat machen, hier in Frankfurt, dafür fahre ich nicht auch noch extra in den Odenwald. Eine Stunde gebe ich Euch, dann entscheide ich, ob ich’s mache. Das Erstgespräch ist sowieso kostenlos. Und Du bist gefälligst dabei, Du hast mir das Ganze ja eingebrockt. Ich tue das nur Dir zuliebe.“ „Ja Cheffe, Du bist ein Schatz!“ „Ob ich ein Schatz bin, das wird sich noch herausstellen. Und – bevor ich’s vergesse – lass‘ Dir von ihm alles geben, was er bisher schriftlich hat, Schreiben von Finanzamt, Krankenkasse, Banken, Staatsanwaltschaft, Gericht, die letzten Bilanzen, GuVs, BWAs – was er halt hat – und schick’s mir.“

Eine Woche später bin ich mit dem Wirt – er heißt Christian – in Caros Büro in Frankfurt. Sie hat uns einen Termin um 18:00 Uhr geben lassen, ein gutes Zeichen, sie scheint von open end auszugehen. Christian ist so nervös, als würde er gleich heiraten. Dazu passt sein gedeckter Anzug mit knallbuntem Polyester-Schlips, trotz der Hitze. Caro lässt uns in einem der Sitzungszimmer ihrer Kanzlei warten, ich kann nicht einschätzen, ob das Spiel von ihr ist oder tatsächlich Arbeitsüberlastung, aber eigentlich ist sie so perfekt organisiert, dass sie immer pünktlich sein kann. Schließlich rauscht sie unvermittelt in den Raum, begrüßt Christian mit Handschlag, ich bekomme ganz französisch Bussi links und rechts, sie stellt sich kurz vor und setzt sich an das Kopfende des Tischs, wir beide links und rechts von ihr an den Seiten. „Ich habe mir Ihre Unterlagen angeschaut,“ beginnt Caro das Gespräch. „Um ehrlich zu sein: sieht nicht gut aus.“ Christian schluckt sichtlich. Aber bevor wir zum juristischen Teil Ihres Falls kommen, erzählen Sie mal, wie Sie zu einem juristischen Fall werden konnten.“ Christan schluckt stärker. „Ich weiß nicht, wo ich da anfangen soll. Das Geschäft lief halt immer schlechter, egal, was ich auch versucht habe.“ „Das sieht man ja in Ihren Unterlagen,“ unterbricht ihn Caro. „Was haben Sie gelernt? Wie sind Sie Gastwirt geworden? Warum sind Sie ausgerechnet Gastwirt geworden, das ist heutzutage doch ein denkbar undankbarer Beruf. Früher scheint Ihr Laden doch gelaufen zu sein; warum lief er in letzter Zeit nicht mehr? Was macht Ihre Familie? Wovon leben Sie zurzeit? Haben Sie einen Plan B, wenn wir die Insolvenz und die Verschleppung nicht vom Tisch bekommen?“ Caro kann sehr direkt sein, aber sie hat „wir“ gesagt, noch ein gutes Zeichen.

