Es muss irgendeine Messe oder Großveranstaltung in Nürnberg stattfinden, die Hotelpreise sind für ein paar Tage – natürlich genau die Tage, an denen wir reisen wollen, wie sonst? – astronomisch, locker doppelt so hoch wie sonst – sofern man überhaupt noch ein freies Zimmer findet. Ich werde schließlich im Motel One Nürnberg City fündig, im Bahnhofsviertel zwischen Hauptverkehrsstraße und Hauptbahntrasse eingezwängt, aber zentral gelegen, gerade mal 20 Minuten zu Fuß zum Rathausplatz, zuerst geht man die stark befahrene, schmucklose Bahnhofsstraße mit vier Fahrspuren und zwei Straßenbahnschienen, gesäumt von modernen, imperialen, gesichtslosen Drei- und Vier-Sterne-Herbergen und Bürogebäuden – kein einziges Schaufenster – entlang, wechselt am Hauptbahnhof mit Touristen, Pendlern, Drogendealern und Pennern die Straßenseiten und geht hinter dem Frauentor die Königsstraße – bestehend aus meist vormals zerbombten und funktional-geschmacklos wieder aufgebauten Häuserzeilen mit unnützen Ansammlungen von Touristen-Nepp-Geschäften und Restaurants mit Küchen aus aller Herren Länder mit entsprechenden Preisen und Gedränge – Richtung Pegnitz hinab. Nürnberg hat schöne Ecken; diese zählt gewiss nicht dazu, und doch drängen sich hier – selbst außerhalb der Saison – die Touristen.
Zurück zum örtlichen Motel One. Das ist wie immer, und das ist kommod für den Reisenden, man braucht sich nicht großartig zu orientieren und einzugewöhnen. Die Online-Buchung verläuft problemlos, die IT klappt und ist intuitiv selbsterklärend. Im Gegensatz zu vielen anderen Häusern der Kette gibt es hier in Nürnberg City genügend Hotelparkplätze hinter dem Haus, die sind allerdings so schmal, dass sie nur für Kleinwagen geeignet sind, mit einer stattlichen Limousine tut man sich hier sehr schwer beim Einparken und Aussteigen. Das Interieur der Hotelhalle ist wie immer, vertraut, lockere, bunt zusammengewürfelte Loungemöbel, die geradezu zum Lümmeln einladen, gedämpftes Licht, ein paar Eisenbahn-Devotionalien (zur Erinnerung: die erste deutsche Eisenbahnverbindung wurde 1835 zwischen Nürnberg und Fürth eröffnet) als Dekoration, die Farbe Türkis durchgängig als Designelement, leise Lounge-Musik, ein formidabler Bartresen mit jeder Menge ordentlicher Alkoholika, vor allem Gins, dazu das altbekannte signature furniture, der mächtige türkise Ohren-Drehsessel. Das Einchecken ist Dank der Datenübernahme aus der Onlinebuchung in keinen zwei Minuten erledigt – sofern nicht eine Schlange von Anreisenden vor dem Counter mit zwei sehr jungen und bemühten Mitarbeitern steht, dann kann’s schon mal dauern. Auch das Zimmer wie immer, hinlänglich sauber, quälend eng, keinen Meter Abstand zwischen Bett und Wand, im Nürnberg City kann man wählen zwischen Blick auf die Bahntrasse und Blick auf die Hauptverkehrsstraße, aber die Schallisolierung der Fenster ist ok, winziges, funktionales Bad mit allem, was man braucht (außer Platz, zu zweit passt man da nicht rein), kein Kleiderschrank, sondern nur eine Garderobe an der Wand, gute Bettwäsche und Handtücher, in einem Doppelzimmer gibt es einen einzigen Stuhl und nur einen Kofferbock (für einen zweiten wäre auch kein Platz), dazu ein winziger Schreibtisch und einen vermaledeiten, recht großen Flachbildfernseher, der jedes Mal, wenn man das Zimmer betritt, anspringt und das Bild eines Kaminfeuers zeigt (ich habe den Stecker gezogen). Stromtechnisch ist man im Motel One schon im 21. Jahrhundert angekommen, auf jeder Bettseite gibt es zwei leicht zugängliche Steckdosen (wie oft bin ich in alten Sterneschuppen auf Knien unter dem Schreibtisch herumgekrochen und habe den verstaubten Stecker einer Stehlampe aus der einzigen Steckdose gezogen, um Strom für meinen Laptop zu haben?). Dafür ist das Nachttischchen so winzig, dass ein Buch und ein Handy schwerlich nebeneinander darauf passen. Das Frühstück (nicht im Preis inbegriffen) ist ebenfalls quite ok, sehr ordentliche, reichhaltige Backwaren, gute Kaffeeautomaten (immer mehrere, um Schlangen zu vermeiden), hinreichende Auswahl an Cerealien, Aufstrichen, Brotbelägen (wobei ich Wurst und Schinken meist etwas traurig finde), keine frischen Eierspeisen, aber reichlich weich-hart gekochte Eier (vom Personal mit lustigen bis albernen Gesichtern bemalt), alles in allem wird man ordentlich satt. Etwas allerdings stößt mir beim Frühstück negativ auf: da macht die Hotelkette so ein Brimborium um Öko und Umweltschutz und Ressourcenschonung (halt all die Buzzwords, die die junge Klientel geil findet und anlockt, solange das Hotelerlebnis dadurch nicht eingeschränkt wird und alles ohne Verzicht seitens der Kundschaft von statten geht), … und dann gibt’s im März frischen Obstsalat mit Ananas, Melonen, Trauben – ja was glaubt ihr denn, wo das Zeugs um diese Jahreszeit herkommt? Frisch vom Feld heimischer Bauern? Ökologisch mit dem Eselskarren über die Alpen transportiert? Die Früchte werden aus aller Welt eingeflogen oder mit dreckigen Frachtschiffen gekühlt über Meere geschifft – und das soll ökologisch sein? Wie gesagt, Umwelt-Blub-Blub jederzeit gerne, aber das eigene Wohlergehen – Flugananas zum Frühstück – darf nicht beeinträchtigt werden. Scheinheilige Gesellen!
Aber man weiß ja, was einen erwartet, wenn man Motel One bucht. Die Häuser sind alle weitgehend gleich: zentrale Lage, moderne, gepflegte Immobilien, niedrige Preise, winzige, funktionale Zimmer, dafür immer eine gemütliche Lounge mit respektabler Bar, in die es nicht nur Hotelgäste, sondern auch Einheimische verschlägt, vorwiegend junges Volk. In Nürnberg oder München ist diese Lounge in der Hotelhalle untergebracht, andere Häuser wie Leipzig oder Ulm verfügen zusätzlich über ziemlich schöne Dachterrassen mit beeindruckenden Aussichten. Neuerdings gibt es sogar Kleinigkeiten zu essen, verschiedene Toasts. Wenn man ein Motel One gesehen hat, hat man im Prinzip alle gesehen, man weiß, wie die Läden funktionieren, man braucht sich nicht lange zu orientieren oder einzugewöhnen, es gibt kaum Überraschungen, positive wie negative, irgendwie ist man fast „zuhause“.
Motel One Nürnberg-City
Bahnhofstraße 18
D – 90402 Nürnberg
Tel.: +49 (9 11) 27 43 17-0
Email: nuernberg-city@motel-one.com
Online: https://www.motel-one.com/de

