Nichts Neues aus Nürnberg: der Guldene Stern

Ganze zehn Jahre ist es nun her, dass ich das letzte Mal im Guldenen Stern in Nürnberg war. Caro hatte gelesen, dass dies angeblich die älteste Bratwurstküche der Welt (seit 1419) ist, also bestand sie auf einen Besuch, all meine Einwände wischte sie weg – und wer bin ich, Caro zu widersprechen? Also stapften wir des Abends die fünfzehn Minuten vom Grandhotel durch ehemals zerbombte, hässlich-funktional wieder aufgebaute, schmucklose, enge Sträßchen, vorbei an der Hinterseite des Germanischen Museums in die Zirkelschmiedgasse zum Guldenen Stern. Hier hat sich offenbar wenig geändert, noch immer ein uraltes Gemäuer mit niedrigen Decken, viel Holz, schlechter Luft, sehr rustikaler Einrichtung, fast quälend enger Bestuhlung, viel Deko-Tinnef, man kann das „authentisch“ nennen, oder „heimelig“, oder schlichtweg „gewöhnungsbedürftig“. Auch die Speisekarte scheint überwiegend unverändert, sie wird – natürlich – dominiert von Nürnberger Rostbratwürsteln – hier „Röstla“ genannt – in Gebinden von sechs bis 20 Stück, auf Buchenholz gegrillt oder „Blau“ aus einem Essig-Zwiebel-Sud, dazu die traditionellen Beilagen Kartoffelsalat, Sauerkraut, Krautsalat, Meerrettich und diverse Gebäcke. Weiterhin finden sich ein zwei Suppen, allerlei gegrilltes Fleisch, ein gepökeltes Schweinebein auf Kraut, Salat, Brotzeiten, obligatorisches Grünfutter und ein paar Desserts auf der Karte, alles sehr überschaubar.

Neu waren für mich zwei Dinge: zum ersten waren die Bedienungen diesmal äußerst flott, konzentriert, freundlich, fehlerfrei; das Mädel, das uns im imitierten, bajuwarisierenden Dirndl bediente, war dem Zungenschlag nach wahrscheinlich Ukrainerin, aber das tut nichts zur Sache. Vielleicht tut es aber was zur Sache, dass wir gefühlt die einzigen Deutschen in dem gut gefüllten Lokal waren, gar fränkische Mundart vermochte ich nirgends zu vernehmen. Bevor hier jemand die Rassismuskeule zückt: nichts gegen Ausländer, nichts gegen ausländische Touristen, nichts gegen ausländische Touristen, die sich neugierig und tapfer auf die heimische Küche ihres Gastlandes einlassen, statt in den unzähligen koreanischen, indischen, chinesischen, italienischen, amerikanischen, japanischen Restaurants in der Umgebung vertraute Kost zu konsumieren. Was mir nichtsdestotrotz zu denken gibt: warum scheinen die Einheimischen nicht oder nur wenig in dieses Lokal zu gehen? Es gibt wahrscheinlich kaum einen Reiseführer, kaum eine Webpage, kaum einen Blog, in denen der Guldene Stern nicht erwähnt – und empfohlen – wird, es ist quasi unmöglich, in Nürnberg einen kulinarischen Anlaufpunkt zu suchen, ohne zwangsläufig über den Guldenen Stern zu stolpern, und die value proposition „älteste der Welt“ reicht offenbar aus, zu einem Besuch zu animieren, hat ja auch bei Caro klaglos geklappt.

Doch der eigentliche Grund, weshalb wir im Guldenen Stern waren, weshalb man in den Gulden Stern geht, ist ja wohl das Essen – und das war für unser beider Geschmack … naja. An erster Stelle stehen da natürlich die Nürnberger Bratwürste, quasi als signature dish des Hauses. Tatsächlich auf Buchenholz gegrillt, wie es sich gehört. Aber ansonsten habe ich nicht nur schlechtere gegessen, sondern auch bessere. Der schlorzige Kartoffelsalat dazu für meinen Geschmack leicht süßlich, zu wenig Essig, darinnen große, unzerschnittene Kartoffelbrocken. Auch das Kraut leicht süßlich und für mich belanglos. Der Meerrettich schließlich nicht frisch gerieben, sondern aus dem Fertig-Eimer, immerhin mit leichtem „Wumms“ (vulgo Schärfe). Ich habe schon schlechter traditionell fränkisch gegessen, aber auch schon besser. Um ehrlich zu sein, was mich persönlich stört, ist die mangelnde Präsenz von Nürnbergern in dem Lokal. Wenn ich auf Reisen bin – egal, ob in Franken oder in Japan –, will ich nicht nur essen wie die Einheimischen, sondern mit den Einheimischen, erst dann weiß ich, dass die Küche und das Etablissement authentisch sind. Caro hat zu Recht eingeworfen, dass ich ein Shokudo am Tokioter Flughafen inmitten von Touristen auch – aus Mangel an Vergleichsmöglichkeiten – als „authentisch“ empfinden würde, und wahrscheinlich liegt sie da richtig. Nur wenn ich solche Vergleichsmöglichkeiten habe, dann äße ich gerne da, wo die Einheimischen essen.

P.S.: Diese Suche nach kulinarischer Authentizität lässt mich in der Regel auch vor Sterne-Schuppen zurückschrecken. Wir haben uns Alexander Herrmanns kürzlich eröffnetes Imperial in Nürnberg angeschaut, die Räumlichkeiten sind wunderschön. Es sind nicht die Preise, die mich dort verstören, da habe ich schon teurer gegessen. Aber ich brauche keine Nürnberger Bratwürste, serviert als Dim Sum mit Bratwurstbrät, Brot-Sud, Majoran und Chinakohl-Sauerkraut für 38 EURO, auch wenn dies eine „Küche, die Franken neu denkt – inspiriert von der Welt, verwurzelt in der Region“ (https://www.imperial-fraenkness.de/imperial) sein soll. Und ich brauche kein Essen als komplizierten Kunstgenuss inmitten von G’stopften.  Sorry, Alexander Herrmann, aber da ist mir Ihr neues Kochbuch „Ich lieb’s“ schon lieber.


Historische Bratwurstküche „Zum Gulden Stern“ GmbH & Co. KG
Sofia Hilleprandt
Zirkelschmiedsgasse 26
90402 Nürnberg
Tel.: +49 (9 11) 2 05 92 88
Fax: +49 (9 11) 2 05 92 98
E-Mail: info@bratwurstkueche.de
Online: https://bratwurstkueche.de

Hauptgerichte von 11,20 (Sechs Rostbratwürste mit einer Beilage) bis 18,20 EURO (Dreierlei Gegrilltes mit Beilage); Drei-Gänge-Menue von 22,30 bis 34,60 EURO

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