„Wie ich Gastwirt geworden bin?“ beginnt Christian. „Das ist einfach. Der Vater war Gastwirt, der Großvater war Gastwirt, der Urgroßvater war Gastwirt. Mit mir haben wir die Wirtschaft jetzt in der sechsten Generation. Irgendwie war es immer klar, dass ich auch Gastwirt werde, ich konnte mir nie etwas anderes vorstellen, und meine Eltern haben nie irgendwelche Anstalten gemacht, mich etwas anderes lernen zu lassen. Der Laden lief über 200 Jahre immer gut, mal besser, mal schlechter, aber er hat immer die Familie ernährt. Schon als Bub stand ich mit in der Küche, hinter’m Tresen, habe Gäste bedient, aber auch Klos geputzt, das war irgendwie selbstverständlich, und das hat mir immer Spaß gemacht. Da war es vollkommen klar, dass ich Koch lerne, danach die Eltern unterstütze, daneben meinen Meister mache und irgendwann mal die Wirtschaft übernehme. Und so ist es ja dann auch gekommen. Das war Mitte der Zweitausender, die Eltern haben sich Schritt für Schritt zurückgezogen und mich machen lassen. Alles lief wie gewohnt, wir konnten den Umsatz sogar leicht steigern, ich habe das immer meinen Kochkünsten zugeschrieben, die Leute haben wirklich gerne bei uns gegessen, manche kamen am Wochenende sogar aus Frankfurt und Würzburg und sind gleich noch das ganze Wochenende geblieben, von Frühling bis Herbst waren die Gästezimmer immer gut ausgelastet, selbst unter der Woche, man kann bei uns schön wandern. Nur im Winter war bei den Übernachtungen halt Saure-Gurken-Zeit, aber das haben die Weihnachtsfeiern immer halbwegs kompensiert.“

„Das klingt doch alles recht gut,“ wirft Caro ein. „Wie sind Sie dann in die Krise gerutscht?“ „Wissen Sie,“ fährt Christian fort, „die meisten Kollegen sagen ja immer, Corona ist an Allem schuld. Aber das ist viel zu kurz gesprungen. Corona hat die ganze Situation nochmal verschärft, aber begonnen hat alles viel, viel früher, schleichend. Wir haben das auf dem Dorfe mit Verzögerung gespürt, da wir immer eine sehr treue Stammkundschaft hatten, die den Landen am Laufen gehalten haben, und wir waren im Dorf der einzige Gasthof, wir hatten keine Konkurrenz, und weit fahren für ein Essen oder ein Bier, sowas gab’s früher nicht, außerdem wollte man sehen und gesehen werden. Aber dann sind die Alten einer nach dem anderen langsam weggestorben, die Familien und Paare, die wie selbstverständlich jeden Sonntag nach der Kirche zu uns zum Mittagessen kamen, die Männer, die bei uns ihre Stammtische hatten, und wir hatten viele Stammtische bei uns auf dem Dorf. Die Jungen gehen heute lieber in irgendwelche hippen Burger-Schuppen in der nächsten Stadt oder gleich zu McDonalds, die mit einer guten Ausbildung und Geld auf der Tasche ziehen weg in die Städte, und die, die bleiben, haben meist kein Geld auf der Tasche oder sind gleich Sozialhilfeempfänger, die gehen nicht essen, die gehen noch nicht einmal mehr auf ein Bier in die Kneipe, die saufen gleich zuhause, da ist’s billiger, und statt einem Kneipengespräch gibt’s bei denen halt Netflix. Auch die Vereine werden weniger, weil die Mitgliederzahlen zurückgehen, der Schützenverein und die Sängerbruderschaft haben sich schon vor Jahren aufgelöst, gerade die Freiwillige Feuerwehr und den Sportclub gibt’s noch. Die haben sich früher alle regelmäßig bei uns getroffen und auch ihre Vereinsversammlungen und Vereinsfeiern abgehalten, da ging’s oft richtig hoch her. Alles weg. Die Feuerwehrleute bleiben meist in ihrem Spritzenhaus, die Fußballer gehen nach dem Training heim oder trinken höchstens noch ein Bier im Vereinsheim zusammen. Die Leute auf dem Lande werden halt immer weniger, und die Wenigen haben immer weniger Geld auf der Tasche oder sie geben es anderswo aus. Taufen, Beerdingungen, Hochzeiten, runde Geburtstage, die fanden früher fast alle bei uns statt, auch da sparen die Leute und feiern lieber zuhause. Selbst Betriebs- und Weihnachtsfeiern sind deutlich weniger geworden, viele Betriebe haben zugemacht, und die, die nicht zugemacht haben, schauen heutzutage auch genauer auf’s Geld, da sind Sausen für die Belegschaft oft nicht mehr drin.

Und dann die Kosten: Lebensmittel, Strom, Heizkosten, ganz zu schweigen von den Personalkosten, die steigen unaufhörlich. Ich zahle schon weit über Tarif, und finde trotzdem kaum Leute. Das Märchen von dem armen, ausgebeuteten Tellerwäscher, vielleicht noch Asylant, der für einen Hungerlohn für einen habgierigen, bösen, reichen Wirt fleißig und ohne Murren und Knurren die Drecksarbeit macht, solche Leute gibt’s schon längst nicht mehr. Wenn ich diese zusätzlichen Kosten Eins zu Eins an die Gäste weitergeben würde, die Leute würden denken, ich spinne jetzt total und würden noch mehr wegbleiben, als sie’s jetzt schon ohnehin tun. Wir haben immer weniger Umsatz gemacht, und von dem Wenigen blieb immer weniger bei uns hängen, weil’s die zusätzlichen Kosten es ganz einfach aufgefressen haben. Aber erklär‘ Du mal – Verzeihung: erklären Sie mal – einem Stammgast, dass der Sonntagsbraten jetzt nicht mehr 14,80, sondern 19,90 kosten muss. Dabei müssten unsere Gästezimmer dringend neue Bäder bekommen, mit den Alten mache ich bei modernen Gästen keinen Staat mehr, das alte Haus müsste energetisch saniert werden, sonst fressen mich die Heizkosten für den alten Schuppen irgendwann auf, unsere Toiletten sind aus den Achtzigern, und wie lange es die Heizung noch macht, steht in den Sternen.

Dann habe ich versucht, noch mehr an den Kosten zu drehen, um zu sparen und weil ich chronisch zu wenig Personal hatte. Früher hatten wir an sieben Tagen in der Woche den ganzen Tag auf. Jetzt haben wir Montag und Dienstag Ruhetag, mittags machen wir nur noch am Wochenende auf, sonst öffnen wir erst ab 17:00 Uhr. Spart zwar ein wenig Personalkosten, bringt aber noch weniger Umsatz, und die Fixkosten laufen weiter, egal, ob wir aufhaben oder zu. Ich dachte, ich könnte das auffangen, wenn wir mehr Veranstaltungen hätten, lange planbar, dicker Umsatz auf einen Schlag. Dazu habe ich unseren Festsaal renovieren und aufhübschen lassen, dafür habe ich einen Kredit von 150.000 EURO bei der Bank aufgenommen. Schöne Scheiße. Mundpropaganda brachte nichts, auch nicht Flugzettel in alle Briefkästen der Umgebung und teure Anzeigen in unserem Lokalblatt, ich habe sogar so eine Internet-Agentur engagiert, die Social Marketing für mich machen wollte und die mir das Blaue vom Himmel versprochen haben. Rumgekommen ist dabei so gut wie nichts, aber viel Geld hat’s gekostet. Die Leute feiern heute halt nicht mehr in biederen Dorfgasthäusern, für eine Hochzeit muss das heutzutage wenigstens ein Schloss oder irgendeine hippe Location sein, aber kein Wirtshausfestsaal auf dem Dorfe. Und dann kam halt Corona. Aber das kennen Sie ja sicherlich alles, uns ist es dabei nicht anders gegangen als fast allen anderen Wirten, Zwangsschließung, Verdienstausfall, die Kosten liefen aber einfach weiter, wir haben versucht, uns mit Abhol-Essen über Wasser zu halten, aber auch das hat wenig gebracht. Während Corana haben sich unsere letzten Rücklagen einfach in Luft aufgelöst, sind verdampft. Und als alles vorbei war, ist das Geschäft auch nicht wieder angelaufen wie früher, so dass man hätte sagen können, jetzt geht’s wieder bergauf, es tröpfelte eher. Irgendwas hat Corona gemacht mit den Leuten und ihren Gewohnheiten, wegzugehen. Oder nein, das war nicht Corona, das was mit den Leuten gemacht hat. Das Virus hat überhaupt nichts gemacht, was gemacht haben diese völlig überzogenen und im Nachhinein völlig Unsinnigen Zwangsmaßnahmen der Regierung. Corona hat uns nicht an den Rand des Ruins gebracht. An den Rand des Ruins gebracht hat uns diese völlig überzogene, falsche Politik. An den Rande des Ruins gebracht haben uns die unfähigen Politiker.“

„Und wie sind Sie dann direkt in die Insolvenz geschlittert?“ fragt Caro dazwischen. „Richtig schlimm wurde es im letzten Winter,“ fährt Christian fort. „Die Rücklangen waren alle aufgebraucht, wir lebten quasi vom Dispo. Schon das Weihnachtsgeschäft war mies. Früher hatten wir fast jeden Abend im Dezember – manchmal schon ab Ende November – Weihnachtsfeiern, die Firmen, Vereine, ganze Familien haben das meist schon im Sommer, spätestens Herbst gebucht, das war immer ein sicheres, planbares, gutes Geschäft, das uns immer über die Saure-Gurken-Monate ohne Touristen, ohne den Biergarten und auch mit weniger Stammgästen gerettet hat. Das ganze letzte Jahr hatte ich mir schon kein Gehalt mehr zahlen können, wir haben von der Hand in den Mund gelebt und meist in unserem Gasthaus gegessen. Neue Klamotten für die Kinder und Schulmaterialien gingen nur mit äußersten Anstrengungen. Als unsere private Waschmaschine kaputt ging, hat uns der Schwiegervater mit seiner Alten ausgeholfen. Mal was Neues kaufen, gar in Urlaub fahren, das war für uns schon lange nicht mehr drin, wir haben gelebt – kann man das überhaupt noch Leben nennen? – wie die Assis. Die Mitarbeiter hatte ich fast alle schon entlassen müssen, ich hatte zum Schluss gerade noch dreieinhalb Leute, dafür hab‘ ich für drei geschuftet. Dann die Heizkosten für den alten Schuppen, da kann man kaum sparen, und der Heizölpreis hat sich seit 2020 mehr als verdoppelt. So ab April konnte ich die Gehälter und die Lieferanten nicht mehr oder nur noch teilweise zahlen. Der Dispo war am Anschlag, die Bank wurde langsam unruhig, zumal da ja auch der Kredit für den Festsaal läuft. Bei den Lieferanten habe ich um Zahlungsaufschub gebeten, regelrecht gebettelt, unsere Stamm-Lieferanten aus der Region haben das meist auch mitgemacht, nur die Metro zum Beispiel, die fand das gar nicht lustig. Ich war überzeugt, dass das Geschäft mit der schönen Jahreszeit wieder anläuft und uns den Hals rettet. Ich musste zwar die Speisekarte ausdünnen, weil ich längst nicht mehr alles geliefert bekam, aber dafür habe ich gekocht wie ein Wilder, im Rückblick würde ich sagen, ich habe um mein Leben gekocht. Als ob ein noch so perfektes Gulasch mein Leben hätte retten können, das weiß ich heute. Dafür habe ich den ganzen Papierkram vernachlässigt, verdrängt, das hat mir sowieso nur Magengeschwüre gebracht, ich wollte nur noch kochen und den Karren damit aus dem Dreck ziehen.“ „Solche Schlachten werden selten in der Küche entschieden, die werden am Schreibtisch und im Computer entschieden,“ wirft Caro ein. „Das weiß ich heute auch,“ entgegnet Christian. „Irgendwann im April habe ich dann die Krankenkassenbeiträge und die Umsatzsteuer nicht mehr abgeführt, ganz einfach, weil das Konto gähnend leer war. Gleichzeitig haben viele Lieferanten auf Barzahlung oder sogar auf Vorkasse umgestellt, da musste ich die Speisekarte nochmals ausdünnen. Irgendwann habe ich die gelben Briefe einfach ignoriert. Aber es war ja schlicht kein Bargeld da, mit denen ich das alles hätte bezahlen können, die Bank wollte den Dispo auch keinesfalls nochmal erhöhen, nachdem ich meine Zahlen vorgelegt hatte. Also habe ich all die Briefe schlichtweg ungeöffnet liegen gelassen. Wenn die Krankenkasse anrief, bin ich gar nicht mehr rangegangen, oder ich habe sie mit dem anlaufenden Sommergeschäft vertröstet. Das Sommergeschäft lief so la-la, ich konnte wenigstens die wichtigsten lokalen Lieferanten und meine Leute bezahlen, zumindest teilweise, dann war das Geld auch schon wieder weg. Im September ist der Krankenkasse dann der Kragen geplatzt und sie haben Insolvenzantrag gegen mich – also gegen die GmbH – beim Amtsgericht gestellt. Nachdem das Gericht meine Zahlen – was ich halt noch hatte, Buchführung habe ich auch kaum noch gemacht, ich war ja mit Kochen beschäftigt, und damit, um mein Überleben zu kämpfen – hat es dann ruckzuck einen Insolvenzverwalter bestellt. Und der sagte mir nach einem kurzen Blick in meine Buchhaltung – Buchhaltung konnte man das nicht mehr nennen, das war einfach nur noch ein ungeordneter Stapel von Rechnungen und Barquittungen – klipp und klar, das sei ganz klar Insolvenzverschleppung, ich sei eindeutig überschuldet und zahlungsunfähig sowieso, und das seit mehr als sechs Wochen. Daher müsse er mich jetzt beim Insolvenzgericht anzeigen. Außerdem hätte ich die Sozialversicherungsbeiträge und die Umsatz- und Lohnsteuer nicht abgeführt…“ „Paragraphen 266a StGB und 370 AO.“ wirft Caro bedeutungsschwanger ein. „… das käme noch obendrauf. Ja, das war die ganze Geschichte, und da stehe ich nun. Was sagen Sie, Frau Anwältin?“

„Um ehrlich zu sein, das sieht nicht gut aus für Sie. Sie haben ein Riesenproblem an der Backe, das kriege ich auch nicht mit einem Federwisch weg. Auf Insolvenzverschleppung steht im schlimmsten Fall eine Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr. Sind Sie vorbestraft?“ „Natürlich nicht!“ antwortet Christian sichtlich empört. „Dann kriegen wir das so hin, dass Sie einfach überfordert waren, aber nicht aus betrügerischer Absicht gehandelt haben, das sollte mit einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen oder so glimpflich ausgehen. Vielleicht schaffen wir es sogar, den genauen Zeitpunkt der Insolvenz zu zerpflücken und die Staatsanwaltschaft einfach vor die Wand laufen zu lassen, aber dazu müsste ich tiefer einsteigen und mir Alles ganz genau ansehen. In jedem Fall gelten Sie damit nicht als vorbestraft, aber sie werden sich auch noch eine Gewerbeuntersagung wegen Unzuverlässigkeit einfangen und für die nächsten fünf Jahre ein Berufsverbot als Geschäftsführer. Ihr Plan, nach einer Insolvenz einfach so weiterzumachen wie vorher, der wird so nicht aufgehen. Die nächsten Jahre können Sie maximal noch als angestellter Koch arbeiten. Aber auch das kriegt man hin, Ihre Frau kann ja die Geschäftsführerin machen und Sie einfach als Koch anstellen, das ginge. Den 266a und den 370 kriegen wir auch relativ schmerzlos weg, wenn das Gericht mitspielt. Sie waren finanziell ja praktisch handlungsunfähig, da Ihr Konto schlichtweg leer war und die Bank geblockt hat. Hätte ich an der Stelle der Bank auch getan. Aber damit haben wir objektiv eine Unmöglichkeit. Wenn wir jetzt mit par conditio creditorum und Paragraph 275 Absatz 1 BGB argumentieren, dann sollte ein Deal mit der Staatsanwaltschaft möglich sein, und Sie kommen mit ein paar Tagessätzen davon.“ „Uff!“ sagt Christian deutlich erleichtert. „Moment, das größte Problem kommt ja noch. Paragraph 15 InsO, da stehen so hässliche Dinge wie Geschäftsführerhaftung und Durchgriffshaftung. Bei einer Insolvenzverschleppung fällt der gesamte GmbH-Schutz weg und der Insolvenzverwalter kann direkt in Ihr Privatvermögen vollstrecken, nicht nur die offenen Abgaben und Rechnungen, sondern auch den Bankkredit. Damit dürfte Ihr Privathaus dann auch weg sein und sie gehen wahrscheinlich in die Privatinsolvenz.“ Christian schluckt schwer und wird bleich, der Schweiß bricht ihm aus. „Das Einfachste wäre eine Güterstandsschaukel, aber dafür ist’s jetzt ja zu spät. Ich müsste halt nachweisen, …“ Caro hat „Ich“ gesagt, mir ist klar, dass sie den Fall im Geist bereits übernommen hat, ich bin erleichtert. „… dass Sie bei der Unterschrift der Bürgerschaft durch die Bank emotional oder krass finanziell überfordert waren, dann wäre die Bürgschaft sittenwidrig und vom Tisch. Hat Ihre Frau die Bürgschaft mit unterschrieben?“ „Klar.“ „Ganz klar finanzielle Krassheit, damit sollten es mit dem Teufel zugehen, wenn wir Sie da nicht rausbekommen. Dann kann die Bank schlichtweg nicht vollstrecken, die Bürgschaft geht unter, Sie und Ihre Familie können Ihr Haus behalten.“

„Machen Sie’s, Frau Anwältin?“ fragt Christian bange. „Ich mach’s, denn ich bin nicht auf die Arschlochseite gewechselt.“ Caro blickt mich dabei böse an, Christian schaut verständnislos, aber sichtlich erleichtert. „Und mit der Bezahlung?“ fragt er. „Darüber machen Sie sich erstmal keine Gedanken, Sie haben derzeit größere Probleme. Das kriegen wir schon hin, wenn Sie wieder auf den Füßen sind. Stundung und Ratenzahlung oder so, da fällt mir was ein. Caro beendet das Gespräch und begleitet Christian zur Türe. „Was halten Sie davon Ortstermin nächsten Samstagvormittag bei Ihnen im Odenwald.“ „Klar, gerne, jederzeit.“ „Haben Sie die Schlüssel für die Wirtschaft noch?“ „Natürlich, nur bekochen oder unterbringen kann ich Sie da zurzeit nicht.“ „Alles gut, ich will mir nur mal die Örtlichkeiten anschauen. Da bringe ich gleich eine Vollmachtserklärung mit, auf eine Mandatsvereinbarung können wir erstmal verzichten, bis wir wissen, wie wir das abrechnen. Keine Angst, ich werde Sie nicht über den Tisch ziehen.“ Caro kommt zurück in den Sitzungsraum. „Umarmung, Rum, Abendessen!“ sagt sie bestimmt. „Außerdem schuldest Du mir jetzt was. Aber ich kann den armen Kerl doch nicht im Regen stehen lassen, die würden ihn platt wie eine Flunder machen, der käme sein Lebtag nicht wieder auf die Beine. Du hattest recht, ich glaube auch, dass er ein Guter ist.“ Jetzt begrüßen wir uns ohne Beisein eines Mandanten erstmal richtig, dann gehen wir in Caros Büro, sie holt eine Flasche Appleton Estate 21 Jahre aus Jamaika und zwei Tumbler (Caros Spleen, sie trinkt Rum nur aus Tumblern) aus dem Schrank, kein so süßes, weichgewaschenes Zeugs wie der Ron Zacapa Centenario oder die zuckersüße Black Edition von Riise, was Rum anbelangt, ist Caro halt ein richtiger Mann. „Ich habe bei Lohninger einen Tisch reservieren lassen. Du zahlst!“ „Ist ja wohl das Mindeste. Wann müssen wir da sein?“ frage ich. „Wenn wir hier fertig sind. Zu Mario kann ich fast jederzeit kommen. Man kennt sich halt in Frankfurt. „Kriegst Du ihn da raus? Den Christian meine ich, nicht den Mario.“ „Wenn da nicht noch irgendwelche Tretminen im Boden liegen, von denen er nichts erzählt hat – die er vielleicht selber noch gar nicht kennt, dieses geschäftliche Lämmchen – sollte das machbar sein. Ein blaues Auge wird er vom Gericht schon bekommen, aber wenn alles gut läuft, nur ein ganz kleines, das wird ihm für die Zukunft auch eine Lehre sein. ‚Um sein Leben kochen‘, wenn die Hütte lichterloh brennt, sowas habe ich auch noch nie gehört. Er mag ja ein guter Koch und netter Kerl sein, aber geschäftlich hat der noch viel zu lernen, Gasthäuser sind heute halt keine Selbstläufer mehr, sondern in erster Linie Wirtschaftsbetriebe, und da ist in diesen Zeiten die ganz spitze Feder gefragt. Die Insolvenzverschleppung, den 266a und den 370 …“ Ich verstehe nur Bahnhof. „… werde ich zwar nicht ganz wegkriegen, aber ich kann sie so abmildern, dass sie nicht mehr wirklich weh tun. Größere Sorgen bereitet mir da schon die Durchgriffshaftung; die Bank und der Insolvenzverwalter werden alles tun, um an Christians Privatvermögen zu kommen, und die werden bestimmt nicht mit tumben Dorf-Advokaten ankommen. Christians Frau muss unbedingt mit zur Verhandlung. Am besten auch noch seine Kinder. Und die Frau muss unaufhörlich weinen.“ „Hund samma scho, gell Caro?“ „Wenn man kein Hundling ist, ist man falsch in diesem Job. Aber ich habe schon ganz andere Babys geschaukelt, beruflich wird das sogar spannend für mich, obwohl das – seien wir ehrlich – ein Kleckermandat ist, in dieser Arbeitszeit könnte ich auch eine millionenschwere Insolvenz abwickeln und würde deutlich mehr verdienen.“ „Was wirst Du ihm in Rechnung stellen?“ „Wenn ich regulär abrechne, wird das schon fünfstellig, und selbst wenn ich nur nach RVG abrechne, bleibt’s immer noch viel für ihn. Da lasse ich mir was einfallen, pro bono darf ich sowas gar nicht machen.“ Caro gießt reichlich Rum nach. „Bleibst Du heute Nacht in Frankfurt?“ fragt sie. „Gerne, wenn ich darf, ich habe meine Zahnbürste mitgebracht.“ „Fein, dann trink aus, ich rufe uns ein Taxi.“

Am Wochenende treffen wir Christian und seine Frau in einem Dorf im Odenwald. Es ist wirklich hübsch hier, kleines Dörfchen, viel Fachwerk, viele Häuser rausgeputzt, der Gasthof auf einem großen Grundstück mit Parkplätzen, Biergarten, Spielplatz mitten im Ort neben der Kirche. Caro lässt sich alles ganz genau zeigen, als ob der Gasthof, die Wirtsstube, die Zimmer, die Küche, die Heizungsanlage, die Elektrik, der Festsaal, selbst die Toiletten irgendwas mit dem Prozess zu tun hätten. Sie ist über Gebühr interessiert, und ich wittere was, kann aber nicht genau sagen, was ich da wittere, aber irgendwas ist im Busche. Über den Prozess reden wir eher am Rande. Da der Gasthof weitgehend tot ist, lädt Christian uns zu sich nach Hause ein, er hat Rhabarberkuchen gebacken, saulecker, also kochen kann er. Caro stellt jetzt tausend Detailfragen und macht sich dabei eifrig Notizen. An späten Nachmittag verabschieden wir uns. Caro lässt Christian und seine Frau mit einem aufmunternden „Das wird schon!“ zurück. „Wollen wir zurück nach Frankfurt oder Schwarzkopf in Frammersbach?“ frage ich. „Lieber zu Restels nach Großheubach.“ Beim Abendessen auf der lauschigen Terrasse der Krone eröffnet mir Caro ihren Plan: „Warst Du schon mal Gastronom?“ „Ich und Gastronom – niemals.“ „Aber ständig an der Gastronomie rumkritteln, das kannst Du wohl.“ „‘Ein Kritiker muss nicht besser machen können, was er tadelt.‘“ lasse ich oberlehrerhaft meinen Lessing raushängen. „Papperlapapp! Also, hör zu: wir lassen Christians Frau eine Auffang-GmbH gründen, um die Immobilie und das Geschäft aus der Insolvenzmasse zu übernehmen. Ich bringe mein Anwaltshonorar als Sacheinlage in diese neue GmbH ein und werde Mitgesellschafterin. Und Du bringst gefällig denselben Betrag auf und wirst auch Mitgesellschafter. Du hast mir das ja schließlich eingebrockt, und mitgegangen, mitgefangen.“ Wenigstens hat sie nicht ‚mitgehangen‘ gesagt. „Ich muss dann zwar mein Mandat formal niederlegen und an einen Kollegen übergeben, um nicht in einen Interessenkonflikt zu geraten.“ „Und dann? Du hast doch gesehen, wie schlecht die Geschäfte im Odenwald laufen.“ „Die Geschäfte müssen ja nicht so weiter laufen. Das Kaff ist keine eineinhalb Stunden von Frankfurt entfernt, so lange brauche ich manchmal vom Flughafen in die Innenstadt. Es liegt landschaftlich reizvoll, wie man so schön sagt, es gibt viel frische Luft, Ruhe, keinerlei Ablenkungen, 15 nette Gästezimmer, gut, die muss man deutlich renovieren und aufhübschen, auch ansonsten dürfte noch einiges an Investitionsstau in dem Schuppen stecken.“ „Schön und gut. Was willst Du mir damit sagen? Du hast doch einen Plan.“ „Klar habe ich einen Plan. Seminarhotel. 15 Zimmer, das ist genau Seminargröße. Ich allein halte ein gutes Dutzend davon im Jahr. Und niemand, wirklich niemand kann diese sterilen Seminarhotels, die Hiltons und Ibise dieser Welt mehr sehen. Und billiger wird das im Odenwald wahrscheinlich auch noch. Vor allem aber origineller. Klar, wir werden noch etliches reinstecken müssen in den Schuppen. Aber wir haben die Immobilie, einen Koch und erstes Personal, wenn Christians Leute noch da sind. Und der Insolvenzverwalter wird froh sein, wenn er noch irgendwas für den Schuppen bekommt, wer kauft heutzutage noch ein altes Gasthaus auf dem Land? It’s Schnäppchen-time!“ „Und wie willst Du das finanzieren, Frau Anwältin? Ich habe das Geld dafür nicht.“ „Mi-mi-mi, heul‘ doch. Mit Krediten natürlich, mit etwas Eigenkapital, einem guten Businessplan und ersten Absichtserklärungen von Seminarveranstaltern kriegen wir das Geld von jeder Bank. Christian soll kochen, ich schaue regelmäßig sehr genau auf die Finanzen, und Du berätst uns dabei, was man sonst noch so in einem Hotel beachten muss. In den ersten Jahren wenigstens alle acht Wochen Gesellschafterversammlung vor Ort, damit wir ihm auf die Finger schauen können und er nicht wieder in jedes offene Messer läuft, das er findet. Um die ersten Kunden kann ich mich persönlich kümmern, das gibt mein Netzwerk her. Und dann müssen wir uns Gedanken über eine professionelle Vermarktung machen. Und das Sommerfrischler-Geschäft, das kann daneben am Wochenende weiterlaufen. Ich will ja jetzt nicht sagen, dass das eine Goldgrube wird, aber ich hab’s schon mal grob durchgerechnet, es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn wir das Ding nicht ordentlich profitabel bekämen.“ Ich bin sprachlos. Caro will mir tatsächlich Anteile an einem Dorfgasthaus aufschwatzen, nein aufdrängen.

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